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Bewegung gegen "Catcalling":Ankreiden gegen Hinterherpfeifen

Dina Davidova und ihre Mitstreiterinnen schreiben mit Kreide auf den Boden, wie jemand belästigt wurde. Oft genau dort, wo sich der Fall ereignet hat - auch mitten in der Nürnberger Fußgängerzone.

(Foto: Catcalls/oh)

Auf der Straße, unter dem Balkon, in der Fußgängerzone: Aktivistinnen dokumentieren Fälle verbaler sexueller Gewalt und schreiben sie öffentlich nieder. Das schafft Aufmerksamkeit - löst aber auch Kritik aus.

Von Clara Lipkowski, Nürnberg

Man solle sich nicht so anstellen. So schlimm sei das auch nicht. Das sei doch als Kompliment gemeint - solche Reaktionen kennt Dina Davidova, 20, gut. Sie hört sie, wenn sie in Nürnberg mit Kreide Erlebnisse verbaler sexueller Belästigung auf die Straße schreibt. Häufig blieben Passanten stehen, erzählt sie, und schauen auf Sätze wie: "Ey Puppe". Oder: "Schau mal, die kann bestimmt gut bla***".

Davidova dokumentiert die anonymisierten Fälle mit bunter, wasserlöslicher Kreide da, wo der Vorfall stattgefunden hat. In der Nürnberger Fußgängerzone, in der Nähe des Hauptbahnhofs. "Ey Puppe", stand später nahe dem Balkon von dem der Spruch kam. Die Erlebnisse haben ihr zuvor Betroffene über Instagram geschrieben. Davidova will damit den Betroffenen eine Stimme geben, sagt sie. Das, was in der Öffentlichkeit passiert ist, zurück in die Öffentlichkeit holen, weil viele in der Situation verängstigt oder sprachlos seien. Auf Instagram veröffentlicht sie dann ein Bild vom Kreide-Schriftzug, um mehr Leute zu sensibilisieren.

Damit gehört Dina Davidova zu einer Bewegung, die sich gegen "Catcalling" ("Hinterherpfeifen") engagiert. Gemeint sind übergriffige, sexuelle Äußerungen in der Öffentlichkeit, ungefragte Kommentierungen des Körpers, Geräusche, Schnalzen, Pfeifen oder unmissverständliche Gesten wie der Griff in den eigenen Schritt. "Catcalls of" nennt sich die Bewegung - Catcalls of Nürnberg, Catcalls of Erlangen, of Aschaffenburg, Berlin, Paris, New York. Am Big Apple entstand die Idee, es bilden sich immer mehr Gruppen auch in Bayern.

Davidovas Gruppe ist seit Juli 2019 auf sieben Aktivistinnen und etwa 1500 Instagram-Follower gewachsen. Immer wieder, erzählt sie am Telefon, entstünden bei den Aktionen Gespräche, nicht immer freundlicher Art. Zu zweit ziehen sie deshalb inzwischen los, die eine kreidet an, die andere spricht mit den Leuten.

Ankreiden, so nennt das die Bewegung, die Doppeldeutung ist Absicht. Denn kritisieren wollen die Aktivistinnen auch, dass verbale sexuelle Belästigung in der Gesellschaft zwar als unangenehm aber "normal" hingenommen, mögliche Traumatisierungen bagatellisiert würden. Theresa, 17, von Catcalls of Augsburg erzählt in einem Video-Gespräch mit ihrer Gruppe, dass Betroffene sich fragten, was sie falsch gemacht hätten, ob sie ihre Kleidung anpassen sollten. "Aber das Opfer ist nicht schuld." Auch ein auffälliges T-Shirt rechtfertige keine respektlosen Sprüche. Paula, 20, von Catcalls of Aschaffenburg, betont im Zoom-Gruppen-Call: "Die Grenze, ab wann etwas zu viel ist, zieht man selbst." Catcalling sei nicht mit einem Kompliment zu verwechseln. "Ein Kompliment ist wohlwollend." Wehre sich eine Person gegen Catcalling, zeige die Erfahrung, dass der Täter aggressiv reagiere.

