U-25-Trainingslager in SchwabenWie sich das Nationalteam der Handwerker auf die EM vorbereitet

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Maurer Florian Quade, Deutscher Meister aus Brandenburg, bei der Arbeit.
Maurer Florian Quade, Deutscher Meister aus Brandenburg, bei der Arbeit. (Foto: Ole Höselbarth / ZDB)

„Euroskills“ heißt der Wettbewerb, bei dem junge Stahlbetonbauer, ein Maurer, Zimmerer, Stuckateur und Fliesenleger gegen die Konkurrenz antreten - und sich gute Chancen auf Medaillen ausrechnen.  Ein Besuch beim Training in Nördlingen.

Von Florian Fuchs

Die Mauer steht schon, nur an der Aussparung unten rechts, einem kleinen Fenster im Beton, da hängt die Schalung. Das Holz klemmt, also greift sich Louis Ritschel eine Kreissäge und hilft ein wenig nach. „Das ist riskant“, sagt Josef Leberle, sein Trainer. „Da kann leicht was kaputtgehen.“ Am Ende bleibt der Beton heil, Ritschel und sein Kollege Muhammed Ali Lamain sind zufrieden mit dem Ergebnis – genau wie ihr Trainer.

In der ganzen Halle hier im Fortbildungszentrum der Bauinnung Nordschwaben in Nördlingen wird gehobelt, gehämmert und gesägt. Die „Besten der Besten“, wie Leberle sagt, sind zusammengekommen, um sich im Trainingscamp auf die Euroskills im September in Dänemark vorzubereiten. Es ist so etwas wie die Europameisterschaft der Handwerksberufe, das deutsche Nationalteam tritt mit zwei Stahlbetonbauern und je einem Maurer, Zimmerer, Stuckateur sowie Fliesenleger an. Die Deutschen, das wird schnell klar, machen sich große Hoffnungen auf die ein oder andere Medaille.

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Vor vielen Jahren hat der Zentralverband Deutsches Baugewerbe die Nationalmannschaft ins Leben gerufen. Um junge Talente zu fördern, natürlich um Medaillen zu gewinnen, aber schon auch um Nachwuchs für handwerkliche Berufe zu begeistern. Seither gibt es nicht nur nationale Meisterschaften und Ausscheidungen auf Länderebene, seitdem treten die Deutschen auch bei Europameisterschaften und Weltmeisterschaften an. Mit Medaillengarantie meist, wie zahlreiche Erfolge zeigen. Ritschel und Lamain zum Beispiel, die beiden Stahlbetonbauer, dürfen sich bereits Vize-Weltmeister nennen. „Es ist einfach eine coole Erfahrung“, sagt Ritschel aus Neumarkt an der Oberpfalz.

Stuckateur Franz Lehnert kommt aus Nürnberg, Maurer Florian Quade aus Brandenburg, Fliesenleger Luis Brauner aus Nordrhein-Westfalen. Die Trainer rekrutieren ihre Talente, die jünger als 25 Jahre sein müssen, vor allem bei den nationalen Meisterschaften, wobei sie nicht nur die handwerklichen Fähigkeiten beurteilen. „Auch die mentale Stärke ist wichtig, wenn man plötzlich gegen internationale Gegner antritt“, betont Leberle. Der Trainer der Stahlbetonbauer muss außerdem darauf achten, dass seine Leute gut im Team arbeiten. Mit Ritschel und Lamain aus Baden-Württemberg hat er offenbar die richtige Mischung gefunden.

Josef Leberle, Trainer der Stahlbetonbauer, war schon bei vielen Welt- und Europameisterschaten.
Josef Leberle, Trainer der Stahlbetonbauer, war schon bei vielen Welt- und Europameisterschaten. (Foto: Ole Höselbarth / ZDB)

Während Ritschel gerade die Kreissäge zur Seite stellt, um die klemmende Schalung doch mit der Hand herauszuklopfen, reinigt Lamain die bereits entfernten Schalungen, in die sie zuvor den Beton gegossen hatten. Die beiden 20-Jährigen müssen nicht nur millimetergenau arbeiten, sie müssen auch schnell sein. Der Wettbewerb hat ein Zeitlimit, entsprechend laufen, putzen und schwitzen die beiden Handwerker. „Das ist schon Sport“, sagt Leberle. „Und auch körperlich anstrengend.“

Bei den Weltmeisterschaften 2024 mussten die Beton- und Stahlbetonbauer unter anderem eine Bewehrung herstellen und eine Wand mit schrägem Eck, einem viertel Rundkreis am Ende sowie einem aufgedoppelten Sechseck. Die Schalungen stellen sie selbst her. Das klingt nicht nur kompliziert, das ist es auch, und dann muss ja alles perfekt aussehen. Ihre Mauer, die sie gerade im Training in Nördlingen hochgezogen haben, merkt Ritschel selbstkritisch an, hat einige Luftblasen, also kleine Löcher und Unebenheiten im Beton. Aber da können sie nichts dafür. „Das ist ein Glücksspiel mit dem Material“, sagt auch ihr Trainer. Im normalen Leben auf der Baustelle würde das niemanden interessieren, beim Wettkampf legen die Juroren höhere Maßstäbe an.

