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Nürnberg:"Wir wollen nicht über unsere Vergangenheit hinwegsehen"

Die Vergangenheit mit Gegenwart und Zukunft verbinden: Was architektonisch am Neuen Museum in Nürnberg als gelungen gelten darf, soll die Stadt nun auch zur Kulturhauptstadt Europas 2025 werden lassen.

(Foto: Martin Siepmann/Mauritius Images)

Nürnberg will Kulturhauptstadt werden, doch lässt die Stadt in ihrem zweiten Bewerbungsbuch die Probleme nicht unerwähnt: die Last der NS-Zeit, versteckte Konflikte mit Nachbarstädten und nun die Corona-Krise.

Von Olaf Przybilla, Nürnberg

An eine Pressekonferenz im historischen Rathaussaal Nürnbergs, der Herzkammer der Stadt, können sich selbst langjährige Beobachter nicht erinnern. Es geht also ums Eingemachte, das ist schon rein äußerlich das Signal, das man offenbar senden will. Nürnberg will 2025 Kulturhauptstadt Europas werden und sich am 28. Oktober 2020 gegen die Mitbewerber Magdeburg, Chemnitz, Hannover und Hildesheim durchsetzen. Nun ist das finale Bewerbungsbuch vorgestellt worden, auf 100 Seiten finden sich 60 Programmpunkte.

In diesem zweiten Bewerbungsbuch ist zunächst von einer "Schockstarre" die Rede, verursacht durch die Pandemie, die alle Pläne - nicht nur der Nürnberger - über den Haufen geworfen hat. Auch habe die Pandemie manchen einen willkommenen Anlass geboten, Grenzen des Diskurses zu überschreiten und unverhohlen nationalistische Töne anzuschlagen. Das Virus, analysieren die Bewerber aus Nürnberg, habe die Schwächen des politischen Europas wie unterm Brennglas sichtbar werden lassen. Ein Schlag also für eine Bewerbung als Kulturhauptstadt, weil Kultur in Zeiten der Krise an den Rand gedrängt zu werden droht? Sieht Nürnbergs Bewerbungsbüro anders: "Europäische Kulturhauptstadt muss mit und nach Covid-19 mehr als je zuvor europäisch gedacht werden", ist ein grundlegender Gedanke dieses Buches.

Dass Geschichte omnipräsent ist in europäischen Städten, ist eine Binse. Für Nürnberg, da lehnen sich die Bewerber wohl nicht zu sehr aus dem Fenster, trifft das "in ganz besonderem Maße" zu. Gotische Kirchenbauten als Signatur des Mittelalters, der Burgberg als ein Intellektuellen-Viertel der Renaissance, die Fürther Straße als paradigmatische Meile der Industrialisierung, das frühere NS-Parteitagsgelände als Manifestation der Rassengesetze, das Memorium Nürnberger Prozesse als Institution, die für den Beginn der weltweiten Nachkriegsgeschichte steht - Europas Geschichte ist tatsächlich in einigen wesentlichen Zügen in Nürnberg erlebbar.

Man sei stolz auf Dürer, heißt es im Bewerbungsbuch - "unsere Geschichte ist aber auch voller Schuld". Schon deshalb wolle man Historie immer wieder neu befragen, um nachfolgenden Generationen "eine gute und gerechte Welt" zu hinterlassen: "Und um nichts weniger als das soll es gehen, wenn wir im Jahr 2025 die Geschichte mit ganz Europa gemeinsam in die Zukunft fortschreiben." Das sind, könnte man sagen, durchaus nicht ganz gewöhnliche Töne aus Nürnberg, selbstbewusste Töne.

Auch um dergleichen Mentalitätsfragen macht das Buch keinen Bogen. Die Geschichte habe der Region um Nürnberg ein ambivalentes Erbe hinterlassen, wird da attestiert: "Mangelndes Vertrauen und versteckte Konflikte zwischen den Nachbarstädten sind Teil unseres täglichen Lebens." Auch dagegen will die Bewerbung angehen, immerhin haben 41 benachbarte Gebietskörperschaften finanzielle Zusagen gemacht und nehmen also an der Bewerbung teil. Die Bewerber glauben sogar ein "noch nie dagewesenes Maß an Zusammenarbeit" erkannt zu haben. Zanken in Franken? Dem will man entgegenarbeiten.

Das Programm kommt entsprechend gewichtig daher. Der Choreograf Boris Charmatz will "künstlerische Erfahrungsräume" fürs frühere NS-Parteitagsgelände öffnen. Auch sind alle Kunstgenres aufgerufen, Begegnungen an den Täter- und Opferorten Nürnberg und Flossenbürg zu ermöglichen, ihre Arbeiten sollen in einem "Museum Kunst und Gewalt im 20./21. Jahrhundert" präsentiert werden. Wissenschaftler wollen sich dem Phänomen Leni Riefenstahl nähern und das Fortbestehen faschistischer Ästhetik in Bild- und Medienwelten untersuchen. Und der Gesamtkunstwerk-Künstler Jonathan Meese soll ebenfalls Bezug auf Riefenstahl nehmen und sich mit der Zeppelintribüne, diesem Mahnmal der Stadt, auseinandersetzen.

"Ein Wagnis" nennt das Bewerbungschef Hans-Joachim Wagner. "Wir wollen nicht über unsere Vergangenheit hinwegsehen - wir nehmen sie mit in unseren Rucksack", erklärt Kulturbürgermeisterin Julia Lehner. Leichteres und Jüngeres soll es aber schon auch geben. So sind Jugendtheater aus sechs europäischen Ländern eingeladen, Produktionen zu entwickeln, die auch in ihren Heimatländern gezeigt werden. Mit der Partnerstadt Glasgow, 1990 selbst Kulturhauptstadt, will man ein Fest des inklusiven Tanzes und Theaters feiern. Designer und Designerinnen aus aller Welt sollen das Spielzeug von Morgen entwickeln. Und Dürer soll auch nicht fehlen. Weil in einem der wenigen erhaltenen Künstlerhäuser der Renaissance Originale fehlen, will Nürnberg ein "digitales Dürerhaus" entwickeln. Interessant dürfte zuletzt auch ein Parcours werden, der Wettbüros als "transkulturelle Zwischenräume" mit künstlerischen Interventionen bespielen will.

Für Programm, Marketing sowie Mieten und Gehälter stehen 83 Millionen Euro zur Verfügung - vor allem von Bund, Land und Stadt. Weitere 20 Millionen sollen in Infrastruktur investiert werden, etwa in die Umwandlung der ehemaligen NS-Kongresshalle in einen Ort von Kunst und Kultur. Oberbürgermeister Marcus König gibt sich dann auch optimistisch: "Nürnberg ist verliebt in das Gewinnen dieses Titels." Unterstützt wird er von Amtsvorgänger Ulrich Maly. Er steht einem externen Beirat vor, dem Fachleute aus Kultur, Wissenschaft und Wirtschaft angehören und der die Bewerber aus Franken beraten soll.

© SZ vom 22.09.2020/kafe

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