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Nürnberg:Existenzangst statt Adventsstimmung

Die Absage des weltberühmten Christkindlesmarkts versetzt Schausteller, Handel und Gewerbe in Sorge

Von Clara Lipkowski, Nürnberg

Eröffnung Nürnberger Christkindlesmarkt

Der feierliche Prolog, mit dem das "Christkind" Benigna Munsi den Nürnberger Christkindlesmarkt 2019 eröffnete, fällt in diesem Jahr aus.

(Foto: Daniel Karmann/dpa)

Etwa zwei Millionen Besucherinnen und Besucher weniger in der Adventszeit, darauf muss sich Nürnberg einstellen. So viele Menschen strömen für gewöhnlich zum Hauptmarkt, wenn dort der weltberühmte Christkindlesmarkt mit etwa 180 Ständen geöffnet ist. Er ist einer der ältesten Weihnachtsmärkte in Deutschland. Doch in diesem Jahr ist alles anders, der Markt pandemiebedingt abgesagt, Händlerinnen, Händler und umliegende Unternehmen blicken bang auf das eigentlich so wichtige Weihnachtsgeschäft.

Ein merklich zerknirschter Oberbürgermeister Marcus König (CSU) hatte die Absage am Montag bekannt gegeben - inmitten von stetig steigenden Infektionszahlen und im Endspurt der Bewerbung um die Kulturhauptstadt Europas 2025. Zwar hatte der Markt ohnehin schon entzerrter auf vier Plätzen in der Altstadt stattfinden sollen, doch auch dieses Konzept wurde nun als zu riskant abgelehnt.

Direkt betroffen ist nun etwa Susanne Schleicher. Sie verkauft auf dem Christkindlesmarkt eigentlich Seifen. Mit der Absage fällt für sie eine ihrer größten Einnahmequellen weg. "Uns wird eine sechsstellige Summe fehlen", sagt sie. Ihr Problem: Sie hat schon weit im Voraus Waren eingekauft und Seifen produziert, da sie reifen müssen. Zwar verderbe ihre Ware nicht. Doch jetzt müsse sie extra ein Lager anmieten, "vermutlich auch in fünfstelliger Höhe". Sie müsse nun an ihr Erspartes. "Aber das ist ja irgendwann auch aufgebraucht."

Er habe "gestandene, weinende Männer", am Telefon gehabt, sagt Lorenz Kalb, Chef des Süddeutschen Schaustellerverbands, die Lage sei für etliche "dramatisch". Wirtschaftlich gesehen sowieso, aber auch, weil sie ihren Beruf als Berufung verstünden und jetzt erschüttert seien. Bestürzt sei er auch, weil man noch bei den Sommertagen in Nürnberg, einem dezentralen Ersatz für das Volksfest mit Ständen an verschiedenen Orten, ein funktionierendes Hygienekonzept bewiesen habe. "Das war top organisiert", sagt Kalb, das hätten ihm die Stadt und auch Gesundheitsministerin Melanie Huml bestätigt. Doch auch an den Sommertagen hatte es angesichts enger Straßen in der Nürnberger Altstadt Kritik gegeben. Kalb pocht dennoch auf das Hygienekonzept und fordert vom Freistaat endlich mehr Hilfe. Er betont, es stünden etliche Existenzen auf dem Spiel.

Beunruhigt sind auch die Hoteliers der Stadt. "Die Entscheidung war abzusehen, aber wir haben dennoch gehofft", sagt Frank Rübsamen, Geschäftsführer des Sorat-Hotels am Hauptmarkt. "Das ist ein weiterer Schlag." Üblicherweise sei das Hotel vom ersten Adventswochenende bis zum dritten oder vierten Advent sehr gut gebucht. Doch Anfragen für den Advent gebe es noch gar keine, sagt er, Reisende seien schon länger vorsichtig. Derzeit sei das Hotel nur zu zehn Prozent ausgelastet. Und nun auch noch die Absage.

Ähnlich alarmiert zeigt sich auch Christian Linz, Vorstand der Nürnberger Taxi-Zentrale. Er fürchtet "einen deutlichen Rückgang" - zusätzlich zu ohnehin massiven Einbußen von bis zu 40 Prozent. "Amerikaner und Asiaten lieben den Christkindlesmarkt." Blieben die Touristen weg, entfielen nicht nur ihre Fahrten zum Markt selbst, sondern auch zum Restaurant oder Einkaufen in der Stadt. Und: Lokale oder temporäre Shutdowns drückten generell die Konsumlaune, sagt er. Wer lieber im Internet Geschenke bestelle, lasse sich nicht mit vollen Einkaufstüten nach einer Shoppingtour im Taxi heimfahren.

Einzelstände verteilt im Stadtgebiet sollen nun wenigstens ein bisschen Weihnachtsstimmung bringen. Sie bewerbe sich auf jeden Fall für einen Stellplatz, sagt Seifenverkäuferin Schleicher. Schaustellervertreter Kalb findet die Idee grundsätzlich gut. Dazu werde man nun beraten. Er wisse, dass der Stadt die Absage schwer gefallen sei, ähnlich wie in Augsburg, wo der Christkindlmarkt ebenfalls ausfällt. Doch auffangen lasse sich die Krise so "in keinster Weise."

© SZ vom 28.10.2020

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