Nürnberg Herr Vogel und die toten Gänse

Die Gänse am Wöhrder See machten so viel Dreck, dass sich die Stadt zum Abschuss entschieden hat.

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Nach dem Gänse-Abschuss in Nürnberg wird der zuständige Bürgermeister bedroht. Dem Oberbürgermeister scheint der Vorfall dagegen nicht zu schaden.

Von Olaf Przybilla

Die Nachrichtenlage im Nürnberg der vergangen Tage war von zweierlei geprägt. Da war die Meldung, dass Ulrich Maly, Sozialdemokrat und Oberbürgermeister der Stadt, einer Umfrage zufolge der mit Abstand beliebteste Rathauschef aller großen deutschen Städte ist. Und da war zu verfolgen, wie Christian Vogel, der ebenfalls Sozialdemokrat ist und als 2. Bürgermeister von Nürnberg auch Stellvertreter von Maly, sehr schwere Tage zu durchleben hat. Würde Forsa nicht nach dem beliebtesten Großstadtbürgermeister von Deutschland fragen, sondern nach dem derzeit unbeliebtesten Politiker Nürnbergs - Vogel dürfte reelle Chancen haben, mit ebenso großem Abstand als Sieger aus dieser Umfrage zu gehen wie Maly bei der anderen Frage.

Was ist passiert? Bürgermeister Vogel trägt die Verantwortung dafür, dass die Stadt Nürnberg sich entschieden hat, an der neu eingerichteten Badebucht am Wöhrder See Wildgänse schießen zu lassen. Die Maßnahme verstand sich als Ultima Ratio, nachdem man Schilder aufgestellt hatte, die Gans-Fütterungen untersagen, und für die Tiere Ersatzregionen an anderen Stellen des Sees eingerichtet hatte. Beides ohne nennenswerten Erfolg. Im Rathaus türmten sich die Beschwerden, dass in der von Markus Söder initiierten Bucht schon wenige Wochen nach deren Eröffnung kaum einer mehr ins Wasser gehen könne, ohne in diverse Fäkalienhaufen zu treten. Und es gebe eben auch spielende Kinder an diesem Stadtstrand. Wenn die mit Kot hantieren und die Stadt sich für unzuständig erklärt, macht das Menschen wütend.

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Keine komfortable Ausgangslage also für jemanden, der das zu entscheiden hat. Vogel ist in Nürnberg für den Zoo und für alles zuständig, was mit Tieren zu tun hat - also auch für die Gänse von der Norikusbucht. Und er dürfte gewusst haben, dass die Hassmails beim Abschuss vehementer und womöglich auch zahlreicher ausfallen würden, als wenn er gar nichts machen und die Gänse einfach Gänse sein lassen würde. In Deutschland, wo sich die Weihnachtsgans immer noch einer gewisser Beliebtheit erfreuen soll, ist das so.

Vogel hat dann beim Herantasten an den Abschuss manches richtig gemacht. Drei Wochen vor dem ersten Schuss hat er die Pläne angekündigt, schon um die Intensität des Proteststurms abschätzen zu können. Als sich der gelegt hatte, haben am vergangenen Samstag in der Morgendämmerung Jäger zum Gewehr gegriffen. Man wird nie erfahren, ob die Schüsse, wären sie nicht Zeugen aufgefallen, überhaupt mitgeteilt worden wären von der Stadt. Man hätte immerhin argumentieren können: Die waren ja angekündigt.

So, wie der Abschuss dann gelaufen ist, war das so nicht mehr möglich. Eine Frau, die sich als Zeugin zu erkennen gab, filmte eine offenbar leidende Gans, die wohl getroffen wurde, ohne dass sich jemand anschließend um das Tier gekümmert hätte. Was genau passiert ist, warum die Jäger samt Hunden das Tier nicht fanden, ist unklar. Nach eingegangenen Strafanzeigen könnte es sogar sein, dass die Staatsanwaltschaft das aufklären muss.

Klar ist dagegen, dass über Vogel seither ein Sturm hinwegfegt, der mit Shitstorm nur unzureichend beschrieben wäre. Vogel berichtet von Drohungen, bei denen er um Leib und Leben fürchten müsse. Und klar: Sollte ein Tier tatsächlich über Stunden zu leiden gehabt haben, so müsse er sich dafür in aller Form entschuldigen, sagte er dem Bayerischen Rundfunk.

Maly soll der Aktion skeptisch gegenüber gewesen sein

Wer die Kommentare in den sozialen Netzwerken durchgeht, dem fällt mehreres auf: Dass der Name des Bürgermeisters nun für Geschmacklosigkeiten herhalten muss, ist noch das Erwartbarste. Auch wird für Vogel gerade seine Affinität zu Facebook zum Problem. Offenbar hatte er kurz nach dem Abschuss von acht Gänsen idyllische Bilder vom Wöhrder See veröffentlicht, diese sind inzwischen nicht mehr zu sehen. Noch auffälliger freilich ist, wer nahezu gar nicht kritisiert wird im Netzwerk-Sturm: OB Maly, immerhin der Chef der Verwaltung.

Tatsächlich ist aus dem Rathaus zu hören, dass Maly sich intern sehr skeptisch über den geplanten Gans-Abschuss geäußert haben soll; es seinem Politikstil entsprechend aber dem zuständigen Kollegen überließ zu entscheiden, wie das Problem in der Bucht angegangen wird. Öffentlich freilich wurde die Maly-Skepsis nicht. Dass er nun nicht auch zum Ziel der Hasser aus dem Internet wird, muss also andere Gründe haben. Welche? Schwer zu sagen.

Oder ganz leicht: Dem Sympathen (und übrigens Abstinenzler sozialer Netzwerke) Maly sind der Umfrage zufolge enorme 72 Prozent der Nürnberger gewogen. Eine Verantwortung für abgeschossene Tiere schiebt man so einem eher nicht zu. Das mag widersprüchlich sein. Aber so ist der Mensch: Er isst ja auch Weihnachtsgans - und findet Abschüsse im Zweifelsfall widerlich.

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