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Nürnberg:Die Fassade sei beim Bau genehmigt worden

Klaus Kratzer, ein auf Finanzen und Immobilien spezialisierter Nürnberger Rechtsanwalt, vertritt derzeit 120 Eigentümer. Er will von der VIT wegen der "ungerechtfertigten Notmaßnahmen" Schadenersatz fordern. Kratzer erhebt schwere Vorwürfe. Die Gesellschaft habe den Eigentümern bei der Sonderversammlung gedroht, dass sie noch vor Weihnachten aus ihren Wohnungen rausmüssten und in Asylbewerberunterkünften untergebracht würden, wenn sie das Geld für die Sofortmaßnahmen nicht genehmigten. "Für mich ist das eine strafrechtlich relevante Nötigungshandlung, was da passiert ist", sagt Kratzer. Teilnehmer berichten, dass auf der Versammlung Tränen flossen. Die Notmaßnahmen wurden an jenem Abend zwar genehmigt, allerdings unter einem "Haftungsvorbehalt".

Kratzer hält den Fassadenaustausch nicht nur für überstürzt, sondern auch für überflüssig. Aus seiner Sicht sind die Hochhäuser in Langwasser sicher und nicht mit dem Grenfell Tower zu vergleichen. Denn erstens war dort auch die Fassadenverkleidung brennbar und zweitens kam es zu einem Kamineffekt an der Fassade, den man in Nürnberg ausschließen könne. Dort wurden die Dämmplatten beim Betonieren direkt an die Wand gegossen. Und seit den Neunzigerjahren sind die Platten von einer nichtbrennbaren Schicht umgeben. Die Fachfirma, die die Arbeiten von 1995 an ausgeführt hat, sieht das genauso.

Anwalt Klaus Kratzer vertritt 120 Eigentümer.

(Foto: Elbmotion)

Dass brennbare Materialien an Hochhäusern per se verboten sind, hält Rechtsanwalt Kratzer nicht für ausreichend, um die Dämmung 50 Jahre später abzureißen. Die Fassade sei schließlich beim Bau genehmigt worden und noch ein weiteres Mal, als die Deutschbau die neue Verkleidung auf der alten Dämmung aufbringen ließ. Es gelte Bestandsschutz, solange keine Gefahrenlage nachgewiesen werde.

Tatsächlich müssen sich in den alten Bauakten Hinweise auf die brennbaren Stoffe finden, denn so wurde die ganze Sache ausgelöst: Im Frühjahr stellte die Feuerwehr bei einer routinemäßigen Überprüfung der Wohnanlage fest, dass es ein Problem mit der Feuerwehrzufahrt gibt, woraufhin die VIT eine Architektin beauftragte, eine Lösung zu finden. Die Architektin warf gleich noch einen Blick in die Bauakten und informierte die Bauordnungsbehörde der Stadt Nürnberg über mögliche verbotene Materialien. Die Stadt hat die VIT deshalb im Juni aufgefordert, nähere Untersuchungen vorzulegen, woraufhin die Materialproben nehmen ließ und einen Sachverständigen beauftragte.

In einer Antwort auf Fragen der Süddeutschen Zeitung verschweigt VIT-Geschäftsführer Ollig diese Vorgeschichte und stellt es so dar, als habe erst die Bauordnungsbehörde die VIT am 11. Oktober "im Nachgang einer Brandschutzbegehung darüber informiert, dass im Bereich der Fassaden brennbare Materialien verbaut sind". Jedenfalls trafen sich am 19. Oktober Baubehörde, Feuerwehr und die VIT zu einem Krisengespräch, bei dem der Sachverständige offenbar eine Einschätzung der Gefahrenlage abgab.

Auch andere Städte prüfen

Als Hochhäuser gelten Gebäude, bei denen der Fußboden im obersten Stockwerk mehr als 22 Meter über dem Erdgeschoss liegt. Schon vor der ersten bayerischen Nachkriegsbauordnung von 1962 gab es Richtlinien für Hochhäuser, die brennbare Baustoffe an den Außenwänden verboten. Die Stadt München befürchtet daher nicht, dass sie mit einem Fall wie in Nürnberg konfrontiert wird. "Die Lokalbaukommission erteilt eine Baugenehmigung nur dann, wenn entsprechende Nachweise erbracht wurden", teilt das Referat für Stadtplanung und Bauordnung mit. Nach dem Brand des Grenfell Tower in London habe man dennoch den Brandschutz der Münchner Hochhäuser untersucht. Dabei sei festgestellt worden, "dass derzeit kein erhöhter Handlungsbedarf besteht".

Die Stadt Erlangen will nach dem Überraschungsfund in Nürnberg alle Eigentümer und Hausverwaltungen anschreiben, "um auf die Risiken hinzuweisen und um Rückmeldung und Mitteilung der verbauten Dämmmaterialien zu bitten". In Regensburg ist das bereits geschehen. "Die Stadt hat die Eigentümer aufgefordert, einen verbindlichen Nachweis vorzulegen, dass die Fassaden den gesetzlichen Vorgaben entsprechen. Dieser Nachweis wurde von allen Eigentümern vorgelegt", teilt das Rathaus mit. Auch Würzburg hat nach dem Londoner Großbrand für 35 Hochhäuser Untersuchungen eingeleitet und Unterlagen angefordert, was nicht unkompliziert sei. Bei den 14 Hochhäusern der Stadtbau Würzburg sei die Prüfung bereits zufriedenstellend abgeschlossen. henz

Für Nürnbergs Baureferenten Daniel Ulrich ist diese mündliche Stellungnahme auch im Nachhinein ausreichend: Brennbares Material habe an einer Hochhausfassade nichts zu suchen. "Es waren sich alle einig, dass das ganz schnell runter muss." Hätte die VIT nicht sofort reagiert, hätte die Stadt handeln müssen, sagt Ulrich: "Es ist Spitz auf Knopf gestanden, das Haus zu räumen."

Aus Sicht von Rechtsanwalt Kratzer sind Materialproben kein ausreichender Beweis: "Wenn ich das Benzin in meinem Tank untersuchen lasse, ist das auch brennbar." Trotzdem gelte sein Auto als sicher. "Bei so einem großen Bauprojekt braucht man ein klassisches Gutachten", betont der Jurist. Ein schriftliches Gutachten gibt es aber offenbar nicht. Jedenfalls keines, dass der Stadt Nürnberg vorgelegt wurde, wie der Baureferent bestätigt.

Inzwischen ist der Abriss weit fortgeschritten. 70 Prozent der Fassade fehlen bereits. Wie auch immer der Rechtsstreit ausgeht, ist klar: Den Bewohnern steht ein ungemütlicher Winter bevor.

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