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Nürnberg:Eine Frau wie ein offenes Rasiermesser

Nico - Deutschlands erstes Supermodel, Sängerin und Schauspielerin - am Times Square in New York im Jahr 1965.

(Foto: Steve Schapiro)

Christa Päffgen, bekannt als "Nico", war Model, Sängerin, Muse und Schauspielerin. Nun widmet der Verlag Starfruit der Pop-Ikone ein opulentes 620-Seiten-Werk.

Wie hat man sich das vorzustellen, wenn Manfred Rothenberger sich entscheidet, ein Buch zu machen? Der Verleger stellte den Band "Nico. Wie kann die Luft so schwer sein an einem Tag an dem der Himmel so blau ist" (Verlag Starfruit publications, Fürth 2019) auf der Frankfurter Buchmesse vor. Man wird dieses Werk getrost das Opus magnum eines Verlages nennen dürfen, der dieses Jahr seinen zehnjährigen Geburtstag feiert und in der Branche immer wieder für seine "aufregende, spartenübergreifende Buchkunst" gerühmt und prämiert wird. Wie also entsteht so ein Werk, in dem am Ende, um kurz vorzugreifen, nicht nur etliche Dutzend zum Teil fabelhafte Texte über Nico, Deutschlands erstes Supermodel und die Muse Andy Warhols, zu lesen sind. Sondern der - wie nebenbei - auch noch Werke von Künstlern aus der ersten zeitgenössischen Reihe in sich versammelt: unter anderem Jonathan Meese, Cornelia Schleime, Rosemarie Trockel. Alle haben sich mit Nico beschäftigt - und Rothenberger hat das initiiert und zusammengeführt.

Wie also? Nun, sagt der Verleger, die 1988 verstorbene Sängerin, Musikerin und Schauspielerin Nico - bürgerlich: Christa Päffgen aus Köln - habe ihn sein Leben lang begleitet, "in guten wie in schlechten Tagen". Rothenberger, 59, hat also verfolgt, wie sich da eine zum ersten international bekannten deutschen Fotomodel entwickelte und mit Fotografen wie Herbert Tobias zusammenarbeitete. Er hat beobachtet, wie sie sich selbst spielen durfte in Fellinis "La Dolce Vita" und wie sie ein Teil von Warhols Factory wurde. Er hat verfolgt, wie sie Strecken ihres Lebensweges mit Jim Morrison verbrachte - und auch mit Bob Dylan, Lou Reed, Leonard Cohen, Iggy Pop und Patti Smith. Er hat die bestürzenden Geschichten wahrgenommen über Nico als notorischen Junkie und über ihren Sohn, der offenbar von Alain Delon stammte, ohne dass dieser das wahrhaben wollte.

Manfred Rothenberger, 59, an seinem ersten Arbeitsplatz: dem Institut für moderne Kunst in Nürnberg.

(Foto: Olaf Przybilla)

Vor allem aber hat er ihr natürlich beim Singen zugehört. Wobei es immer schon unterschiedliche Ansichten darüber gab, ob Nico das wirklich kann: singen. Auch bereits zu ihrer Zeit als Teil von Velvet Underground. Dass ihr düsteres Timbre faszinierend ist, darüber freilich herrschte Einigkeit. "Es ist nicht leicht, ein Nico-Fan zu sein", heißt eines der zentralen Essays aus dem Band. Ein anderes: "Sie läuft ja wie ein offenes Rasiermesser durch die Welt." Das ist ein leicht abgewandeltes Zitat aus dem Woyzeck. Und sagt eigentlich schon alles.

Und wie entsteht nun so ein Buch? Er habe ins Internet geschaut, erzählt Rothenberger, und sei erschüttert gewesen, was es als Literatur über Nico zu erwerben gibt. Also habe er das getan, was schon seit zehn Jahren als das geheime Programm des Fürther Verlags Starfruit gelten darf. "Ich mache die Bücher, die ich selbst lesen will", sagt Rothenberger. Will heißen: Er besorgte sich einen Mitstreiter - hier den Musiker Thomas Weber - und machte sich auf den Weg, Nico-Wegbegleiter zu treffen, entlegene Beiträge und Interviews aufzuspüren und zeitgenössische Künstler und Dichter (Franz Dobler etwa) zu bitten, ihre Perspektive auf das Werk und die komplex gebrochene Figur Nico preiszugeben.

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Kann sich so ein Buch jemals wirtschaftlich rechnen? Niemals, sagt Rothenberger. Tausende Stunden habe er darauf verwendet, das meiste in Nachtarbeit. Aber selbst wenn er das nicht einrechnen würde - auf schwarze Zahlen käme er gewiss nicht mit diesem 620-Seiten-Opus. Genau einmal in der Verlagsgeschichte machte er einen kleinen Gewinn. Als der Club das Jubiläum "Zehn Jahre Pokalsieg" feierte, legte Starfruit ein ambitioniertes Fußballbuch vor.

Wie funktioniert so etwas? Er fahre ein Uralt-Auto, sagt Rothenberger, spiele kein Golf, fröne auch sonst keiner Passion außer der Bibliomanie (und dem Club). Außerdem habe er eine Partnerin, die Nachtarbeit zugunsten einer Leidenschaft akzeptiere. Und überdies werde er ja durchaus entlohnt. 2018 erschien in der SZ-Literaturbeilage ein fast ganzseitiger Text über die Anthologie "Mindstate Malibu", in der sich Künstler mit dem Dilemma digitalen Daseins auseinandersetzen. In den einleitenden Sätzen dieser Rezension wurde das Buch eingereiht neben Kurt Pinthus' epochemachender Expressionismus-Anthologie "Menschheitsdämmerung" und Rolf Dieter Brinkmanns "Acid". Mehr Literaturhistorie geht kaum. Erschienen ist "Mindstate Malibu" bei Starfruit. In Fürth.

Ach so ja, und einen "Brotberuf" habe er auch noch, sagt er. Es dürfte einer der schillerndsten Brotberufe Deutschlands sein, aber man vergisst diesen schon mal, selbst wenn man Rothenberger an seinem Arbeitsplatz in Nürnberg besucht. Seit 1994 ist er Direktor des Instituts für moderne Kunst, einer einzigartigen Institution in der Republik. Das Nürnberger Institut versteht sich als Dokuzentrum für zeitgenössische Kunst nach 1945. In seiner Präsenzbibliothek versammelt es auf 1400 laufenden Metern Publikationen, Drucksachen und Einladungskarten zu mehr als 24 000 Künstlern - sowie die Auswertungen aus Kunstzeitschriften und den wichtigsten Zeitungen. 250 000 Rezensionen versammelt das Institut. "Könnten Sie sich so niemals zusammengoogeln", sagt Rothenberger. Wie dieses Institut nach Nürnberg kam und wie Rothenberger dort Direktor wurde? Das wäre eine andere Geschichte.

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