Operninterim in Nürnberg:Klassische Musik auf einem ehemaligen Nazi-Areal?

Operninterim in Nürnberg: In der ehemaligen, nicht vollendeten Kongresshalle der Nazis in Nürnberg sind schon seit Jahrzehnten die Symphoniker unterbebracht.

In der ehemaligen, nicht vollendeten Kongresshalle der Nazis in Nürnberg sind schon seit Jahrzehnten die Symphoniker unterbebracht.

(Foto: Helmut Meyer zur Capellen/Museen der Stadt Nürnberg)

Lucius Hemmer, Intendant der Nürnberger Symphoniker, arbeitet seit fast zwei Jahrzehnten in der ehemaligen NS-Kongresshalle. Warum er für einen Kulturbau am dortigen See plädiert - mit anschließender Konzertnutzung.

Interview von Olaf Przybilla, Nürnberg

Nürnberg plant sein Operninterim an der Kongresshalle. Klassische Musik auf ehemaligem Nazi-Areal? Das kennen sie bei den Nürnberger Symphonikern schon seit Jahrzehnten, sie haben dort ihre Büros, ihr Studio, einen Konzertsaal. Ein Gespräch mit Intendant Lucius Hemmer.

SZ: Herr Hemmer, wie war das, als Sie erstmals Ihren Arbeitsplatz in dieser monströsen Immobilie der Nazis betreten haben?

Lucius Hemmer: Das ist jetzt fast 20 Jahre her. Dieses Gebäude muss man schon erst mal überwinden und erklimmen. Aber sobald man dann die engagierten Leute trifft, die da jeden Tag zur Arbeit gehen, verliert das ganz schnell seinen trutzigen, abstoßenden Charakter. Man vergisst den Hintergrund bald. Nach der ersten Konfrontation war das danach tatsächlich nie wieder ein Problem.

Operninterim in Nürnberg: Lucius Hemmer ist der Intendant der Nürnberger Symphoniker.

Lucius Hemmer ist der Intendant der Nürnberger Symphoniker.

(Foto: Ludwig Olah)

Der Mensch ist schon ein unglaubliches Gewöhnungstier.

Das kann man in Nürnberg ja häufig erleben. Jemand, der zum ersten Mal übers Zeppelinfeld läuft, ist natürlich beklommen: Da war der Aufmarsch der Nazis, dort das in die Luft gesprengte Hakenkreuz. Wenn dann kurz davor das berühmte Norisrennen durchrauscht, dann schluckt man schon gewaltig. "Brot und Spiele" an diesem Ort? Irgendwann aber kommt man dahinter, dass es gut ist, wenn diese Bauten vertretbar umgewidmet werden.

Für Sie ist das Areal schlicht Ihr Arbeitsplatz?

Klar, die Symphoniker haben in der Kongresshalle ja ihren Sitz von Management und Verwaltung. In den Sechzigerjahren ist das Orchester hier eingezogen, in eine Ruine mit fast nichts. Bald wurde hier auch eine Tochter der Symphoniker gegründet, die "Colloseum"-Schallplatten.

Ein Name offenbar in Anlehnung an jenen Bau in Rom, den die Nazis in Nürnberg größenmäßig übertreffen wollten.

Auch wurde hier ein Studio gebaut, in dem die Symphoniker geprobt und Aufnahmen gemacht haben: Dschungelbuch mit Elmar Gunsch etwa. In den Achtzigerjahren wurde das Studio noch um den Serenadenhof erweitert, in einem Innenhof der Kopfbauten gelegen: zeltüberspannt, eingewachsen, im Sommer ein Open-Air-Traum - eine herrlich grüne Oase mitten in der Stadt.

Einen Konzertsaal gibt es seit 2011 auch, die Symphoniker nutzen die ehemalige Interimsstätte des Schauspielhauses. Für große symphonische Auftritte muss das Orchester trotzdem in die Meistersingerhalle ziehen.

Aber Stummfilm mit Liveorchester beispielsweise, das läuft bei uns. 500 Plätze hat unser Saal, das hat was Intimes, fast Familiäres.

Hat das Areal Einfluss auf Ihren Spielplan?

Insofern ja, als wir hier teils ein bewusst konterkarierendes Programm machen. In unserem Saal wurde 70 Jahre Israel gefeiert, 1700 Jahre jüdisches Leben auch - in Kooperation mit der israelitischen Kultusgemeinde. Und eines ist auch klar: Auf die Idee, hier "Les Préludes" von Liszt aufzuführen, würden wir nie kommen.

Die Erkennungsmelodie für den Wehrmachtsbericht in der "Wochenschau".

