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Notfallseelsorge:Wenn Polizisten weiche Knie kriegen

Wenn es schnell gehen muss, ist Polizeiseelsorger Andreas Simbeck auch mal mit Blaulicht unterwegs. Für Notfälle ist er rund um die Uhr erreichbar.

(Foto: Stephan Rumpf)

Andreas Simbeck ist Polizeiseelsorger. Er spricht mit den Beamten, wenn sie Einsätze nicht verarbeiten können, sie Suchtprobleme haben oder ein Kollege stirbt.

Von Katharina Kutsche

Vor Andreas Simbeck sitzen 20 Zuhörer in Uniform, braune Hose, ockerfarbenes Hemd, grüne Strickjacke. Simbeck, ein kräftiger Mann im Anzug, trägt einen goldenen Anstecker am Revers, das Abzeichen für die Polizeiseelsorger. Der "Polizeiseelsorger, katholisch" steht am Pult in einem Klassenraum der Bereitschaftspolizei Dachau.

Die Klasse vor ihm kennt Simbeck noch nicht, die Beamten haben ihre Ausbildung erst vor Kurzem begonnen. Simbeck unterrichtet Berufsethik. 1000 Meter von der Dachauer KZ-Gedenkstätte entfernt spricht er über polizeiliche Werte, erklärt sein Fach und seine Rolle in der Polizei.

Die besteht vor allem aus Zuhören: Wenn Beamte private Probleme haben oder Ärger im Beruf, bieten die Seelsorger ihnen ein Forum, in dem sie über ihre Sorgen und Ängste sprechen können. "Wir signalisieren: Ich nehme dich ernst, lache dich nicht aus, halte dich nicht für ein Weichei", sagt Simbeck.

Simbeck predigt nicht, er erzählt

Was kann ein Pfarrer einem Polizisten beibringen? Konfession und die Einstellung zur Kirche spielen bei den Beamten keine Rolle. Das sagt Simbeck auch den Polizeischülern in Dachau. Er muss die Polizisten erst einmal davon überzeugen, dass ein Mann mit Priester-Weihen einem mit Waffe helfen kann.

Also spricht er über seine eigenen Erfahrungen im Einsatz, zum Beispiel über eine Mutter, deren Säugling am plötzlichen Kindstod gestorben ist und die ihr Kind nicht aus den Armen geben will. Sie erzählte dem Seelsorger später, welcher Satz eines Beamten sich in ihren Kopf, mehr noch in ihre Seele eingebrannt habe: "Der Leichnam ist jetzt beschlagnahmt."

Simbeck fragt die Polizisten, wie man es hätte besser machen können. "Nicht vom Leichnam sprechen, sondern nach dem Namen des Kindes fragen", lautet die schnelle Antwort. "Genau", sagt Simbeck, "Sie müssen Ihr Tun transparent machen, erklären, warum wir da sind." Vor allem: "Auch in Situationen, in denen Sie sich hilflos fühlen, auf Ihre Sprache achten." Simbeck predigt nicht, er erzählt, redet nicht von Gott und der Welt, sondern vom Zeugnisverweigerungsrecht und seiner Schweigepflicht als Pfarrer: "Wenn mir jemand einen Mord beichtet, dürfte ich nicht zur Polizei gehen."

Zuhören ist oft Hilfe genug

Unterrichten ist nur eine Aufgabe von vielen für den Seelsorger, denn die Themen und Belastungen bei der Polizei sind so vielfältig wie ihre Einsätze. Beim G-7-Gipfel in Elmau ging er mit seinen Seelsorge-Kollegen die Absperrungen ab und sprach mit den Einsatzbeamten. Diese kämpften vor allem mit ihrem Unverständnis für den großen Aufwand und der Angst, die vielen Überstunden nicht abbauen zu können. Simbeck hörte zu, fragte nach, mehr konnte er nicht anbieten. Aber Zuhören ist oft Hilfe genug.

Kurz danach kamen die Flüchtlinge, Simbeck fuhr nach Passau. "Das ist mal eine sinnvolle Tätigkeit", sagte ein Beamter zu ihm. Trotzdem seien viele Polizisten besorgt, wie es weitergehe. Die aktuelle Verschnaufpause ist kurz, glauben viele. Noch mehr Überstunden drohen, ohne ein Ende in Sicht. Auch hier ist aktive Hilfe von den Seelsorgern nicht möglich. Doch Andreas Simbeck ist auch Landespolizeidekan und berichtet an Polizeipräsidenten und Ministerialbeamte - und die fragen ihn durchaus nach der Stimmung an der Basis. Simbeck spiegelt dann, was er bei seinen Dienststellenbesuchen und Gesprächen erlebt, wo es gerade rumort, womit die Polizisten kämpfen. "Das wird auch gehört", sagt er.

Wenn Zeit ist, zelebriert Simbeck Messen im Alten Peter und im Dom. "Es ist mir wichtig, mich auch als Priester wahrzunehmen und zu spüren", sagt er, und dass er nicht nur Kriseninterventionsfunktionär sein möchte. Auf seiner Webseite hat er allein für März 15 Termine für Laudes und Eucharistiefeiern angegeben. Wenn Polizisten von ihm getraut werden möchten oder er ihre Kinder taufen soll, macht er das auch, etwa 20 Mal pro Jahr.

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