Neuer EU-Mittelpunkt Europas Herz, eine unterfränkische Wiese

Geografen haben berechnet, wo nach dem Beitritt Kroatiens der Mittelpunkt der EU liegt: im unterfränkischen Dorf Westerngrund. Und zwar auf einer ziemlich feuchten Wiese. Allerdings steht zu befürchten, dass sich 2014 der Mittelpunkt noch mal verschiebt.

Von Olaf Przybilla

Bekanntlich stammt die Frau, die Donald Duck ins Deutsche übersetzt hat, aus Oberfranken. Genauer gesagt aus Schwarzenbach an der Saale, weshalb Donald im Buch in den wunderbaren Oberfranken-Orten Kleinschloppen, Schnarchenreuth, Groschlattengrün und natürlich Schnabelwaid unterwegs ist.

Das westliche Unterfranken um Aschaffenburg kommt, soweit zu sehen ist, bei Donald nicht vor. Aber hätte es Erika Fuchs, die legendäre Donaldübersetzerin, dorthin verschlagen, sie hätte ebenfalls in Namen schwelgen können. In Wenighösbach etwa, in Schneppenbach oder Wasserlos - und natürlich in Mensengesäß. Es hat nicht sollen sein. Ein Ort aber aus dem Aschaffenburger Kahlgrund bringt es nun doch zu Berühmtheit, wenn auch auf etwas andere Weise. Westerngrund - gelegen ziemlich genau zwischen dem Huckelheimer Wald, dem Geiselbacher Forst, Kleinkahl und Omersbach - ist seit Montag: das Zentrum der Europäischen Union.

Dass das nur rein geografisch der Fall ist - seit der Aufnahme Kroatiens in die EU - trübt die Freude in Westerngrund keineswegs. Im Gegenteil: Als neues geografisches Zentrum ist man inzwischen immerhin amtlich beglaubigt, berichtet Bürgermeister Josef Kilgenstein. Und zwar als einziger Ort in Europa. Niemand Geringeres als die Bayerische Vermessungsverwaltung hat den Westerngrundern den neuen Titel bereits bestätigt, und zwar auf Zuruf des Institut de Geographie in Paris.

Den Titel als politisches Zentrum nähmen ja mindestens zwei Städte für sich in Anspruch, Brüssel und Straßburg, sagt Bürgermeister Kilgenstein, er hat sie beide bereits besucht. Denn dass Europa in Westerngrund noch einmal ein etwas größeres Thema werden würde, das ahnte Kilgenstein schon seit vier Jahren, eben seit der Beitritt Kroatiens auf der politischen Agenda steht. Wohlgemerkt, er ahnte es nur, sagt der Bürgermeister, aber in Sicherheit wiegen konnte er sich nie.

Der Grund für die Unsicherheit: Laien stellen sich die Sache mit der Mittelpunktberechnung offenbar deutlich weniger komplex vor, als sie in Wahrheit ist. In der Vergangenheit gab es deshalb immer mal wieder irritierende Abweichungen, etwa als im Jahr 2007 die EU-Mittelpunktfahnder vom Bundesamt für Kartografie zu einer merkwürdig anderen Expertise kamen als ihre französischen Kollegen - obwohl man mit derselben Methode gearbeitet hatte. Allerdings hatten sich die deutschen Geografen in ihren Berechnungen auf die EU-Inseln im Atlantik beschränkt, während die Franzosen auch Réunion im Indischen Ozean und Martinique in der Karibik hinzugerechnet hatten. Der Gewinner war am Ende: das hessische Meerholz, damals würdiger Nachfolger des rheinland-pfälzischen Kleinmaischeid.

Die Westerngrunder haben die Debatten aufmerksam verfolgt, weshalb die Freude im Ort nun zwar "nicht zu bestreiten" sei, wie Kilgenstein formuliert, sich aber vorläufig eher geordnet Bahn bricht. Immerhin stehe zu befürchten, dass sich am 1. Januar 2014 der Mittelpunkt noch mal verschiebt, weil - wenn der Bürgermeister das richtig verstanden hat - die Experten von da an ein paar Inseln hinzurechnen, die sie bisher nicht hinzurechnen. Oder andersrum. Aber, und das ist die gute Nachricht für Westerngrund, das EU-Zentrum würde im Ort bleiben, nur um 500 Meter verlegt werden. In welche Himmelsrichtung? Man weiß es nicht.

Und wie sieht er nun aus, der Mittelpunkt der Europäischen Union? Wenn man ehrlich ist, sagt der Bürgermeister, handelt es sich dabei um eine ziemlich feuchte Wiese, Privatbesitz, dort wo der 1900-Einwohner-Ort sanft in den Kahlgrund übergeht. Eine Tafel soll dort demnächst aufgestellt werden, eine jedoch, die man bei Bedarf auch wieder rasch abbauen kann. Das EU-Zentrum liegt in einem mit Industrie eher unterdurchschnittlich gesegneten Ort, ein paar Handwerksbetriebe gibt es in Westerngrund. Was schön passt: Die Gemeinde hatte in ihrer Geschichte immer wieder andere Herren, Frankfurter, Mainzer, Würzburger, heute gehört man zu Bayern. Das mache weltoffen, sagt Kilgenstein, und so solle es ja auch sein in der EU.