Christkindlesmarkt in Nürnberg:Glühwein kontra Klimaprotest

Weihnachtliche Nürnberger Altstadt, 2016

Ob der Christkindlmarkt in diesem Jahr stattfinden darf, wird erst im Oktober entschieden. Falls er stattfinden sollte, würde der Sebalder Platz benötigt, auf dem Klimaaktivisten seit gut einem Jahr zelten.

(Foto: Johannes Simon)

Das Jahresendzeitgebäck liegt in den Supermärkten. Da gehen die Gedanken gerade in Nürnberg an das Christkind und an den Sebalder Platz. Und schon ist einigen "zum Heulen zumute".

Glosse von Olaf Przybilla

Eine Autostunde nördlich von Nürnberg, in Bayreuth, hat das Christkind jetzt schon mal Planungssicherheit. Sollte alles rund laufen, so wird der nach besagtem Kindl benannte Markt dort schon Mitte November beginnen - wie das der Stadtrat nun einmütig beschlossen hat. Und warum denn auch nicht? Am 15. November dürfte der Sommerurlaub einigermaßen verdaut sein, süßer klingen die Glocken auch im nasskalten Nieselregen und das einschlägige Jahresendgebäck halten Supermärkte dann doch auch schon drei Monate vor.

In Nürnberg ist es da diesmal schwieriger mit der kindlesmäßigen Planungssicherheit. Es ist so: Erst im Oktober wird entschieden, ob das Kind überhaupt zum Markte laden darf. Gegebenenfalls wäre das ein pandemiebedingt historischer Markt, mit Ausweitungen auf etliche Plätze der Altstadt, "dezentral", wie man so schön sagt. Auch der Sebalder Platz würde benötigt, der Platz also, auf dem Klimaaktivisten seit gut einem Jahr für den Erhalt der Schöpfung demonstrieren, respektive zelten. Glühwein kontra Erderwärmungswarnung, ein heikles Ding.

Räumen müssten die Aktivistinnen indes nicht, darauf legt die Stadt gesteigerten Wert, weil auf dem Platz dem Weihnachtspunsch zugesprochen werden soll, sondern weil er - der Stadt zufolge - für allfällige Sicherheitsinfrastruktur benötigt würde. "Zum Heulen zumute", sagt einer der Zeltenden, sei ihnen trotzdem. Denn unterm Strich sei's eben doch so: "Weil Leute das Leben feuchtfröhlich genießen wollen, müssen wir weichen." In den Zelten hielten sie das für eine "kuriose Verschiebung der Realität".

Die Ernüchterung ist also groß, dabei hatte alles so harmonisch angefangen mit der Stadt und den Zeltenden. Während die Stadt Augsburg ein entsprechendes Camp mithilfe der Verwaltungsgerichtsbarkeit traktierte, hatte Nürnberg auf cool geschaltet. Ein Camp in Sichtweite vom Chefsessel des frischen CSU-Rathausbosses Marcus König: so what? Inzwischen hört sich das bei der CSU ziemlich anders an. Der Platz gehöre den Bürgern der Stadt, schimpft sie, es gebe "Grenzen in der Zumutbarkeit". Und überhaupt: Die "Botschaft" der Klimaaktivisten sei inzwischen "durchkommuniziert". Was für ein Wort. Geradewegs fürs Museum, Abteilung: ganz alte Schule.

© SZ vom 24.09.2021/kafe
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