Mitten in NürnbergDanke, Fliegerbombe

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So formidabel ist der Blick aus dem Hochhaushotel am Nürnberger Hauptbahnhof – während die Nordstadt gerade wegen einer Fliegerbombe evakuiert wird.
So formidabel ist der Blick aus dem Hochhaushotel am Nürnberger Hauptbahnhof – während die Nordstadt gerade wegen einer Fliegerbombe evakuiert wird. (Foto: Olaf Przybilla)

An einer Evakuierung aufgrund einer Weltkriegsbombe ist absolut nichts lustig. Andererseits lernt man die Mitbewohner des eigenen Viertels neu kennen – und besser als einem lieb ist.

Glosse von Olaf Przybilla

Fliegerbombe in dicht besiedelter Kernstadt, das ist nicht witzig. Wie kürzlich in Nürnberg: 21 000 Menschen müssen raus, 1500 Helferinnen und Helfer schlagen sich die Nacht um die Ohren, Heime müssen evakuiert und Helden (sic!) erkoren werden, die das Ding zu nachtschlafender Zeit entschärfen dürfen.

Nichts ist heiter daran.

Andererseits und mit gebührendem, knapp einwöchigem Abstand: Doch, es gibt schon auch Aufschlussreiches an so einem Abend. Man lernt die eigene Stadt neu kennen, vor allem das eigene (betroffene) Viertel. Letzteres sogar besser, als einem lieb sein kann.

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Wer noch nie eine abendliche Fliegerbombenalarm-Evakuierungsmeldung auf dem Schlautelefon hatte: Man soll dann nicht nur seine Lieben zutexten, dass zeitnahes Sich-Kümmern, etwa um geeignetes Schlafgemach, gerade von Vorteil sein könnte. Man darf auch Gedanken an Mitmenschen aus dem Quartier aufwenden. Womöglich an solche mit Schlautelefon-Unverträglichkeit, soll’s ja geben.

Alles machbar, Herr Nachbar, aber man müsste halt schon mal anfangen jetzt mit dem kurzfristigen Ausziehen. Hat man sich öfter sagen hören an diesem Abend. Und die Reaktion? Aber hallo, Nürnberger Nordstadt, renovierte Gründerzeitaltbauten, da leben fast ausschließlich sensitive Vernunftmenschen, Akademiker. Sollte kein Ding sein.

Sollte, ja. Die Antworten, so oder so ähnlich nicht nur einmal gehört: Also bitte, wir liegen doch nur knapp innerhalb des Evakuierungsradius, kommt doch eh keiner, um zu kontrollieren. Und selbst wenn, stellen wird uns dumm, tot oder schwerhörig. Oder lassen einfach das Licht aus. Was wollen sie denn machen?

Die Bewohner eines Seniorenheims in Nürnberg werden in der Nacht vom 14. auf 15. November 2024  in Sicherheit gebracht.
Die Bewohner eines Seniorenheims in Nürnberg werden in der Nacht vom 14. auf 15. November 2024  in Sicherheit gebracht. (Foto: Olaf Przybilla)

Gegengedanke: Könnte es auch an schlaubergerischen Extrawurstinhabern wie dir liegen, dass zwischen Entdeckung der Bombe und kompletter Quartiersevakuierung schöne zehn Stunden ins Land ziehen? Sagt man natürlich so nicht, ist gerade nicht der Moment für Grundsätzliches. Notfalls, bis die Lippe blutet.

Sonst so? Gibt auch Neues und Erfreuliches an so einem Abend. Das 14-Etagen-Hotel am Nürnberger Hauptbahnhof bietet tatsächlich jenen formidablen Zimmerblick, den man Gästen zwar gerne ans Herz legt, selbst aber gar keinen Anlass hat – danke Bombe.

Das Hotelpersonal? Muss während des Luxemburg-Länderspiels, während also die Bild hinreißend einen „Rumpel-Rückfall“ diagnostiziert, plötzlich 150 Gestrandete aufnehmen. Würde bei derartiger Belegung anderntags normalerweise eine zweite Frühstücksetage öffnen, wofür aber nicht genug Personal da ist – Bomben-Gäste bestellen nicht vor. Muss also klaglos improvisieren und öffnet für Frühstücker morgens zusätzlich die Konferenzräume.

Als man eintritt, ist der 24-Personen-Tisch am einen Ende mit zwei strickenden Frauen belegt, das sollte gehen – nichts Schlimmeres als morgendliche Hoteltischgespräche. Blöderweise kommen dann immer mehr Frauen, so nahe aufrückend, dass man mit den beiden Letzten den Semmel-Teller teilen könnte. Die Damen geben sich als Mitglieder einer Rudel-Strick-Combo aus Nordwürttemberg zu erkennen und sind allesamt sehr interessiert, auch an der Bombe: zentrales Tischgespräch!

Am Ende kommt’s zum Äußersten: Austausch von Adressen. Gerne wieder, finden die Strickerinnen. In Nürnberg versteht sich das. Die nächste Bombe ist da nur eine Frage der Zeit.

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