Kunstminister Markus Blume, gebürtiger Münchner, stellt sich kulturellen Fragen in Nürnberg, der Abend läuft gut für ihn, keine Wissenslücke, kein Franken-Fauxpas. Nur noch eine letzte Frage, Blume muss noch einen Halbsatz zu Ende bringen und der ist eine Einladung für billige Girlanden: „Nürnberg ist für den Kulturstaat Bayern wichtig, weil …“ Es folgt eine auffällige Pause, man glaubt dem Kunstminister dabei zuschauen zu können, wie er Chancen und Risiken abwägt. Und sich dann erfreulicherweise fürs Risiko entscheidet.
Blume (CSU) antwortet: „Weil mich der Ministerpräsident jeden Tag daran erinnert“, nächste Pause, aufbrandendes Gelächter, „dass wir hier in Nürnberg und insgesamt in Franken wahnsinnig viel zu tun haben.“ Missliebige könnten ihm das so auslegen: Dieser Landstrich ist exakt deshalb kulturell bedeutsam für den Freistaat, weil der Chef das so anweist, penetrant.
Aus der Lachlautstärke im Saal lässt sich an diesem Abend folgern: wenig Missliebige anwesend. Die „Initiative Kulturzukunft“ hat ins Neue Museum geladen, das Thema lautet „Interim und Zwischennutzung – eine Perspektive für Bayern.“ Der Ort für eine solche Debatte, Nürnberg, ist einerseits gut gewählt. Immerhin hat die Diskussion über ein Opern-Interim auf dem ehemaligen Reichsparteitagsgelände diese Stadt über Jahre in Atem gehalten.

Andererseits ist der ursprüngliche Begriff vom „Interim“ in Nürnberg gar nicht mehr so angesagt. Suggeriert er doch, was zunächst so in Rede stand, dass der Kulturneubau inmitten des NS-Altbaus namens Kongresshalle irgendwann wieder abgetragen wird, sobald er nicht mehr als Opern- und Ballett-Spielstätte genutzt wird.
Der NS-Bau steht unter Denkmalschutz, Denkmalschützer hatten auf das Wieder-Abtragen gedrängt. Bis der Ministerpräsident das Thema höchstpersönlich abgeräumt hat: Wenn man dort schon Geld in die Hand nehme, dann werde dieser Kulturneubau ganz sicher weitergenutzt, wie auch immer.

Ob Nürnbergs Oper überhaupt noch mal zurückkehren wird ins Zentrum, an den Richard-Wagner-Platz, in den alten Repräsentationsbau? Auch das ist Thema an diesem Abend. Staatsintendant Jens-Daniel Herzog, dessen Vertrag gerade, nicht zuletzt angesichts bevorstehender Bau-Aufgaben, bis 2036 verlängert wurde, gilt als Verfechter dieser Variante. Drei Sparten von Bayerns größtem Mehrspartenhaus werden demnächst aufs einstige NS-Areal ausquartiert, das Schauspiel war dort auch schon, als das eigene Haus saniert worden ist. Es bleibt nun natürlich im renovierten Haus im Stadtzentrum.
Sollten Oper und Ballett dauerhaft in der „Kongresshalle“ bleiben – würde das bedeuten, den imposanten Theaterkomplex am Wagner-Platz für alle Zeiten auseinanderzureißen. Der Staatsintendant will das nicht, er möchte den Prachtbau stattdessen aus einem ursprünglich für wenige gedachten Ort zu einem für möglichst viele umwandeln. Aber das, bekundet Herzog, werde ganz allein die Stadtgesellschaft entscheiden. Erst kümmere man sich um den ersten „Kloß“, den Opernumzug aufs Ex-Reichsparteitagsgelände. Danach gegebenenfalls um den nächsten. Eine etwaige Rückkehr.

Man darf dem Kunstminister abnehmen, dass er dieses Prozedere für angemessen hält. Nürnberg, sagt er, habe alles richtig gemacht, indem man mit dem Plan für einen Kulturneubau an der Kongresshalle „geklotzt und nicht gekleckert“ habe. Geplant ist dort ein zwar äußerlich unspektakulärer, technisch aber ausgereifter Spielort, der keine Eile für eine Rückkehr ins Stadtzentrum entstehen lassen soll. Alle Optionen also offen lässt.
Überhaupt kann sich die Stadt nicht über Mangel an Komplimenten beschweren an diesem Abend, bei Kulturbauten ist das eher die Ausnahme. Anlass gab Nürnbergs Stadtrat, der kürzlich darüber unterrichtet wurde, dass der Opernneubau – Stand jetzt – im zeitlichen und finanziell gesteckten Rahmen bleibt. Man muss nicht weit blicken von Nürnberg aus, um zu wissen, dass dergleichen auch anders kommen kann. In Würzburg etwa droht der Umbau des Mainfranken Theaters zum mittleren Fiasko zu werden.
Einen wichtigen Satz können Anna Kleeblatt und Markus Michalke, sie moderieren, dem Kunstminister an diesem Abend abringen. Die Aufgaben auf dem Ex-Reichsparteitagsgelände seien deutlich „größer, als sie nur der Stadt Nürnberg um den Hals zu hängen“. Gegebenenfalls müsste man den Freistaat daran erinnern. Noch aber sieht es nicht danach aus.

