Süddeutsche Zeitung

Nürnberg: "Er war doch unser Retter in der Not, immer."

Als Sozialarbeiter hat sich Werner Stricker gut 40 Jahre lang um die Sinti-Siedlung in Nürnberg gekümmert, jetzt geht er in Rente. Damit endet auch die Geschichte des Wohnviertels am Stadtrand.

Anfangs war es die reine Abenteuerlust. Sie hat Werner Stricker als Bub dazu angetrieben, sich mit dem Fahrrad der Uffenheimer Straße im Nürnberger Stadtteil Großreuth bei Schweinau zu nähern. Das war zu der Zeit, in der viele Eltern ihre Kinder ermahnten, "zu den Wohnwagen der Zigeuner" Abstand zu halten. Zeitweise sollen dort mehrere hundert Menschen gelebt haben - buchstäblich am Rande der Stadtgesellschaft. Aber das Tabu lockte, und natürlich fuhr Stricker zumindest daran vorbei. "Querfeldein sind hier Wohnwagen rumgestanden", erinnert sich der 67-Jährige. Doch was die Abenteuerlust betraf, die hatte auch Grenzen. "Irgendwie empfanden wir die Wohnwagen-Siedlung damals als unnahbar. Da sind wir schneller gefahren", sagt er.

Strickers Stimme wird lauter. Muss sie auch. Gilt es doch den Aktenvernichter zu übertönen. Der jault kläglich im Endspurt. "Ich habe jetzt die Dokumente von mehr als 40 Jahren zerhackt, zerrissen, entsorgt. Das sind mehr als 40 Jahre Geschichte von Menschen, für die ich gearbeitet habe", sagt er. Der Sozialarbeiter hört auf, geht in Rente. Zwei Jahre später, als er eigentlich hätte gehen können. Aber er wollte ja die Sinti-Familien in der Uffenheimer Straße noch in ihr neues Leben begleiten. Bald ist deren Siedlung Geschichte. Die 1983 erbauten sieben Häuser, die den verbliebenen Familien nach der Auflösung des Wohnwagen-Stellplatzes zur Heimat wurden, werden abgerissen. "Das ist letztlich gut so, auch wenn der Abschied vielen der Bewohner sehr schwer fällt", betont Stricker. "Diese Wohngegend wirkt zwar idyllisch, aber hier wird man krank", sagt er, "ein Wahnsinnslärm!"

Der Preis für das nur scheinbar idyllische Leben war ein hoher. "Lungenkrebs, Schlaganfälle, Herzinfarkte, Depressionen - und das in einer Masse, wie man sie sich bei einer so kleinen Gemeinschaft gar nicht vorstellen kann. Hier gab es schließlich niemanden mehr, der nicht krank war", sagt Stricker - einmal mehr bereit, sich vor die Menschen zu stellen, für die er seit November 1978 je nach Bedarf Anwalt, Mutmacher, Ideengeber, Familienberater, Ombudsmann und Beichtvater war. Aber für Sentimentalitäten hat Werner Stricker jetzt keine Zeit. Er trommelt mit einem Finger auf sein altes Telefon. "Das kommt mit nach Hause", bestimmt er. Was dann aus der aufgelösten Siedlung wird? Ein Recyclinghof ist laut Stricker schon beschlossene Sache - eingebettet zwischen einer stark befahrenen Autobahn und einer Bahnstrecke, auf der Tag und Nacht Güterzüge entlangdonnern.

Ein junger Sinto tritt an Strickers Schreibtisch - nun kurz vor Schluss übersät von Fotos, Büroklammern, Schriftstücken, alten Scheren und einer Ersatzbrille. "Wie ist denn das für dich, Werner? Wenn du hier zusperrst? Komisch, nicht?", fragt er. Auch ihn hat Werner Stricker früher immer mit den anderen Sinti-Kindern zur Schule gebracht. Tag für Tag hat Stricker den Buben und Mädchen bei den Hausaufgaben geholfen. Hier "in der Hütte", wie er das schmucklose Dienstgebäude am Rande der Siedlung nennt. Er hat mit ihnen draußen Ball gespielt, hat für sie Ausflüge organisiert, hat ihren Eltern Kraft gegeben, wenn die nach fünf, sechs erfolglosen Behördengängen heulend vor ihm standen. "Er war doch unser Retter in der Not, immer. Jetzt ist er weg", sagt der junge Mann. Stricker sagt nichts.

Freilich, so räumt er später ein, hätten viele der gesichteten Dokumente Erinnerungen in ihm wachgerufen. Etwa, wie die Uffenheimer Straße durch einen Zeitungsartikel wieder in sein Leben trat. Als Student der Sozialen Arbeit las er da, der Wohnwagen-Stellplatz werde aufgelöst. "Die wollten die Sinti in Obdachlosen-Siedlungen unterbringen", sagt er. Für Stricker ein unerträglicher Gedanke, noch heute: "Es kann doch nicht sein, dass man eine miese Wohnsituation dadurch verändert, dass man die Leute in eine andere miese Wohnsituation bringt." Stricker und seine Mitstreiter nahmen mit den Betroffenen Kontakt auf, erarbeiteten mit ihnen eine gemeinsame Strategie. "Er hat mit durchgekämpft, dass die Menschen dort endlich ein festes Dach über dem Kopf bekamen", bescheinigten ihm vor fast 20 Jahren die Nürnberger Nachrichten, "und er war da, als nach dem Hausbau alle ausgelaugt und fertig waren."

Ein Zeitungsfoto zeigt Stricker als jungen Mann mit wallendem Haar im Stil des Romanhelden D'Artagnan. Das lange Haar ist geblieben, das Engagement nicht minder. "Man muss miteinander etwas entwickeln", beschreibt er sein Credo als Sozialarbeiter, "denn will man Menschen etwas überstülpen, dann wehren die sich zu Recht." Das gelte auch für die Sinti, die über Jahrhunderte hinweg immer wieder die gleichen Erfahrungen machen mussten: "Dass man sie ausgrenzt, vertreibt oder gar umbringt", sagt Stricker. Die meisten Sinti, die in der Nachkriegszeit mit ihren Wohnwagen in der Uffenheimer Straße ankamen, hatten durch den NS-Terror Furchtbares erlitten, hatten viele ihrer Angehörigen verloren. Ludwig Franz etwa, der mittlerweile wie die meisten der früheren Bewohner die Siedlung verlassen hat, war als Siebenjähriger ins KZ gekommen. "Wir haben als Kinder Steine geklopft, und die Menschen, die nicht gesprungen sind, haben sie totgeschossen", sagt er. Stricker hat viele solcher Sätze gehört, und daran dürfte sich nichts ändern. Ludwig Franz will er auch künftig besuchen.

Eigentlich liebt Werner Stricker ja die Berge, das Motorradfahren. Es fragt sich nur, wie viel Zeit ihm dafür bleibt. Bei den Behörden gilt er als profunder Kenner der Sinti-Kultur. Also wurde er gefragt, ob er nicht ehrenamtlich als Berater zur Verfügung stehen könnte. Außerdem hat er selbst neue Projekte angeleiert. So etwa ein Kultur- und Begegnungszentrum für die Nürnberger Sinti. "Es kann aber nicht sein, dass ich dann da die ganze Zeit als Ober-Guru rumhänge", sagt er. Ein kurzer Satz zum langen Abschied.

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SZ vom 10.08.2019/scpa
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