Bundestagswahl:CSU-Hochburg Nürnberg-Nord? Weit gefehlt

Bundestagswahl: Probelauf in Berlin: Als eine der ersten transgeschlechtlichen Frauen will Tessa Ganserer in den Bundestag einziehen. Ihre Chancen stehen gut, sie steht auf Listenplatz 13. Aber am liebsten hätte sie das Direktmandat.

Probelauf in Berlin: Als eine der ersten transgeschlechtlichen Frauen will Tessa Ganserer in den Bundestag einziehen. Ihre Chancen stehen gut, sie steht auf Listenplatz 13. Aber am liebsten hätte sie das Direktmandat.

(Foto: John MacDougall/AFP)

Der Wahlkreis ist ein hartes Pflaster für die Partei, hier holte einst Renate Schmidt für die SPD das Direktmandat. Nun will es die Grüne Tessa Ganserer. Die Stadt hat damit ihr eigenes Triell.

Von Clara Lipkowski, Nürnberg

Ein Spätsommertag in Nürnberg, Tessa Ganserer tritt aus ihrem Büro im Stadtteil Gostenhof und ist gleich bei der Sache. Nürnberg-Nord, sagt die Grünen-Politikerin, sei für die CSU ja noch nie ein einfaches Pflaster gewesen. Während sie langsam durch das Viertel spaziert, ist sie sehr fokussiert. Sie hat Großes vor.

Das mit dem Pflaster bestätigt ein kurzer Blick in die Wahlgeschichte: Der Wahlkreis Nürnberg-Nord, zu dem auch Gostenhof zählt, war bei Wahlen zum Bundestag oder Landtag immer wieder umkämpft - vor allem zwischen CSU und SPD. 1980 und 1990 etwa gewann Renate Schmidt (SPD) das Direktmandat. Später ihr Parteikollege Günter Gloser. Ab 2018 mischte Ganserer selbst mit: Bei der Landtagswahl kam sie den Christsozialen mit nur 1,9 Prozentpunkten Differenz gefährlich nahe. Die Grünen kamen auf 25,9 Prozent, die Christsozialen auf 27,8. CSU-Hochburg Nürnberg-Nord? Weit gefehlt.

238. Bundestagssitzung und Debatte Aktuell, 25.08.2021, Berlin, Gabriela Heinrich im Portrait bei ihrer Rede Aussprache

Gabriela Heinrich, 58, sitzt seit 2013 für die SPD im Bundestag und hat es zur stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden gebracht.

(Foto: Imago Images/Political-Moments)

Nun also Bundestagswahl. Ganserer will nach der Zeit im Landtag höher hinaus. Ihr Einzug in den Bundestag gilt als sicher. Sie steht auf Landeslistenplatz 13, mit mindestens 20 Plätzen aus Bayern rechnen die Grünen. Sie aber will mehr, das Direktmandat Nürnberg-Nord, zurzeit in der Hand von Sebastian Brehm, CSU.

Hier im politisch linken, multikulti Gostenhof, wo die LGBTIQ-Szene aktiv ist, wirkt das erst einmal nicht unrealistisch. Ganserer kandidiert als eine der ersten transgeschlechtlichen Frauen, das kommt gut an. Sie läuft durch die Straßen, und manche, die ihr entgegenkommen, lächeln sie sehr lange an. Später sagt sie, dass sie jegliche Reaktionen ausblende, wenn sie im Gespräch sei. Die positiven Begegnungen blendet sie dann aus, aber eben auch die negativen. Die irritierten. Nur ein paar Straßen schaut ein anderer sehr lange düster. Ganserer geht darüber hinweg. Am Petra-Kelly-Platz, zwischen sanierten Altbauten, Weinbar und Hipstercafé, sagt sie, dass sie als erste Grünen-Politikerin aus Nürnberg nach Petra Kelly in den Bundestag will. Doch wendet man den Blick vom bunten Gostenhof auf den gesamten Wahlkreis, könnte man ihr Ziel - Direktmandat - auch anders sehen. Als ziemlich kühn.

