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Nürnberg:"Es geht hier immer mehr in die Extreme"

Er ist Rentner, verkauft aber bis heute an Wochenenden Blumen in der Parkbucht, in Gedanken immer bei seinem Chef. Rechts in der Bucht stehen ein paar festgekettete Kanister mit Wasser, daneben erinnert ein frischer Blumenstrauß, an einen Baum gelehnt, an Enver Şimşek. Auf der anderen Platzseite hat eine Stadtteil- Initiative ein Schild anbringen lassen mit einem Zitat aus dem 3. Buch Mose.

"Wenn ein Fremdling bei euch wohnt in eurem Lande, den sollt ihr nicht bedrücken. Er soll bei euch wohnen wie ein Einheimischer unter euch, und du sollst ihn lieben wie dich selbst", steht da. Verantwortlich für das Schild ist Fritz Weispfenning, 80, der in der Nähe des Tatorts wohnt. Er lernt Türkisch, "um etwas Gastfreundschaft zu zeigen", und trägt eine Willkommensrede in der Muttersprache Şimşeks vor.

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Die Bundesanwaltschaft hat die Ermittlungen gegen Verdächtige übernommen, die Anschläge auf Asylunterkünfte verübt haben sollen - eine Folge der Verbrechen der NSU-Terrorzelle.   Von Hans Leyendecker

Es ist der Moment, in dem Abdulkerim Şimşek, der Sohn des Ermordeten, kurz mit den Tränen kämpft. "Leute wie Sie braucht dieses Land", sagt er. Şimşek, 27, studiert Medizintechnik in Frankfurt, momentan ist er der einzige der Familie, der noch in Deutschland lebt. In diesem Land will er auch bleiben, auch wenn er Bedenken hat: "Ich habe Angst, dass sich diese Gesellschaft immer mehr spaltet", sagt er. "Es geht hier immer mehr in die Extreme."

"NSU lebt", stand an der Wand eines Ladens

In Nürnberg hat der NSU dreimal gemordet, an jedem der Tatorte hört Abdulkerim Şimşek an diesem Tag Geschichten, die seine Wahrnehmung zu bestätigen scheinen. Die zentrale Gedenkstätte für die NSU- Opfer wurde beschmutzt. Gedenkschilder an seinen Vater wurden entfernt. An der Gyulaer Straße, wo der Änderungsschneider Abdurrahim Özüdoğru in seinem Laden erschossen wurde, klebte lange ein Neonazi-Aufkleber am Fallrohr vor dem Geschäft.

Und in der Nähe der Scharrerstraße, wo İsmail Yaşar in seinem Imbisscontainer ermordet wurde, ist erst am Freitag ein Graffito entfernt worden: "NSU lebt", stand Monate an der Wand eines Ladens, obwohl das lange bekannt war.

Barbara John, die Ombudsfrau für die Hinterbliebenen-Familien der NSU-Verbrechen, regt das auf: "Wenn da ein Auto falsch parkt, würde sich sofort einer drum kümmern", schimpft sie. Auch wenn sie sich sonst beeindruckt zeigt vom Engagement der Stadt. "Nürnberg macht für die Menschenrechte enorm viel." Dass an dem Tag auch Angehörige aus anderen Städten des NSU-Terrors gekommen sind, aus Nürnberg aber allein die Şimşeks da sind, erklärt sie anders. "Es gibt einfach Familien, die können sich den Verbrechen bis heute psychisch nicht aussetzen", sagt sie.

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Im NSU-Prozess muss das Gericht bald ein Urteil fällen. Welche Schuld trifft die Angeklagte Zschäpe? Eine Annäherung in elf Kapiteln. Folge 7: Das Leben in der NSU-WG.