Nürnberg ist protestantisch geprägt, was ein Grund dafür sein dürfte, dass man mit Worten wie „Ruhm“ oder „Ehre“ mit Vorsicht hantiert. Ihre höchste Würde verleiht die Stadt alles andere als inflationär, bis zum frühen Samstagabend gab es exakt zwei lebende Erdenbewohner, die sich „Ehrenbürger von Nürnberg“ nennen durften. Ein ehemaliger Ministerpräsident, Günther Beckstein. Und eine langjährige Bundesministerin, Renate Schmidt. Nun hat sich diese Anzahl verdoppelt, hinzugekommen sind Altbürgermeisterin Julia Lehner und Altoberbürgermeister Ulrich Maly.
Das Gute an so einer Verleihung? Man dürfe den „eigenen Nachruf noch quicklebendig“ miterleben, sagt Ulrich Maly, ein Privileg. Wenn auch nur die Hälfte des Nachgerühmten stimmte, wäre das eine feine Sache. Das aber müsse er zugeben: „Ganz gut angehört“ habe sich das alles.
Wer da so rühmend gesprochen hat über den Sozialdemokraten? Der Laudator, Markus Söder (CSU), kann als Überraschung durchgehen. Immerhin dürfte es Zeiten gegeben haben, in denen Maly diesen speziellen Nürnberger lieber auf dem Mond gewusst hätte als am Stehpult des historischen Rathaussaals, schon gar in der Funktion als Lobredner. Söder hatte zu Beginn von Malys Amtszeit den Kosenamen „Urlaubs-Uli“ zu etablieren versucht. Suggerieren sollte der offenbar, dass da einer andauernd in Norditalien herumwandert, statt in seiner Heimatstadt am Schreibtisch zu sitzen. Mit der Etikettierung scheiterte Söder, sieben Jahre jünger als Maly, kläglich. Und stellte sie nach Kurzem ein, nachgewiesenen Misserfolgs wegen.
Man muss dem amtierenden Ministerpräsidenten zugutehalten, dass er keine Lobrede auf sich selbst vorträgt. Er halte sich auch selbst nicht für den schlechtesten Redner, bekundet Söder. Maly aber? „Kaum einen besseren Redner“ habe er kennenlernen dürfen. Und berichtet, wie sich beide stets darum bemüht haben, unter dem Vorwand von Galanterie, nach dem jeweils anderen sprechen zu dürfen. Um notfalls Sprüche auf eigene Kosten parieren zu können.
Wie sich das in etwa anhörte? Maly liefert in seinen Dankesworten eine Kostprobe. Er zählt, da müsse man als Zuhörer nun durch, sämtliche wichtigen Rathaus-Mitarbeiterinnen und Weggefährten auf, eine längere Liste, es waren 18 OB-Jahre. Und begründet das so: An der Spitze einer Stadt zu stehen, das bedeute immer Teamarbeit, das sei nie nur eine „One-Man-Show“.
Dann fügt er hinzu, freundlich in Richtung erster Reihe lächelnd: „Das ist anders als in der Staatsregierung.“ Großes Gelächter.

Auf solche Treffer hatte Söder zuvor kulant verzichtet, diesmal. Stattdessen den „Urlaubs-Uli“, wenn auch implizit, letztgültig abgeräumt. In gemeinsamen Stunden, in diversen Aufsichtsräten etwa, habe Maly „jedes Detail“ parat gehabt, „Chapeau vor dieser Kompetenz“. Auch dem selbst bestimmten Abschied des Oberbürgermeisters nach 18 Amtsjahren zollt Söder Respekt. Insgesamt „eine überragende Lebensleistung“.
Choreografiert ist der Abend kunstfertig. Bevor das ungleiche, aber auf Augenhöhe amüsante „Franken-Doppel“ (M. Söder) in den Ring steigt, ist der Ton eher nachdenklich. Was am Lebensthema liegt, mit dem sich Altbürgermeisterin Julia Lehner (CSU) Ehre erworben hat. Gerade in diesen Zeiten bedürfe es „intellektueller Kraft“, sagt Lehners Laudatorin, die Literaturwissenschaftlerin Rachel Salamander: „Und gerade jetzt verlässt eine der profiliertesten Kulturpolitikerinnen nach 24 Jahren Dienst an der Kultur die Arena.“
Lehner habe sich einen „legendären Ruf weit über Nürnberg hinaus hart und standfest“ erarbeitet. Und nicht zuletzt eines der „heißesten Eisen der Stadt angefasst, eines, wovor sich seit 1945 alle miteinander gedrückt haben“. Die Rede ist von der Kongresshalle der Nazis, „ein Erbe von nationaler Dimension“, sagt Salamander und attestiert: „Es ist, als hätte das Jahrhundertprojekt auf eine solche Persönlichkeit“ wie Lehner gewartet. „Mutig, mit kühner Entschlossenheit“ sei sie den Plan angegangen, den NS-Torso in eine Spielstätte für zeitgenössische Kultur zu wandeln: „Wohlwissend, dass es sich bei diesem Projekt um eines der geschichtsträchtigsten Symbole des Nationalsozialismus handelt – und eines der konfliktträchtigsten Vorhaben.“
Nürnberg müsse wie kaum eine andere Stadt „historische Ambivalenz aushalten“. Könne aber, ist Salamander überzeugt, „Modell werden“ im Umgang mit solcherlei schwer belasteten Geschichte. Daran knüpft Julia Lehner an. Sie nennt Nürnberg eine Stadt „größter Brüche und Aufbrüche“. Sie selbst habe zu lernen versucht, in dieser „Licht und Schatten gleichermaßen anzunehmen“. Und könne nun, als Ehrenbürgerin, sagen: „Ich liebe diese Stadt, ich liebe Nürnberg.“
Später endet der Abend eher lustig. Söder hatte sich bei Maly – gar nicht nur als Witz – dafür bedankt, dass dieser bereit sei, „eine Ehrung anzunehmen“. Allerlei bayerische Auszeichnungen habe der stets abgelehnt, öffentliche Lobrednerei ist Malys Sache nicht.

Bei der Übergabe der unausweichlichen Blumensträuße gibt der Geehrte dann eine spontane Kostprobe davon. Die Kameras sind gezückt, Maly hält den Strauß vors Gesicht. Lehner schließt sich an. Erst Fotografenprotest bewirkt, dass die Sträuße sinken.