Ansonsten kann man wirklich nicht mehr behaupten, dass es irgendwie absonderlich wäre, wenn in der Kongresshalle Kultur stattfindet. Von den Konzerten von Gastveranstaltern mal ganz abgesehen: Annett Louisan, BAP, Helge Schneider und so weiter.

Die Debatte, ob man dort Musikkultur, Wagner-Opern etwa, aufführen soll, köchelt auch auf deutlich kleinerer Flamme als die Frage, wohin der Aufführungsbau für ein Operninterim soll. Dazu dürfen Sie als Nachbar eine Meinung haben.

Also: Grundsätzlich finden wir es uneingeschränkt begeisternd, dass hier das Interim hinkommen wird. Bislang liegen wir ja ein bisschen am Rande: Die Symphoniker? Die sind doch irgendwo am Dutzendteich - fast schon Off-Szene. Das wird nun Nabel des kulturellen Lebens in Nürnberg.

Aber?

Mit dem Innenhof des NS-Hufeisens als Spielort hätten wir starke Bauchschmerzen. Nach dem Umbau des Eingangs am Dokuzentrum wird jedes Fahrzeug, um dorthin zu kommen, an unserem Musiksaal, unserem Studio, unseren Büros vorbei müssen. Das bedeutet in der Bauzeit mehrere Jahre lang Schwerlastverkehr am Personaleingang vorbei und ich wüsste nicht, wie wir da unseren Betrieb aufrechterhalten können.

Also müsste der Aufführungsort außerhalb des NS-Torso gebaut werden?

Auch da haben wir uns schon Gedanken gemacht. Die seeabgewandte Seite kommt verkehrsbedingt wohl kaum infrage. Aufs Volksfestgelände? Hätte zwar was Theatralisches, war aber wohl nicht so vorgesehen - und die Schausteller fänden das sicher auch nicht prickelnd. Bleibt die Seite zum Dutzendteich. Die ist prädestiniert.

Ungefähr da, wo - bevor die Nazis mit ihrem Monsterbau kamen - mal ein Leuchtturm stand?

In etwa, ja. Jeder, der mal am KKL, der Konzerthalle am Vierwaldstättersee in Luzern war, der weiß, wie faszinierend so ein Ort sein kann. Als Statement eines Wandels fände ich das fabelhaft: Der Neubau könnte in seiner Bedeutung, Gewichtung und Wahrnehmung die alte Kongresshalle überstrahlen. Eine einladende Geste. Damit wäre das Interim gerade nicht versteckt, so als dürfte man es nicht sehen.

Und nach zehn Jahren dann wieder weg damit?

Absolut nicht! Ich plädiere sehr dafür, diese Aufführungshalle von vorneherein so zu planen, dass sie nach der Zeit als Operninterim als der neue, große Nürnberger Konzertsaal genutzt werden kann. Das wäre selbstbewusst! Und damit würde man sich nicht wegducken vor der monströsen Kulisse.

Sie glauben, so eine Doppelplanung ist in der Stadt durchsetzbar?

Ich habe wahrgenommen, dass man da noch zögerlich ist. Aber das wohl vor allem, weil die Stadt unter extremem Zeitdruck steht, 2025 soll das Interim für die Oper ja fertig sein. Kann ich alles verstehen. Andererseits: Jetzt hat man so einen Mut gezeigt mit dem Beschluss, dieses NS-Gebäude zu transformieren - es ist, wenn man ehrlich ist, ja bislang nur ein bisschen Kultur hier und deutlich mehr Lager und Leerstand. Nun hätte die Stadt die riesige Chance, diesen Bau der dunklen Seite ihrer Geschichte sinnvoll und auf Dauer umzuwidmen. Dafür sollte man sich Zeit nehmen, um einen Interimsbau mit späterer Konzertnutzung zu planen. Diese Chance hat man nur einmal! Zumal so eine Planung deutlich nachhaltiger wäre als ein rein interimistischer Bau. Und Nachhaltigkeit ist in meinen Augen heutzutage Pflicht!

Bleiben die Kosten.

Schon wahr. Nur gibt es ja sogar in der kulturaffinen Szene den einen oder anderen, der Bauchschmerzen hat angesichts der in Rede stehenden Summen für die Opernsanierung samt Interimsbau, von einer halben Milliarde Euro ist zu hören. Ich bin überzeugt davon, dass die Akzeptanz in der Bevölkerung erheblich steigen würde, wenn bei alledem am Ende ein neues, in Nürnberg ja äußerst benötigtes Konzerthaus herausspringen würde. Das wäre doch ein völlig neues Narrativ! Zumal so ein Haus ja nicht der symphonischen Musik vorbehalten wäre: Jazz, Weltmusik, Chöre, Festival alles könnte man da reinlassen. Ein Begegnungsort also. So etwas gehört dahin, wo sich Menschen gerne begegnen. Hier wäre das: am Wasser.

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