Süddeutsche Zeitung

Staatliche Kulturbauten:Wo ein Plan ist, ist noch lang kein Bagger

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Gerade hat David Chipperfield seine Pläne für die Neugestaltung des Germanischen Nationalmuseums in Nürnberg vorgestellt. 2016 tat er dasselbe in München für das Haus der Kunst - ohne dass bislang gebaut worden wäre. Mal sehen, ob man in der Frankenmetropole schneller ist.

Von Susanne Hermanski

Was schlugen die Pläne , die David Chipperfield 2016 für das Haus der Kunst vorstellte, für Wellen! Sie seien des Baudenkmals mit der problematischen Historie als Hitlers Kunsttempel nicht angemessen, schimpften die einen. Die Baumschützer echauffierten sich, weil der Brite die nachträglich angepflanzten Linden vorm Haus fällen lassen wollte, um den "grünen Vorhang" wegzuziehen, wie er sagte, hinter dem München schamhaft seine Geschichte verbarg. Die Schlösserverwaltung wollte wiederum auf keinen Fall haben, was der Brite für die zum Englischen Garten hin gewandte Rückseite plante: eine neue Sichtachse in den Park zu schlagen durch die Botanik.

Geworden ist aus all dem bislang nichts. Aber nicht etwa wegen der Bedenkenträger aus den unterschiedlichsten Lagern. Mit dem Bau wurde nie begonnen, obwohl der Landtag die üblichen vorbereitenden Maßnahmen damals abgenickt hat. Die Erklärung dafür ist schnöde: Die von Chipperfield konzipierte Generalsanierung mit vergleichsweise wenig aufwändigen Veränderungen am Altbestand - kostet Geld. Und genau das wollte der Freistaat dann lieber doch nicht ausgeben. Nicht vor der Pandemie, als die Kassen angeblich noch ach so voll waren, nicht währenddessen und schon gar nicht danach.

Nun aber soll in Nürnberg die Sanierung des Germanischen Nationalmuseums durch David Chipperfields Büro erfolgen. Die Pläne dazu sind an diesem Freitag vorgestellt worden, die Arbeiten sollen 2025 beginnen. Die Summe, die dafür im Raum steht, nimmt sich mit 67 Millionen - man möchte fast sagen unglaublich - bescheiden aus. Beim "Germanischen" wie die Nürnberger es nennen, handelt es sich um einen Komplex aus mehreren Gebäuden und unterschiedlichen Zeiten, die sich um ein ehemaliges Kartäuserkloster am Südrand der Altstadt gruppieren.

In München unterdessen bestreitet ebenfalls niemand die Notwendigkeit einer Sanierung des für die Präsentation von zeitgenössischer Kunst durchaus geeigneten Kastens aus den Dreißigerjahren. Schon seit langer Zeit flicken kundige Techniker das Haus sprichwörtlich nur noch mit Gaffer-Tape. Die alten Leitungen sind porös, das Dach ist leck, die Haustechnik, die im Keller untergebracht ist, erinnert nicht nur an den Maschinenraum eines jener Kreuzfahrtdampfer, die der Architekt Paul Ludwig Troost sonst so konstruiert hat. Sie ist ähnlich antik.

Weil klar war, dass auch die besten Selbstheilungskräfte nicht helfen gegen Rost, Korrosion und Co, hatte der Freistaat die Sanierung ausgeschrieben und 2013 mithilfe einer Jury Chipperfield als Wettbewerbsgewinner ermittelt. Nicht zuletzt, weil sein Büro zu den wenigen zählt, die bereits Erfahrungen haben mit derart komplexen Geflechten aus Denkmalschutzvorschriften und politischen Fallstricken wie sie diesen Bau umgeben. 2018 erhielt das Staatliche Bauamt den Auftrag, vorzuplanen und die Höhe der voraussichtlichen Kosten zu ermitteln. 2020 sollten die Ergebnisse vorliegen und der Landtag informiert werden. Es kursierte eine Summe um die 150 Millionen Euro, die nie offiziell war. Doch seither schweigt die Staatsregierung. Weitgehend jedenfalls.

Markus Blume, Kunstminister und neben dem Germanischen und dem Haus der Kunst zuständig für mindestens ein halbes Dutzend ebenso komplexer wie teurer Sanierungsfälle unter Bayerns Kulturbauten, sagte im Frühjahr 2023, für das Haus der Kunst würden derzeit "Anpassungen vorgenommen". Man müsse prüfen, ob die alten Pläne noch zeitgemäß und finanzierbar seien. Noch weiter ging die grüne Landtagsopposition, deren Sprecherin Sanne Kurz den Chipperfield-Entwurf für München in dieser Woche als "ebenso altmodisch wie rückwärtsgewandt" bezeichnete.

Über diese Diagnose wundert sich freilich niemand, der staatliches Bauen hierzulande in den vergangenen Jahrzehnten beobachtet. Denn da gilt nicht nur im Fall Haus der Kunst, dass, was lange währt, am Ende nicht gut wird, sondern totgeredet oder eine olle Kamelle. Schade nur, dass man auf dem Wege Planungskosten in Millionenhöhe verheizt.

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