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Auszeichnung:Nürnberg ist einen Schritt weiter auf dem Weg zur europäischen Kulturhauptstadt

´Drehort des Jahres" Nürnberg

Stehen diese Türme bald in Europas Kulturhauptstadt? Die Nürnberger Stadtspitze wagte anfangs kaum davon zu träumen - jetzt hoffen sie mit neuem Selbstvertrauen auf das große Los.

(Foto: dpa)

Die ewigen Underdogs schwelgen in neuem Hochgefühl. Oberbürgermeister Maly hatte vorsorglich schon mal eine Trauerrede vorbereitet.

Zwei Jahre hat sich die Stadt vorbereitet, sie hat sich gequält und zuletzt viel gehofft und viel gebangt. Und am Ende bleibt da dieses eine Bild. Ulrich Maly, der Oberbürgermeister von Nürnberg, nimmt zweieinhalb Stunden nach der Juryentscheidung ein Stück Papier in die Hand, er zerknüllt es lustvoll vor Publikum und schmeißt es im Gestus formvollendeter Todesverachtung über die Schulter nach hinten. An einer Wand bleibt die Kugel liegen, später kümmert sich der Pressesprecher der Stadt liebevoll um das verkrumpelte Stück. Ein Fall fürs Stadtmuseum?

Nürnberg im Dezember, der Club ist Drittletzter und wohlgemerkt: in der zweiten Liga. Warum es so eingerichtet worden ist, dass es Städte gibt, die abonniert sind aufs Leichte, Gute und Schöne und wiederum andere, die für Schwermut, Tragikomik und Würde in der Niederlage stehen, ist nicht hinterlegt. In Nürnberg gibt es die Theorie, dass zumindest der Gott Bayerns ein Katholik sein muss und die Rollenverteilung streng nach dem Reißverschlussprinzip einsortiert hat: Die größte Stadt des Landes kommt ins erste Töpfchen, die zweitgrößte (protestantisch geprägt) ins zweite. Bewiesen ist das nicht. Im Ergebnis aber hat es sich für Nürnberger als hilfreich für die innere Lebensplanung erwiesen, sicherheitshalber von der schlimmstmöglichen Schicksalswendung auszugehen. Das passt dann meistens schon.

Kunst Dabei sein ist alles
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Im Wettbewerb der deutschen Kandidaten für die "Kulturhauptstadt Europas 2025" sind fünf Städte in die engere Auswahl gekommen. Unter anderem hat sich Chemnitz gegen Dresden durchgesetzt, auch Nürnberg darf sich freuen.   Jan Heidtmann

Maly ist geboren in Nürnberg, er ist in der Stadt aufgewachsen, hat dort studiert, wurde da SPD-Fraktionsgeschäftsführer und danach OB. Die schlimmste aller denkbaren Wendungen wäre im Fall Kulturhauptstadtbewerbung 2025 die Variante gewesen, dass sieben von acht Bewerbern ins Finale einziehen und exakt einer auf der Strecke bleibt. Und der kommt aus der Nähe von Fürth. Als am Donnerstagnachmittag verkündet wird, dass fünf Kandidaten ins Finale eingezogen sind, scheidet diese Wendung schon mal aus, vorbereitet hat sich Maly gleichwohl auf alles. Menschen, die Maly kennen, wissen, dass er alles andere als unzufrieden ist mit der Performance der Stadt im Bewerbungsprozess. Trotzdem hat er sich eine Rede zurechtgelegt, was er so sagen könnte, falls das Fatum der Stadt mal wieder die Rolle des würdevollen Melancholikers zuweist. Diese Rede stand auf dem Papier, das Maly zerknüllte und hinter sich schmiss.

Der Sozialdemokrat ist seit 2002 OB, in einem Vierteljahr ist Schluss. Einem Meinungsforschungsinstitut gebührt das Verdienst, dass Maly seit einiger Zeit auch mit empirischer Zuverlässigkeit "Deutschlands beliebtester Großstadt-OB" genannt werden darf, gefühlt war der ehemalige Städtetagspräsident das eh schon länger. Die Schmach aber, als Oberhaupt einer Stadt mit dieser - in jeder Hinsicht - kolossalen Geschichte womöglich in der ersten Runde zu scheitern, hätte Spuren in seiner politischen Biografie hinterlassen - egal, ob das nun gerecht gewesen wäre oder nicht. Ein Fleck, eine Wunde am Ende wäre geblieben. Maly wusste das. Entsprechend groß ist die Erlösung. In der ersten Runde zu scheitern und also die vorbereitete Niederlagenrede halten zu müssen, "wäre quälend gewesen", gibt er zu. Er sei "saufroh", dass ihm das erspart bleibe. Maly war gelegentlich beschwingt zu erleben in seiner Amtszeit, nach dem Triumph gegen Markus Söders Nürnberg-CSU etwa. So erleichtert aber hat man ihn selten gesehen.