Der Wahlkreis ist heterogen. Das Knoblauchsland, stark landwirtschaftlich geprägter Ausläufer Nürnbergs, gilt als klar konservativ. Ebenfalls kein grüner Selbstläufer sind die Mietshäusergegenden im Norden. Wie die Menschen im von Akademikerinnen und Beamten geprägten St. Johannis wählen oder im wohlhabenden konservativ-grünen Laufamholz, wird abzuwarten sein. Und selbst in Gostenhof konkurriert Ganserer mit der SPD-Kandidatin Gabriela Heinrich.

Es wird "spannend", "sportlich" oder "knapp", das sind die Reaktionen, wenn man sich bei CSU, SPD und Grünen nach dem Wahlausgang erkundigt. Interessant ist dabei, dass es diesmal zwischen SPD und Grünen knapp werden könnte - jedenfalls, wenn man einer aktuellen Umfrage von election.de traut. Derzufolge schafft es die CSU am 26. September in Nürnberg-Nord nur noch auf 23 Prozent. 39 Prozent könnte die SPD bekommen - und die Grünen genauso viel. Im Sommer, als die Grünen im Umfragehoch schwebten, hatten Prognosen noch ein Rennen zwischen Schwarz und Grün vorhergesagt. Nun holt die SPD deutschlandweit in Umfragen auf und das zeigt sich auch in Franken. Nürnberg hat nun sein eigenes Triell.

SPD-Kandidatin Gabriela Heinrich lässt am Telefon Zuversicht aber auch Nervosität durchblicken. Heinrich gilt als etablierte Sozialdemokratin im Bundestag. Sie hat sich als Vize-Fraktionschefin und in außenpolitischen und Menschenrechtsfragen einen Namen gemacht. Aber während man bei Tessa Ganserer relativ genau weiß, dass sie etwa für Klimapolitik, das Thema Wohnen und eben Queerpolitik steht, fragt sich so mancher, was diese Themen bei Heinrich in Nürnberg eigentlich sind. Soziales, gibt diese zurück. Sie sei eine, zu der Menschen mit ihren Problemen kämen. Rente, Klimaschutz, was der jetzt alles kosten werde, höhere Löhne, das Thema Mieten. Sie setzt gezielt auf Erststimmenfang, auf Olaf Scholz als Wahlkampfredner in Nürnberg und will mit ihrem Parteikollegen aus dem anderen Nürnberger Wahlkreis, dem im Süden, wiederholen, was die SPD 1998 erreicht hatte: Damals hatte die Partei beide Direktmandate in Nürnberg geholt. Helmut Kohl war nach 16 Jahren abgetreten, Gerhard Schröder kam. Heute sei es eben Angela Merkel und deren Ablöse sei Scholz.

Bundestag

Sebastian Brehm, 49, wurde 2017 direkt gewählt. Er ist nicht über die CSU-Landesliste abgesichert, er braucht das Direktmandat.

(Foto: Jörg Carstensen/dpa)

Besonders knifflig wird die Wahl für CSU-Kandidat Sebastian Brehm. Der Bundestagsabgeordnete ist nicht durch einen guten Listenplatz abgesichert, sondern auf das Direktmandat angewiesen - also auf die Erststimmen. Verfehlt er das Mandat, endet wohl seine politische Karriere. Daher hofft der Steuerberater auf taktische Wählerinnen und Wähler: Wer ein starkes Nürnberg im Bundestag wolle, solle seine Erststimme nicht an Kandidatinnen geben, die sowieso über die Liste einzögen, sagt er am Telefon. In der traditionell roten Altstadt hätten ihm Wähler das sogar schon angekündigt. Er sei zuversichtlich, wenn auch gespannt.

Brehm will mit Finanzexpertise punkten und, dass er 750 Millionen Euro Förderung nach Nürnberg geholt habe, für das Volksbad etwa, die Digitalisierung der Verkehrsbetriebe. Er wisse um die Umfragen, hoffe aber auf die noch etwa 30 Prozent Unentschiedenen. Denn auch das hätten vorherige Wahlen gezeigt, sagt er: In zwei Wochen könne sich noch viel drehen.

© SZ vom 16.09.2021/syn
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