Süddeutsche Zeitung

Niederbayern:Dieser Mann brachte das italienische Eis in den Bayerischen Wald

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Als Giuseppe Guarino in den Siebzigern seine Eisdiele eröffnet, bringt er einen Hauch Exotik mit. Und die "Waidler" staunen über den Signore.

Von Lisa Schnell, Grafenau

Diese überlangen, dünnen Teigwaren fanden sie am Anfang schon seltsam in Grafenau. Nudeln, das waren Dampfnudeln, Schupfnudeln, Schmalznudeln, aber "Spaghetti"? Immerhin nicht ganz so ein Zungenbrecher wie ein anderes Fremdwort, bei dem sich so mancher Waidler die Zunge verrenkte: Stracciatella. Schier unmöglich auszusprechen, aber unbedingt notwendig, wenn man sie in den Siebzigerjahren haben wollte, die kulinarische Sensation des Bayerischen Waldes: italienisches Eis.

Giuseppe Guarino wusste, was gemeint war, wenn damals wieder einer für 15 Pfennig eine Kugel "Stracula" bestellte. Diese sämige Eiscreme mit den großen Schokostücken drin, das war schon etwas anderes als das Softeis aus dem Automaten, das es damals in Grafenau gab. Völlig neu auch das Konzept der Eistheke. Mehrere Sorten dargeboten unter Glas, dahinter ein Signore in weißer Schürze, der seine Spezialitäten im schönsten Italienisch feilbot. So etwas hatte Grafenau noch nicht gesehen.

Es war ein Hauch Italien, den Guarino 1971 aus seiner Heimatstadt Neapel in den Bayerischen Wald brachte, als er dort mit 35 Jahren die erste italienische Eisdiele eröffnete. Auch heute würde sich Pizzeria und Eisdiele der Guarinos wunderbar eignen, um "Der Pate, Teil IV" zu drehen. Ein altes Steinhaus, an dem der Efeu emporwächst, unter der großen Markise ein älterer Herr in tadellosem Hemd mit zurückgekämmten, grauen Haaren, der zu seinem Espresso jeden Morgen die Gazzetta dello Sport durchblättert. Jetzt wedelt Guarino sich Luft mit einem Fächer zu, hebt die Hand, wenn ihn einer grüßt. Sein Eis und seine Pizza gehören mittlerweile genauso zu Grafenau wie das Pichelsteiner. Und so handelt die Geschichte der Guarinos nicht nur von gutem Eis, sondern auch davon, wie ein Fremder heimisch wurde.

23 Jahre war Guarino alt, als er 1959 in den Bayerischen Wald kam, zusammen mit 15 anderen Gastarbeitern. Er arbeitete in der Glasfabrik in Spiegelau. Harte Arbeit, kalte Winter und kein Telefon, mit dem die Sehnsucht nach der Familie zu Hause im warmen Süden gestillt werden konnte. Von den 15 Italienern sind nur zwei geblieben. So erinnert sich Guarinos Sohn Raphael, der jetzt neben ihm sitzt, natürlich eine Waffel mit einer Kugel Vanilleeis in der Hand.

Eismachen war eine anstrengende Angelegenheit

Dass die Grafenauer in den Genuss des italienischen Eises kamen, haben sie Erika zu verdanken, die mit Guarino in der Glasfabrik arbeitete. 17 Jahre war sie jung, als er sich in sie verliebte und sie sich in ihn. Da half auch die Standpauke ihrer Mutter nichts. Die war nicht die einzige, die sich um ihre Tochter sorgte, wenn die 15 Süditaliener in ihren hellen Sonntagsanzügen bei ihrer "Passeggiata" am Wochenende durch den Ort spazierten. Die Skepsis der Waidler schmolz dahin, als Guarino jedes Wochenende mit auf dem Fußballfeld stand, und sie schlug um in helle Begeisterung, als er sich seinen Traum erfüllte.

Schon als Kind gab er sein ganzes Taschengeld für Eis aus. Immer schon wollte er in die Gastronomie, so wie sein Vater, der in Melito di Napoli, einem kleinen Dorf vor Neapel, eine eigene Trattoria hatte. Dann machte ein Freund, auch aus Italien, in Augsburg eine Eisdiele auf und weihte Guarino in die Kunst des Eismachens ein.