Sieben Stunden nach der Verkündung in Berlin, dass Nürnberg weiter ist so wie Magdeburg, Chemnitz, Hildesheim und Hannover, betritt Julia Lehner die Bühne der Kulturwerkstatt auf dem ehemaligen AEG-Gelände. Die Stimmung muss man in dem Moment als annähernd frenetisch beschreiben, mindestens für fränkische Verhältnisse. Die Kulturreferentin berichtet, wie sie sich bei der Präsentation beim Blick auf eine Frau der Jury ernsthafte Gedanken gemacht habe, ob deren Lächeln womöglich als erster Anflug von Mitleid zu werten sei - auch das eine Schilderung aus der komplexen Kernzone fränkischen Lebensgefühls. Später habe ihr eine Mitarbeiterin eine Rede in die Hand gedrückt für die guten Worte nach der missglückten Bewerbung; und währenddessen habe sie, die Kulturreferentin, eingehende Überlegungen darüber angestellt, ob's nun opportun wäre, "harten Alkohol zu bunkern".

"Wir haben voll aufs richtige Thema gesetzt"

Danach sind die Gäste in der AEG-Halle regelrecht enthusiasmiert. An dem Abend ist tout Nürnberg zusammengekommen, es gab nicht wenige, die über die lange schon angekündigte Sause gestaunt hatten. Immerhin galten die Einladungen auch für den Desasterfall, samt Verheißung auf ein elegisches fränkisches Fest mit Tanzmusik. Maly freilich hatte sich vorab bereits entschuldigt, nach der Pressekonferenz am Nachmittag werde er weg sein, ein wichtiger Termin. Könnte sein, spekulieren manche in der Halle, dass die Aussicht auf einen Triumph-Abend nicht hinreichend verheißungsvoll gewirkt hat - verglichen mit der Variante, womöglich eine Nacht lang trübe Dabei-sein-war-alles-Erklärungen abgeben zu müssen.

Marcus König, der OB-Kandidat der CSU, ist dagegen gekommen; er steht mit dem breitest ihm zur Verfügung stehenden Grinsen an der Bar. Der gelernte Bankkaufmann macht gar keinen Hehl daraus, dass er anfangs gefremdelt hat mit der Bewerbung. "Zu abstrakt" habe das auf ihn gewirkt, zum Teil zu abgehoben. König war da nicht der einzige. Man muss nur im Nürnberger Bid Book blättern, dem englischsprachigen Bewerbungsbuch, um zu ahnen, dass dieses nicht im Bemühen um möglichst viele faszinierte Leser entstanden ist - sondern primär darauf abzielt, einen soziokulturell tiefgründelnden Fragenkatalog möglichst professionell abzuarbeiten. Und trotzdem hat sich König inzwischen "anzünden lassen von der Idee".

Das Auswahlverfahren

Am 10. Dezember beginnt die Jury, sich mit der Frage zu beschäftigen, wer die erste Auswahlrunde als Bewerber um den Titel Kulturhauptstadt Europas 2025 übersteht. Acht Bewerber treten an, diese stellen sich in alphabetischer Reihenfolge der Jury vor: Chemnitz, Gera, Dresden, Hannover, Hildesheim, Magdeburg, Nürnberg und Zittau. Als zweitletzter Bewerber aus der Runde wird sich Nürnberg am 11. Dezember präsentieren. Geplant ist eine halbstündige Vorstellung des Projekts, anschließend haben die zwölf Jurymitglieder 45 Minuten Zeit, Fragen zu stellen. Je zehn Vertreter der jeweiligen Städte haben Gelegenheit, darauf zu antworten. Wer auf die sogenannte Shortlist kommt, wird am 12. Dezember um die Mittagszeit bekanntgegeben. Während die Präsentationen und Fragerunden unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfinden, wird das Ergebnis der Jurysitzung per Livestream übertragen.

