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Künstliche Intelligenz:Geistesblitze aus dem Computer

Ein-Mann-Duo: Der Musikwissenschaftler Sebastian Trump spielt mit seinem Saxofon eine Jamsession mit dem Spirio-Flügel. Gesteuert wird dessen Klaviatur von einer künstlichen kreativen Intelligenz im Laptop neben Trump, die auf die Saxofonklänge reagieren kann.

(Foto: Leonardo/TH Nürnberg)

An der Hochschule für Musik in Nürnberg sollen Maschinen künftig mit der Hilfe von künstlicher Kreativität besser auf die Menschen eingehen. Dadurch kommt ein Flügel plötzlich auch ganz gut ohne Pianisten zurecht.

Von Anna Günther

Wer in Erwartung melodisch perlender Klänge das Video der "Spirio-Sessions" ansieht, wird sicher enttäuscht. Zwar steht auf der Bühne ein imposanter schwarzer Flügel, daneben spielt Musikwissenschaftler Sebastian Trump Saxofon. Sie jammen, aber auf dem Klavierhocker vor dem Spirio-Flügel sitzt niemand, die Tasten bewegen sich von allein. Trump ist der einzige Mensch auf der Bühne.

Gesteuert wird der Flügel vom Computer - einem lernenden System. Das klingt mal bockig, mal abrupt, zuweilen auch melodisch, aber eher wie eine hitzige Unterhaltung zweier Instrumente statt dem vertrauten Tanz von Jazz-Improvisationen. Dem Saxofonisten und der wie von Geisterhand bewegten Klaviatur zuzusehen ist faszinierend. Aber ist das auch Musik?

Von Künstlicher Intelligenz gesteuert, soll der Flügel dem Musizierpartner zuhören, auf ihn reagieren, ihn nachahmen und eigene musikalische Impulse setzen, auf die Musiker wie Trump dann reagieren können. Jammen mit Künstlicher Intelligenz (KI), das ist ein Ziel der "Spirio Sessions", eines Projekts zu "Künstlicher Kreativität", an dem Forscher der Hochschule für Musik in Nürnberg (HfM) mit Informatikern der Technischen Hochschule Nürnberg Georg Simon Ohm (THN) arbeiten. "Es geht darum, neue ästhetische Erfahrungen zu ermöglichen, klassische Grenzziehungen in Frage zu stellen", sagt Martin Ullrich, HfM-Professor für Interdisziplinäre Musikforschung.

Kunst und KI, das ist die Ausnahme in Bayern. Der Großteil der Investitionen aus der gut zwei Milliarden Euro schweren Hightech-Agenda (HTA) der Staatsregierung fließt in Informatik und Naturwissenschaften. Mit dieser Hightech-Offensive möchte Ministerpräsident Markus Söder (CSU) Universitäten und Hochschulen im Freistaat vorantreiben. Davon soll letztlich auch die Wirtschaft profitieren.

"Ich will einfach nicht mehr, dass tolle Dinge wie MP3-Player und Telefax in Bayern erfunden, aber nicht in Bayern produziert werden", sagte Wissenschaftsminister Bernd Sibler (CSU) kürzlich dazu. Auch wenn Sibler regelmäßig versichert, dass die Geisteswissenschaften nicht übersehen werden, glimmt dort die Sorge, hinten runter zu fallen. Der Großteil der 100 neuen KI-Professuren geht in die Naturwissenschaften, aber durch den KI-Wettbewerb kam ein wenig Vielfalt hinein: 15 Professuren gehen in Geistes- und Sozialwissenschaften, zwei in die Künste. Davon eine an die Nürnberger Musikhochschule.

"Wir können es selber kaum glauben", sagt Ullrich, er klingt noch immer erstaunt. Ohne Leonardo und die "strukturelle Vorbereitung" der "Spirio Sessions" gäbe es die Professur für "Künstliche Kreativität und musikalische Interaktion" nicht. Der Musikprofessor meint nicht da Vinci. Der große Gelehrte der Renaissance war nur Namensgeber des Nürnberger Zentrums für Kreativität und Innovation.

Dort sollen Kontakt und Projekte zwischen Informatik, Geistes- oder Sozialwissenschaft und Kunst entstehen, zur Not mit Speed-Dating und Coachings. Im Alltag gibt es sonst kaum Berührungspunkte, die Wissenschaftler sprechen oft nicht einmal dieselbe Sprache, obwohl sie natürlich alle Deutsch oder Englisch können. Die gemeinsame Ebene fehle oft, sagt Leonardo-Leiterin Monika Hegner, aber es bringe alle weiter, aus ihrer "Bubble" zu kommen und anderen ihre Ideen zu erklären.

Leonardo bietet als Kooperation der THN mit der Musikhochschule und der Akademie der bildenden Künste neben Coachings und Betreuung der Forscher auch Labore, Ausstattung und Werkstätten. 50 Wissenschaftler tüfteln derzeit an interdisziplinären Projekten: Bei "Emotion AI" soll Software lernen, empathischer auf die Emotionen von Autofahrern zu reagieren.

Die an "Interactive Artificial Intelligence" beteiligten Wissenschaftler wollen einen Chatbot entwickeln, der das Verhalten seiner Nutzer analysieren und auf sie reagieren kann. So könnten etwa gehemmte Jugendliche zuerst mit diesem Chatbot über Sex oder andere schambesetzte Themen chatten. Berater von Pro Familia, die am Projekt beteiligt sind, würden später übernehmen.

Gibt es überhaupt künstliche Kreativität?

Der improvisierende Flügel ist im Gegensatz zu einigen Leonardo-Projekten schon in Aktion - ihre gemeinsame Sprache sei die Musik, sagen die Forscher. Seit eineinhalb Jahren füttern Wissenschaftler um Martin Ullrich, Sebastian Trump und THN-Informatikprofessor Korbinian Riedhammer die Software unter anderem - vereinfacht beschrieben - mit Informationen zu Tonhöhen, Tonlängen und Intervallen. Und sie trainieren die KI in Jamsessions ständig weiter. Die KI verfüge über Tonhöhenerkennung, so könne sie zuhören und auf menschliche Improvisation mit eigener Improvisation immer neu und anders reagieren, sagt der Pianist Ullrich.

Aber gibt es überhaupt künstliche Kreativität? Sind Kreativität und Komposition nicht ur-menschlich, braucht es dafür nicht ein Bewusstsein? Es könne doch auch gut sein, dass Menschen in der Urzeit von Tieren "abgelauscht" haben, entgegnet Ullrich. Sein Forschungsschwerpunkt sind Human-Animal-Studies, er bewege sich da in einem "posthumanistischen Gedankengebäude". Und Ziel der "Spirio Sessions" sei nicht, Brahms oder Bach nachzuahmen. "Wir wollen die Maschine Maschine sein lassen und finden dieses Zusammenspiel der unterschiedlichen Ästhetiken interessant." Der Fokus liege derzeit auf Live-Interaktion, dem Improvisieren, sagt der Saxofonist Trump.

Später könnte der Flügel in der Musiktherapie eingesetzt werden oder bei Musikproduktionen - die KI als Musizierpartner oder Klanggeber im Tonstudio. "Wir wollen Werkzeuge bauen für Künstler", sagt auch der Informatiker Riedhammer. So einfach? "Als das Cello aufkam, fragte auch jeder, wozu, es gebe doch die Viola da Gamba." Und heute sitzen Cellisten in jedem größeren Orchester.

© SZ vom 13.02.2021/lfr/infu
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