Der Aschaffenburger Gruppe folgen auf Instagram etwa 1500 Menschen. Die Zahl der täglichen Nachrichten schwankt, derzeit sind es etwa 15, oft von 16- bis 24-Jährigen und zu etwa 95 Prozent von Mädchen und Frauen. Instagram erfasst diese Daten, viele Menschen erzählen aber auch von sich aus. Auch Elf- bis 13-Jährige schickten Vorfälle, berichtet die Gruppe.

Das Augsburger Pendant hat rund 4600 Follower. Eine vergleichsweise hohe Zahl. Die hat auch mit dem zu tun, was am Montag vor dem Augsburger Rathaus passiert ist. Die Aktivistin und Studentin Jana, 21, hatte vor dem Rathaus mit Kreide auf den Boden geschrieben, zensiert, dennoch drastisch: "Ein Mann bot mir 50 € an, weil er 'immer schon eine Schwarze f*cken wollte' und gratulierte mir zu meinem tollen Ne***arsch." Grundsätzlich ist es nicht verboten, mit wasserlöslicher Kreide in der Öffentlichkeit zu malen. Doch Passanten fühlten sich gestört, riefen die Polizei. Jana war da schon weg.

Die Polizei begründete ihren Einsatz auf Nachfrage damit, dass der Schriftzug "ohne Hintergrundwissen" nicht verständlich gewesen, "als sexistisch und rassistisch motiviert missverstanden" worden sei. Es habe "eine Gefahr für die öffentliche Ordnung" bestanden. Die Beamten - und darüber staunen die Aktivistinnen immer noch - statteten Klimaschützern in einem nahegelegenen Camp einen Besuch ab, baten sie, die Kreide zu entfernen. Die lehnten ab, auch, weil sie gar nicht involviert waren. Also rief die Polizei die Feuerwehr. Kurz darauf rückte ein Löschfahrzeug an. In den sozialen Medien wird darüber immer noch gespottet. Ein Eimer Wasser hätte es auch getan, so der Tenor.

Und die Aktivistinnen wehrten sich. Sie hätten "Triggerwarnung" über die Botschaft geschrieben, #rassismusbekämpfen darunter. Sie vermuten, dass eher die Drastik des Falls am prominenten Ort Grund der Aufregung war. Die Followerzahl der Gruppe wuchs schlagartig, es gab viel Zuspruch.

Die Bewegung profitiert von der Aufmerksamkeit. Sie strebt auch in eine andere Richtung, drängt auf eine Gesetzesänderung. Davon erzählen die Nürnberger, Aschaffenburger und Augsburger Aktivistinnen. Bisher sind Beleidigungen und physische sexuelle Belästigung strafbar, verbale hingegen nicht, anders als etwa in Frankreich. Sie stützen deshalb eine Online-Petition der Würzburger Studentin Antonia Quell, die knapp 70 000 Unterschriften gesammelt hat. Doch ein Catcalling-Gesetz ist umstritten. "Das Strafrecht solle Ultima Ratio sein, nur gravierendes Unrecht bestrafen", sagt etwa der Erlanger Jura-Professor Hans Kudlich. Doch es stimme, psychische Folgen verbaler Übergriffe blieben in der Rechtsprechung oft unbeachtet.

Während die Debatten im Netz weitergehen, pausieren die Aktionen in bayerischen Städten coronabedingt. Dina Davidova will in Nürnberg weiterkreiden, sobald es geht; auch Schulprojekte machen. Sie ermutige, sagt sie noch am Telefon, dass viele junge Männer positiv reagierten: "Die sagen dann: Ach so, ich wusste gar nicht, dass das für Frauen ein Problem ist."

© SZ vom 14.12.2020/vewo
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