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Nürnberg:"Es waren sich alle einig, dass das ganz schnell runter muss"

Ein Hochhaus in Nürnberg-Langwasser

Ein Hochhaus in Nürnberg-Langwasser.

(Foto: SZ)
  • In mehreren Nürnberger Hochhäusern wurde brennbares Material verbaut.
  • Bei fünf Wohntürmen im Stadtteil Langwasser lässt die Stadt Nürnberg deshalb die Fassaden abschlagen.
  • Die Besitzer der Wohnungen protestieren und wollen klagen.

Am Grenfell Tower in London hat sich gezeigt, welch katastrophale Auswirkungen eine brennende Fassade bei einem Hochhaus haben kann. 72 Menschen sind bei dem Unglück im Juni 2017 ums Leben gekommen. Und Menschen in aller Welt fragten sich danach, ob so etwas auch bei ihnen möglich wäre. Bayerns Innenminister Joachim Herrmann, damals noch für das Thema Bau zuständig, war da ganz zuversichtlich: Er habe keine Sorge, dass so etwas bei einem Hochhaus in Bayern passieren könnte, erklärte er kurz nach der Tragödie: "Nicht umsonst haben wir in Bayern strenge Brandschutzvorschriften."

Doch es hat sich gezeigt, dass eben doch sein kann, was nicht sein darf. Mehr oder weniger zufällig hat sich herausgestellt, dass in mehreren Nürnberger Hochhäusern brennbares Material verbaut wurde, obwohl schon zu deren Entstehungszeit Anfang der Sechzigerjahre galt: "Verkleidungen in und an Hochhäusern dürfen nicht brennbar sein." Bei fünf Wohntürmen im Stadtteil Langwasser hat man Holzfaserplatten mit einer Styroporschicht als Dämmmaterial eingesetzt, die lediglich als "schwer entflammbar" gelten. Die Stadt Nürnberg und die Verwalterin der Wohnanlage haben deshalb Mitte Oktober beschlossen, die Fassaden in einer Hauruck-Aktion abschlagen zu lassen.

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"Da es sich um eine Anordnung der Stadt handelt und Gefahr im Verzug ist, bedurfte die Umsetzung dieser Maßnahmen keines Beschlusses der Eigentümergemeinschaft", sagt Stefan Ollig, Geschäftsführer der Verwaltergesellschaft, der Vonovia Immobilien Treuhand (VIT).

Die Wohnungseigentümer, die den mehrere Millionen teuren Fassadenaustausch finanzieren müssen, sind indessen nicht etwa dankbar, dass man sie womöglich vor dem Feuertod gerettet hat. Sie werfen der von ihnen beauftragten Verwaltergesellschaft "hysterischen Aktionismus" vor. "Es wurden Fakten geschaffen, ohne die Eigentümer einzubeziehen", sagt beispielsweise Frank Rupprecht, der seine Wohnung im 16. Stock mit spektakulärem Blick über Nürnberg vor zwei Jahren von seinem Vater geerbt hat.

Rupprecht ist einer von 120 Eigentümern, die gemeinsam juristisch gegen die VIT vorgehen. Er hält das Vorgehen der Gesellschaft für "eigenmächtig und nicht nachvollziehbar". Die Mehrzahl seiner Nachbarn seien Rentner und Spätaussiedler und hätten kaum Geld, sagt Rupprecht. Nicht wenige plagten nun Existenzängste. Denn allein die Kosten für den Abriss der Fassade werden auf fünf Millionen Euro geschätzt. Die Erneuerung dürfte ein Vielfaches kosten.

In den zwei Türmen mit 15 und drei Türmen mit 20 Stockwerken leben viele Menschen, die sich zwar Eigentümer nennen können, aber nur über ein geringes Einkommen verfügen. Das hat mit der Historie der markanten Wohnanlage zu tun, die sich im Stadtteil Langwasser direkt gegenüber des Messegeländes befindet. Bauherr war die damals bundeseigene Deutsche Wohnungsbaugesellschaft (Deutschbau), die Mietwohnungen für Mitarbeiter des Bundes und der Post schuf.

FILE PHOTO: Extensive damage is seen to the Grenfell Tower block which was destroyed in a disastrous fire, in north Kensington, West London

Der Grenfell Tower in London, dessen Fassade im vergangenen Jahr in Flammen aufging.

(Foto: Hannah Mckay/Reuters)

Ende der Neunzigerjahre kaufte ein Vorgängerunternehmen der Immobilienfirma Vonovia die Mietshäuser. Später wandelte sie diese in Eigentumswohnungen um. Für etwa 60 000 Euro konnte man Anfang des Jahrtausends eine Drei-Zimmer-Wohnung erwerben, nicht wenige Mieter gingen auf das Angebot ein. Die Vonovia selbst besitzt heute noch 46 von insgesamt 390 Wohnungen in den fünf Hochhäusern und verwaltet die Anlage weiterhin über ihre Tochterfirma VIT.

Genau von dieser Tochterfirma fühlen sich die Wohnungseigentümer überrumpelt. Die VIT habe sie alle erst am 16. Oktober über die mögliche Brandgefahr informiert, sagt Frank Rupprecht - und zwar durch ein Einwurfschreiben. Drei Tage später wurde der Fassadenabriss bereits beschlossen und schon am 22. Oktober rückten die Bauarbeiter an. Eine Woche danach informierte die VIT alle Eigentümer bei einer Versammlung in der Meistersingerhalle und stellte hohe Kosten in Aussicht - um die 40 000 Euro pro Wohnung.