Nürnberg:"Das ist ein ganz großer Moment in der Geschichte dieser Stadt"

University of Erlangen Nuremberg, 'Friedrich-Alexander-Universitaet' is pictured in Erlangen

Die Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg hat ihren Schwerpunkt in Erlangen. Nürnberg aber soll selbst Uni-Stadt werden

(Foto: Michaela Rehle/Reuters)
  • Die Friedrich-Alexander-Universität hat Standorte in Erlangen und Nürnberg - Erlangen ist allerdings der beliebtere Studienort.
  • Nun soll Nürnberg endlich eine eigene Hochschule bekommen. Das hat Ministerpräsident Seehofer angekündigt.
  • Während in Nürnberg gejubelt wird, gibt es auch weiterhin kritische Stimmen.

Von Olaf Przybilla, Nürnberg

Nürnbergs Kulturreferentin Julia Lehner ist studierte Historikerin, geschichtliche Superlative liegen ihr da schon aus professionellen Gründen fern. Am Tag aber, nachdem Horst Seehofer einen Pflock eingeschlagen hat, der sich kaum noch beseitigen lassen wird, ist das anders. Nürnberg soll eine eigenständige Universität bekommen, hat der Ministerpräsident angekündigt. "Das ist ein ganz großer Moment in der Geschichte dieser Stadt", findet Lehner. Denn wann erlebe man das schon mal, so eine Neugründung einer Uni? "Einmal im Jahrtausend vielleicht, wenn man Glück hat", sagt sie.

Die erste Uni in der Stadthistorie wäre es freilich nicht. Die Freie Reichsstadt, eine der maßgeblichen europäischen Kommunen des Mittelalters und der Frühen Neuzeit, hatte vor 400 Jahren schon einmal selbst eine Hochschule gegründet. Die Universität Altdorf, die Altdorfina, war zunächst eine dem Humanismus verpflichtete Akademie, bevor sie 1622 zur Universität erhoben wurde. Allerdings ging man zur Nürnberger Uni in Altdorf, einem 25 Kilometer östlich der Stadt gelegenen Ort.

400 Jahre danach, in einer Zeit, in der sich Städte nicht zuletzt über die Zahl ihrer Studenten definieren, muss das seltsam anmuten. Wieso diese Auslagerung? Zur Zeit der Altdorfina aber galten Unis eben selbst den Reichsstädten als notwendiges Übel: ein Ort übersteigerten Freigeistes und verdächtiger Umtriebe. Der berühmteste Altdorfer Student, ein gewisser Wallenstein, später der bekannteste Condottiere deutscher Geschichte, schien diese Vorbehalte dann auch aufs Unangenehmste zu bestätigen: Studieren hätte er sollen, heißt es in einem Brief des Nürnberger Rats, stattdessen habe er "allerley unruhe und muetwillens" über Altdorf gebracht. Die Geschichte des Studenten Wallenstein endete unrühmlich. Und als die Altdorfer Uni 1806 ans Königreich Bayern fiel und dieses sowohl Landesuniversitäten gründen als auch Geld sparen wollte, wurde Nürnbergs Uni aufgelöst. Die Bestände aus Altdorf fielen an die Uni Erlangen.

Das war das Ende der Unistadt Nürnberg. Festredner betonten seit 1961 zwar immer wieder, dass Mittelfrankens Universität in Erlangen und Nürnberg beheimatet sei. Tatsächlich kamen die Auslagerungen nach Nürnberg nie über den Status als Appendix hinaus. Geeignet für Sonntagsreden auf die Stärke der "Metropolregion". In Wahrheit kaum mehr als eine Schimäre.

Und nun? Seehofers Ankündigung ist noch nicht mehr als eine Absichtserklärung. Der Landtag muss erst beschließen, der Wissenschaftsrat an den Details arbeiten. Aber ernsthaft zweifelt inzwischen keiner mehr, dass die Nürnberger Uni kommt. Oberbürgermeister Ulrich Maly, zu Beginn des Monats noch skeptisch, spricht nun davon, das Kabinett habe jetzt "eine Reihe offener Fragen, die in den vergangen Wochen noch im Raum standen, geklärt". Und Nürnbergs Wirtschaftsreferent Michael Fraas attestiert sich selbst sogar "echte fränkische Euphorie". Mehr geht kaum.

Präsident der Uni Erlangen-Nürnberg verspricht Hilfe

Der heftigste Gegenwind kam zu Monatsbeginn, als Seehofer seine Pläne erstmals angedeutete, von Seiten der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU). Deren Präsident Joachim Hornegger hatte sich erstaunt gezeigt. Nun räumt er ein, er habe mit dem Weiterdreh dieser Geschichte zum jetzigen Zeitpunkt "nicht gerechnet".

Natürlich hatte die FAU ursprünglich Uni-Erweiterungen nur unter ihrem Dach angestrebt. Aber nach einem Gespräch mit Wissenschaftsminister Ludwig Spaenle hört sich der Präsident nicht mehr wie einer an, der aktiv Widerstand leisten will. München, sagt er, habe bekanntlich auch zwei Universitäten auf engstem Raum, beide sehr erfolgreich. Die FAU werde an der Konzeption der neuen Uni mitwirken - und zwar "auf dem Fahrersitz", sagt Hornegger. Wenn das Land eine Milliarde Euro in Unis investieren wolle, könne man das schließlich nur begrüßen.

Die Kehrtwende der Uni in Sachen Neugründung dürfte gut durchdacht sein. "Wenn diejenigen, die davon meiner Überzeugung nach Vorteile haben, Bedenken äußern, stachelt das den Ehrgeiz des Ministerpräsidenten an, es besonders gut zu machen", hatte Seehofer süffisant gesagt.

© SZ vom 18.05.2017/vewo
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