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Neufahrn in Niederbayern:Spuren der Trauer

Dominik Brunner hatte Kinder in der S-Bahn beschützt und wurde totgeprügelt. Diese Tragödie hat auch Spuren bei seinem Arbeitgeber hinterlassen. Ein Besuch bei dem niederbayerischen Dachziegelhersteller Erlus.

Der Geschäftsbericht des Mittelständlers Erlus für das Jahr 2009 ist ein besonderer. Auf dessen Cover prangt nicht etwa das weitläufige Firmenareal, das den südlichen Ortsanfang von Neufahrn in Niederbayern dominiert. Auf dem Bild legen stattdessen fünf Mitarbeiter des Unternehmens im Zusammenhalt ihre Hände aufeinander. Auf der nächsten Seite ist zu lesen: "Wo die Zivilcourage keine Heimat hat, reicht die Freiheit nicht."

Bildhauer schafft Mahnmal zu Ehren Dominik Brunners

Dominik Brunner wurde 2009 am Sollner S-Bahnhof zusammengeschlagen und starb an seinen Verletzungen.

(Foto: ddp)

Der Tondachziegel- und Schornsteinhersteller Erlus war der Arbeitgeber von Dominik Brunner. Dieser gehörte zum Vorstand. Am 12. September 2009 hatte Brunner am S-Bahnhof München-Solln Kinder vor zwei aggressiven Jugendlichen schützen wollen. Die schlugen und traten ihn, Brunner ging zu Boden und starb.

Im noch aktuellen Geschäftsbericht von Erlus wird Dominik Brunner mitgewürdigt. "Sein Tod hat die Grundfesten unseres Unternehmens berührt", sagt Peter Maier, Vorstand für Vertrieb und Marketing. "Das war jedoch das einzige Mal, dass wir die Tat von Solln und Erlus so nah zusammenbrachten", so Maier weiter. Denn Erlus berichte als AG letztlich den Aktionären.

Um an Brunner zu erinnern, wurde die Dominik-Brunner-Stiftung gegründet. Sie soll Bewusstsein für Zivilcourage schaffen und Menschen unterstützen, die Mut bewiesen haben. Man bemüht sich, den Vorfall vom Geschäftlichen zu trennen. "Wir mussten das mühsam lernen", sagt Maier. Besonders kurz nach Dominik Brunners Tod bestand in Kundengesprächen die Gefahr, dass es schnell um den Vorfall in Solln ging. "Da musste man sich sehr zurücknehmen, weil das Thema so starke Emotionen auslöst", sagt Maier.

Brunners Tod hat dennoch Spuren im Unternehmen hinterlassen. Die Stiftung ist dezent im Erdgeschoss des Erlus-Hauptgebäudes eingerichtet. Nur ein paar Flyer liegen dort aus, erinnern an Werte wie Nächstenliebe, Mut und Bürgersinn. Es ist die Stiftungsarbeit, in die sich viele von Brunners ehemaligen Kollegen gestürzt haben, um ihre Trauer zu verarbeiten. "Wir wussten: Dominik musste sterben, weil er Zivilcourage gezeigt hat. Jetzt können wir etwas für Zivilcourage tun und damit auch für ihn", sagt Vorstand Peter Hoffmann, der Dominik Brunner 16 Jahre lang kannte und auch zum Stiftungsvorstand gehört.

Täglich redet er dort über seinen verstorbenen Kollegen. Noch immer trudeln bei ihm jeden Tag etwa 50 E-Mails zu Dominik Brunner ein. Manche Menschen berichten darin von ähnlichen Schicksalen, andere wollen helfen. "Das waren manchmal ältere Menschen, die von einer kleinen Rente leben und trotzdem 50 Euro spendeten. Diese rührenden Spenden kommen zwar immer seltener vor, machen aber Mut und geben Kraft, an der Stiftung weiterzuarbeiten", sagt Hoffmann.

Die Ohnmacht der Trauer habe sich für ihn erst mit der Arbeit an der Stiftung gelöst, berichtet Hoffmann. Auch viele andere Mitarbeiter engagieren sich dort ehrenamtlich. Buchhalter Alois Frauenholz hilft bei den Finanzen. Sabine Stummer, zwölf Jahre lang Brunners Sekretärin, widmete der Stiftung im vergangenen Jahr ihre gesamte Freizeit. "Während der Trauerphase ist das Gefühl der Lähmung stark, man muss die Folgen dieses Anschlages auf Dominik Brunner ertragen, ohne selbst etwas tun zu können", sagt Psychologin Karin Dittrich-Brauner, "Menschen suchen einen Weg aus der Passivität, engagieren sich zum Beispiel im Sinne des Verstorbenen."