bedeckt München 26°

Neue Vorwürfe gegen Amazon:Der Arbeitstag

Die Führungskraft: Beim sogenannten "Start-Meeting" vor jedem Arbeitstag hielt der Hallenmanager immer eine Ansprache. Er stand oben im ersten Stock, sein Team unten im Erdgeschoss. Das muss man miterleben, das war Motivation wie in den Galeeren. