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Nürnberg:Prozessauftakt nach tödlichem Bahnhofs-Gerangel

Beginn Prozess um tödlichen Streit an S-Bahnhof in Nürnberg

An Nürnbergs S-Bahn-Station Frankenstadion kam es in der Nacht vom 25. auf den 26. Januar zu einem zunächst harmlosen Getümmel, in dessen Folge Luca B. und Frederik W. starben.

(Foto: dpa)
  • Bei einem Gerangel auf einem Nürnberger Bahnhof waren im Januar zwei 16-Jährige ins Gleisbett geraten und tödlich verletzt worden.
  • Zwei andere Jugendliche sollen die beiden Opfer geschubst haben.
  • Nun müssen sich die beiden mutmaßlichen Täter vor dem Landgericht verantworten.

Am Zaun des Sportplatzes in Heroldsberg hängt ein Schild. "Das Wichtigste im Leben sind die Spuren, die man hinterlässt", steht darauf zu lesen. Es erinnert an die beiden 16-Jährigen Luca B. und Frederik W., die ihr Leben noch vor sich hatten, bis sie in der Nacht vom 25. auf den 26. Januar 2019 im Gleisbett einer Nürnberger S-Bahn-Station von einem Zug überrollt wurden. Der Tod der beiden hat große Bestürzung in der Marktgemeinde im Kreis Erlangen-Höchstadt ausgelöst. Nun hat der Prozess gegen zwei damals 17-Jährige begonnen; verhandelt wird vor der Jugendkammer am Landgericht Nürnberg-Fürth. Die Staatsanwaltschaft wirft ihnen vor, die beiden 16-Jährigen nach einer Rangelei ins Gleisbett gestoßen zu haben.

Das öffentliche Interesse an dem Prozess ist enorm, die Verhandlung verfolgen aber können Medienvertreter nicht. Weil die Angeklagten K. und C. zum Zeitpunkt der Tat noch nicht volljährig waren, tagt das Gericht nicht-öffentlich. Laut Staatsanwaltschaft haben sich Luca B. und Frederik W. nach einem Besuch einer Diskothek kurz nach Mitternacht auf den Bahnsteig am Frankenstadion begeben, um von dort in ihre Heimatgemeinde zurückzufahren. Nach einer Party in der nahegelegenen Disco hielten sich dort mehr als hundert junge Leute auf, etliche davon aus Heroldsberg.

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Um zehn Minuten nach Mitternacht soll der angeklagte K. am Treppenaufgang eine Streiterei ausgelöst haben, er griff Frederik W. von hinten an den Rucksack. Als K. zur Rede gestellt wurde, fasste er Luca B. ans Kinn. Am Bahnsteig kam es anschließend zu diversen Schubsereien und Rangeleien zwischen mehreren Beteiligten, Luca B. und Frederik W. versuchten noch zu beschwichtigen.

Schließlich sollen die beiden Angeklagten einen der Jugendlichen von hinten in Richtung Gleisbett gestoßen haben, durch das dichte Gedränge stürzten zwei weitere Jugendliche vom Bahnsteigrand. Nur einer der drei Gestürzten - ein Freund der beiden Angeklagten - konnte sich durch einen Sprung aus dem Gleisbett retten. Luca B. und Frederik W. wurden unmittelbar nach dem Sturz von einen passierenden Zug erfasst und kamen ums Leben.

Die Staatsanwaltschaft hat zunächst wegen Totschlags gegen die beiden 17-Jährigen ermittelt. Man gehe von "bedingtem Vorsatz" aus, hatte eine Sprecherin der Anklagebehörde im Januar erklärt. So hätten alle am Gleis auf eine S-Bahn gewartet - schon deshalb habe den kurz nach der Tat festgenommenen K. und C. klar sein müssen, dass sich ein Zug nähert. Ob die beiden den eintreffenden Zug bereits wahrgenommen haben, als sie die Jugendlichen ins Gleisbett stießen, spiele für den Vorwurf des Vorsatzes keine maßgebliche Rolle.

Im Lauf der Ermittlungen - mehr als hundert Zeugen wurden vernommen, ein Video vom Bahnsteig und private Handyvideos ausgewertet - hat die Staatsanwaltschaft ihren Tatvorwurf jedoch abgemildert. Sie geht in ihrer Anklage nun nicht mehr von Totschlag, sondern von Körperverletzung mit Todesfolge aus. So hätten die beiden Beschuldigten nicht gewusst, dass zum Tatzeitpunkt mit der Durchfahrt eines Zuges zu rechnen gewesen sei, weil die nächste fahrplanmäßige S-Bahn erst etwa zehn Minuten später eintreffen sollte.

Die Änderung des Tatvorwurfs löste Empörung aus

In Internetforen hat diese Änderung des Tatvorwurfs Empörung ausgelöst. Und auch die Eltern der beiden Getöteten haben sich vor Prozessbeginn in Medien enttäuscht über die aus ihrer Sicht "nicht adäquate" Anklage geäußert. Stoße man Menschen "in einen lebensgefährlichen Bereich", so nehme man deren Tod in Kauf, sagte der Vater von Frederik W. dem Bayerischen Rundfunk. So etwas dürfe man nicht verharmlosen. Der Vater von Luca B. erklärte, er habe sich das Video der Tat mehrmals angeschaut, um die Tat zu verstehen. Er sei der Überzeugung, dass die beiden Getöteten Streit schlichten wollten. Beide Väter verfolgen den Prozess als Nebenkläger.

Nach Angaben von Gerichtssprecher Friedrich Weitner begann der erste Verhandlungstag außergewöhnlich: Der Vorsitzende Richter sprach den anwesenden Familien die Anteilnahme des Gerichts aus. Danach baten beide Angeklagte um Entschuldigung. Der angeklagte K. räumte ein, er habe den offen stehenden Rucksack von Frederik W. geschlossen, habe sich aber nichts dabei gedacht. Freunde von ihm hätten gesagt, er solle das lassen.

Mit Frederik W. habe er keinerlei Probleme gehabt. Zunächst habe er mit diesem am Rande des Geschehens gestanden, andere hätten dann für Tumulte gesorgt, erst da habe er sich ins Getümmel begeben, um einen Freund "aus der Situation zu holen". Und ja, er gebe zu: Er habe jemanden geschubst. Heute wisse er, "wie gefährlich" das sei. Das werfe er sich seit Monaten vor.

Der Angeklagte C. erklärte, er habe mit der Situation nichts zu tun gehabt, habe abseits geraucht und die Sache mit dem Rucksack nicht mitbekommen. Dann aber habe er sich doch ins Getümmel begeben, um einem Freund zu helfen. Dass Frederik W. beschwichtigen wollte, habe er wahrgenommen. Er selbst sei bedrängt worden, da habe er "spontan" jemanden weggeschubst. An einen eintreffenden Zug habe er nicht gedacht. Für den Prozess sind vier Verhandlungstage angesetzt.