Mitten in NürnbergBruderzwist im Rathaus

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In Schillers „Räubern“ stürzt sich ein Bruder auf den anderen. Gibt’s so nicht im richtigen Leben? Im Rathaus Nürnberg helfen sich zwei Brüder gerade nicht gegenseitig. Eher im Gegenteil.
In Schillers „Räubern“ stürzt sich ein Bruder auf den anderen. Gibt’s so nicht im richtigen Leben? Im Rathaus Nürnberg helfen sich zwei Brüder gerade nicht gegenseitig. Eher im Gegenteil. Foto: Frank Rumpenhorst/dpa

Der eine Stadtrat will eine neue Rathausfraktion gründen – sein jüngerer Bruder befehdet ihn öffentlich.  Über ein schillerndes Drama in Nürnberg.

Kolumne von Olaf Przybilla

Bei Schiller ist es so: Franz ist der Zweitgeborene, fühlt sich vernachlässigt, hat wenig Aussichten aufs Erbe. Karl dagegen kam als Erster zur Welt, ein klassischer Vatersohn, vom Leben nur kurz auf die liederliche Seite der Existenz geworfen. So ist die Grundkonstellation, Friedrich Schiller hat daraus ein geniales Drama gestrickt, die Bruderzwist-Tragödie schlechthin, die „Räuber“. Bei der Premiere soll das Theater „einem Irrenhaus“ geglichen haben.

Bei den Schüllers, knappe 250 Jahre später, ist die Konstellation etwas anders, klar. Aber auch im Nürnberger Rathaus sind die Beziehungen gerade etwas aufgewühlt zwischen zwei Brüdern. Und auch in diesem Drama bekommt der Bruderzwist eine fast literarische Note. Oh ja, es schillert bei den Schüllers.

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Es ist so: Marc Schüller, das ist der Ältere der Schüller-Brüder, hat kürzlich erklärt, den Rathaus-Grünen den Rücken zu kehren. Der politische Stil in der grünen Fraktion – das ist das Hauptargument – sei nicht mehr so, wie er und weitere Stadträte sich das wünschen würden. Also wird’s künftig zwei Grünen-Gruppen im Stadtrat geben: die Mehrheits-Grünen. Und die Grünliberalen.

Titus Schüller, 22 Jahre jünger, ist der politisch profiliertere Kopf. Und ja, wie es sich für den Jüngeren wohl gehört: Verglichen mit seinem Bruder – dem studierten Psychologen und hauptberuflichen Imker – gilt er eher als Heißsporn. Und ist, womöglich als Folge dessen, auf der politischen Skala weiter links gelandet. Schüller, der Jüngere, ist Chef der Rathaus-Linken in Nürnberg.

Nun müsste man einen politischen Schritt des eigenen Bruders nicht kommentieren, es hätten da wohl alle Verständnis dafür. Schüller, der Jüngere, aber tickt da anders. Was die „Grünliberalen“ – also nicht zuletzt sein Bruder – da veranstalteten, sei „Harakiri“, ein „politischer Offenbarungseid“ und „schlicht unehrlich“ ließ er Schüller, den Älteren, öffentlich wissen.

Nicht nur das. Auch das schärfste, wohl schmerzhafteste Schwert sollte nicht stecken bleiben. Die Spaltung in Grüne (vorwiegend weibliche, eher junge Stadträte) und Grünliberale (vorwiegend männliche, eher reifere Stadträte) hätte zur Folge, dass die AfD künftig – nach CSU und Sozialdemokraten – die drittstärkste Kraft im Stadtrat von Nürnberg sind.

Was zwar so stimmt. Aber wohl eher symbolische als tatsächliche Folgen in der politischen Ratspraxis haben dürfte. Aber schmerzen, sagt der Psychologe Schüller, schmerzen tue ihn das natürlich schon, was man da nun gegen ihn vorbringe. Solle es wohl auch.

Und nun? Der Jüngere, sagt der Ältere, wisse ganz genau: In der kommenden Ratssitzung werde er, der Ältere, ihn, den Jüngeren, trotz allem zur Begrüßung umarmen. Der Ältere, sagt wiederum der Jüngere, spreche da absolut die Wahrheit. Auch Weihnachten werde man bestimmt feiern wie immer, als Familie eben. Aber ein „Tabubruch“, „fatal“ und „völlig verantwortungslos“ – kein Gran weniger – sei das schon, was sein Bruder da getan habe. Und von Erfolg werde es auch nicht gekrönt sein. Ein Schmarrn also.

Wie schade, dass Schiller das nicht mehr erleben darf. Wie gerne sähe man dieses Stück am Staatstheater: Friedrich Schiller, „Die Schüllers“.

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