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Nürnberg:Worum es in dem Mammutprozess konkret geht

Der Beamte fand dort Dateien, die ihn misstrauisch machten. So einen chaotischen Dateien-Haufen auf dem Computer eines Polizisten habe er kaum für möglich gehalten, an einen regelrechten "Albtraum" erinnert sich der Kripobeamte. Als er sich den Datenhaufen dann genauer anschaute, hegte er einen Verdacht: Das könnte Strafvereitelung im Amt sein.

Im Kern geht es um einen Diebstahl von Minibaggern und Kleinbaumaschinen im Wert von insgesamt 55 000 Euro. Im September 2011 hatte eine Gang der Bandidos diesen Coup in Dänemark eingefädelt. Und an vorderster Front mit dabei war Mario F., der Mann, der zum einen für das LKA die Rockergruppe ausspionieren sollte; und der zum anderen für die Bandidos den notwendigen Lkw steuerte, um die gestohlenen Minibagger über die Grenze nach Deutschland zu schaffen. Unglücklicherweise war in die gestohlenen Bagger zum Schutz vor Diebstahl ein Sender eingebaut, weshalb der Laster von Mario F. in Bayern angehalten wurde.

Das Merkwürdige war nur, dass F. von den Ermittlern alsbald wieder freigelassen wurde - obwohl relativ deutlich sein musste, dass da nicht alles in Ordnung sein konnte. Angesichts der Daten auf dem Dienstcomputer des LKA-Manns keimte in dem Nürnberger Kriminalbeamten ein Verdacht: Hatten da LKA-Beamte etwa Einfluss genommen, um ihre Quelle bei den Bandidos zu schützen? Waren hernach alle Hebel in Bewegung gesetzt worden, um das zu vertuschen? Waren an hoher Stelle sogar Polizeiakten manipuliert worden? Und hatten die Beamten dann später, im ersten Würzburger Prozess gegen F., zu dessen Ungunsten gelogen, ihn als Spinner dargestellt - weil dieser behauptet hatte, er sei als Spitzel des LKA unterwegs gewesen und habe deshalb auch mit Drogen dealen müssen?

Nach umfangreichen Ermittlungen - zum Teil war ein Staatsanwalt über Monate fast ausschließlich mit der Causa beschäftigt - hält die Nürnberger Anklagebehörde das alles für plausibel. Die 13. Strafkammer des Landgerichts Nürnberg-Fürth hat die Anklage unverändert zur Hauptverhandlung zugelassen und 30 Termine bestimmt. Ein Mammutprozess.

Wie es der Zufall will, ist Mario F. vier Tage vor Beginn der Verhandlung aus der Haft entlassen worden. Im zweiten Würzburger Prozess war seine Haftstrafe um 15 Monate reduziert worden. Die Richter waren der Ansicht, dass der Bandido in seiner Eigenschaft als Spitzel im Staatsdienst durchaus den Eindruck bekommen konnte, er könne sich alles erlauben, auch Dealerei mit Drogen, und sei trotzdem vor strafrechtlichen Folgen sicher. Das alles sei ein "unglaublicher Skandal", sagt Alexander Schmidtgall, der Anwalt von F. Immerhin sei seither klar, dass sein Mandant im ersten Verfahren zu einer deutlich geringeren Strafe verurteilt worden wäre, "hätten LKA-Beamte nicht systematisch gelogen".

Im Dezember wird F. als Zeuge in Nürnberg aussagen. Wo er sich in der Zwischenzeit aufhält, bleibt geheim. Seit öffentlich wurde, dass F. die Bandidos ausspioniert hat, fürchtet er die Rache der Rocker.

© SZ vom 04.11.2017/axi

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