Die meisten Unternehmen stellen ihre jungen Fachkräfte gerne ab, auch wenn das ein hoher Aufwand ist: zehn bis zwölf Wochen Training im Jahr, dazu die Wettkämpfe. „Dafür ist es aber auch gute Werbung“, sagt Iris Rabe, Pressesprecherin des Zentralverbands Deutsches Baugewerbe. Sie haben eine moderne Homepage eingerichtet für das Nationalteam, sie sind auf Tiktok, sie gehen in Schulen. Es geht ihnen mit ihren Sportler-Handwerkern schon auch darum, dem Akademisierungswahn entgegenzutreten.

Louis Ritschel und Muhammed Ali Lamain beim Training der Stahlbetonbauer.
Louis Ritschel und Muhammed Ali Lamain beim Training der Stahlbetonbauer. (Foto: Höselbarth / ZDB)
Bei der Bewertung kommt es oft auf Millimeter an, entsprechend genau müssen die Handwerker auch an der Säge arbeiten.
Bei der Bewertung kommt es oft auf Millimeter an, entsprechend genau müssen die Handwerker auch an der Säge arbeiten. (Foto: Ole Höselbarth / ZDB)

Einer der früheren Teilnehmer an internationalen Wettbewerben hat das mal gut auf den Punkt gebracht: Fürs Handwerk, sagte er jungen Schülern, brauche man Begabung. Wer die nicht habe, könne immer noch studieren. Nachwuchskräfte wie Lamain und Ritschel haben ganz offensichtlich ein hohes Maß an Talent. Ritschel hat als Kind am Nachbargrundstück seines Elternhauses einen Neubau entstehen sehen. Da war für ihn früh klar, wohin es geht im Berufsleben. Lamain wollte eigentlich Maurer werden. Bei dem Unternehmen, bei dem er sich bewarb, gab es aber nur noch Stellen für Stahlbetonbauer. Hat er halt dort die Ausbildung begonnen.

Für Deutschland, so kann man das wohl sagen, war das ein großes Glück: Lamain hat die Deutschen Meisterschaften gewonnen, gemeinsam mit Ritschel rechnet er sich Chancen auf den Europameistertitel aus. Da ist es ganz praktisch, dass die Chinesen dort nicht mitmischen können. Die haben, berichtet Leberle, ziemlich aufgeholt die letzten Jahre. Und gehen die Wettbewerbe anders an als die Europäer: Die dortigen Mitglieder der Nationalteams arbeiten gar nicht mehr in ihren Unternehmen, sie bereiten sich stattdessen monatelang ausschließlich auf die Weltmeisterschaften vor. Das kann dann schon den Unterschied machen, wenn es am Ende knapp zugeht – wie eigentlich immer. „Meistens haben wir enge Ergebnisse wie beim Skifahren, wenn der Zweite nur ein paar Hundertstel hinterher ist“, sagt Leberle.

Der Bundestrainer wird mit seinem Team beim Wettbewerb vom 9. bis 13. September 15 Minuten über die Aufgabe sprechen dürfen, die es gestellt bekommt. Danach sind Lamain und Ritschel in drei Tagen Wettkampf auf sich gestellt. Da wird es wichtig sein, betont Leberle, dass sie auch an Kleinigkeiten denken, etwa daran, frühzeitig das Sägeblatt auszutauschen, damit das Holz, aus dem sie die Schalung bauen, nicht ausfranst.

Und sie werden sich nicht von der Konkurrenz verunsichern lassen dürfen. Bei einem Wettbewerb, erinnert sich Leberle, haben zwei Teilnehmer mal in kürzester Zeit enorm viel Schalung aufgebaut, dass die Konkurrenz nur so staunte. „So weit sind die schon“, haben alle einen Schreck bekommen. Dabei sind die Beiden nur von der üblichen Vorgehensweise abgewichen und haben sich von der ersten Minute an ausschließlich auf den Bau der Schalung konzentriert – um die Konkurrenz nervös zu machen. „Man muss mit allem rechnen“, sagt Leberle.

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