Damals eine beschwerliche Angelegenheit, wie Sohn Raphael sogleich demonstriert. Aus dem Keller holt er einen alten, runden Blechzylinder. Dort kam die Creme rein, drumherum in einem Fass Eiswürfel mit Salz versetzt, damit es noch kälter wird, und dann war Muskelkraft gefragt. Raphael Guarino hält den Blechzylinder mit einer Hand am Deckel, mit der anderen an der Seitenwand, und fängt an, ihn kreisen zu lassen, immer schneller. An der Innenseite wurde so die Creme zum Eis.

In der dunklen Ecke, aus der Raphael den Blechzylinder holte, stand lange Zeit auch noch der alte Eiswagen, mit dem sein Vater auf das Grafenauer Volksfest ging. Ein Handwerker-Spezl aus Grafenau hatte den Wagen für ihn zusammengezimmert, der 1973 nicht mit Strom, sondern mit Eis kühlte. Zwischen Bierzelt, Blaskapelle und Lederhosen verkaufte Guarino seine italienischen Köstlichkeiten. Ein Bild, das wie kein anderes zeigt, wie wunderbar auch vermeintliche Gegensätze wie ein Südländer und der tiefste Bayerische Wald zusammenpassen können. Nun kommt der alte Eiswagen ins Museum.

Guarinos italienische Sprachmelodie, die jeden Satz zum Lied werden lässt, vermischte sich mit breitem Bairisch. Er denke sogar auf Bairisch, sagt er, nur fluchen und zählen, das gehe nur in seinem neapolitanischen Dialekt. Die Grafenauer sehen mittlerweile davon ab, die Spaghetti zu zerschneiden, und auch "Stracciatella" geht ihnen nach jahrzehntelanger Übung jetzt besser über die Lippen. "Giuseppe" freilich war am Anfang ähnlich schwer, einfacher war da der Spitzname "Peppo", nach dem Guarino seine Pizzeria benannte.

Sein Vater war auf gut Bairisch der Beppo, seine Mutter die Beppo-Frau und sie die Beppo-Buam, erinnert sich Sohn Raphael, der sehr gut Bairisch kann und weniger gut Italienisch. Ein schlimmes Wort wegen ihres italienischen Vaters hätten er und seine zwei Brüder in ihrer Kindheit nie gehört. Nur neidisch waren die anderen, weil sie so viel Eis essen konnten. Ein Nachteil aber hatte die Sache natürlich. Raphael erinnert sich gut an die heißen Sommertage. Nicht selten lag er da mit seinen Freunden im Freibad, als aus den Lautsprechern die Durchsage schallte: "Raphael Guarino zum Eingang." Sein Vater hatte angerufen, er sollte das Eis nicht nur schlecken, sondern es auch verkaufen.

Das Eis nach dem Geheimrezept der Guarinos anrühren aber, das durfte lange nur sein Vater. Bis er 71 Jahre alt war, dann wurde er krank und sagte zu seinem Sohn: "Jetzt hab ich es 36 Jahre gemacht, jetzt bist du dran." In seiner Pizzeria ist Guiseppe Guarino noch jeden Tag und auch ein Eis muss eigentlich täglich sein, am liebsten Vanille. Gerade will Raphael der Besucherin eine Kostprobe holen, da betritt eine Frau den Gastraum und bleibt zugleich wieder stehen, um genügend Zeit zum Staunen zu haben. Sie lässt ihren Blick an den dunklen, verschnörkelten Holzbänken entlanggleiten, an den alten, eleganten Leuchtern und dem roten Teppich. "Hier ist es ja wirklich wie in Italien", sagt sie. Dabei hatte sie das Eis da noch gar nicht probiert.

Das Exponat wurde dem Museum der Bayerischen Geschichte in Regensburg zur Verfügung gestellt, das im Mai 2019 eröffnen soll. Näheres dazu unter www.hdbg.de

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Quelle:
SZ vom 28.08.2018
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