Mitglieder der Nürnberger Delegation sind der Oberbürgermeister der Stadt, Ulrich Maly, sowie Kulturreferentin Julia Lehner und der Leiter des Bewerbungsbüros, Hans-Joachim Wagner. Bundesweiter Prominenz erfreut sich inzwischen auch Benigna Munsi, die sich als Nürnberger Christkind einen Namen gemacht hat. Munsi vertritt die Stadt allerdings nicht ihrer Rolle als Christkind, sondern weil sie im vergangenen Sommer als Darstellerin eines Theaterprojekts aufgefallen war. Das Team wird ergänzt durch Nürnberger Künstler und Kulturschaffende.

Zehn Jurymitglieder vertreten die Europäische Union, entsandt vom Rat, der Kommission, dem Parlament und dem Ausschuss der Regionen. Zwei weitere Jurymitglieder - Ulrich Raulff und Barbara Mundel - vertreten die deutsche Kulturszene. Wie viele der acht Bewerber in die zweite Runde kommen, ist ungewiss. Als weithin sicher gilt allerdings, dass mehr als ein Bewerber und weniger als acht die erste Runde überstehen werden.

Die Frage nach den Favoriten traut sich keiner seriös zu beantworten. Schon die letzte Entscheidung einer Jury galt als kaum vorhersehbar. Im November wurde das österreichische Bad Ischl zur Kulturhauptstadt 2024 erkoren, ein Kurort und die einstige Sommerresidenz von Kaiser Franz Joseph und Sisi. Als mögliche Shortlist-Kandidaten fallen häufiger jene, denen man ein historisches "Narrativ" und einen "Need", also eine Bedürftigkeit nach kulturellem Wandel nachsagt. Im September 2020 - Oberbürgermeister Maly wird dann nicht mehr im Amt sein - besucht die Jury die jeweiligen Shortlist-Städte. Die Entscheidung, wer am Ende gewinnt, soll im Herbst 2020 fallen. Olaf Przybilla

Man darf ihm das vorbehaltlos abnehmen. Denn ohne Frage ist König einer der größten Sieger des Nürnberger Finaleinzugs. Zwar betonen bislang alle, Kommunalwahlkampf und Kulturhauptstadtbewerbung auseinanderhalten zu wollen. De facto aber ist das gar nicht möglich. Und so dürfte es sich als Glücksgriff der CSU erweisen, schon vor einigen Monaten mit einem Zweierteam in den OB-Wahlkampf gezogen zu sein. Die Partei tritt gewissermaßen mit zwei Kandidaten an: mit König, dem jungen OB-Bewerber; und mit Kulturreferentin Lehner, die für das Amt der Bürgermeisterin antritt - und seit Donnerstag das Gesicht des erfolgreichen Finaleinzugs ist. "Wir haben voll aufs richtige Thema gesetzt", sagt König. Auf ein Thema im Übrigen, das der Partei wohl auf die Füße gefallen wäre - wäre es anders gelaufen.

Maly ist das zweite Gesicht dieses Hochgefühls, aber er tritt 2020 ja nicht mehr an. Im Sommer, wenn die Jury vor der Entscheidung nach Nürnberg kommt, wird ein anderer OB die Stadt vertreten. Bislang hatte Maly signalisiert, dass dann andere ran müssten. Seit Donnerstag darf man davon ausgehen, dass er in anderer Funktion wohl weiter mittun wird. Auf die Frage, ob ihn die Entscheidung der Jury überrascht habe, Dresden und Zittau - beide galten als Mitfavoriten - ausscheiden zu lassen, verweigert er die Antwort. Begründung: "Ich brauche die Jury ja noch."

Könnte sein, dass er sich da bei etwas erwischen ließ. Könnte auch sein, dass Kulturreferentin Lehner bei der Verabschiedung von der Bühne - der Abend ist da fortgeschritten, die Stimmung fröhlich bis feucht - ebenfalls tiefer blicken lässt als in Franken üblich. Nürnberg als ewiger Underdog, und das auch als Hauptstadtbewerber? Klingt in diesem kurzen Moment gar nicht so: "Nächstes Jahr feiern wir hier wieder. Und dann sind wir's wirklich!"

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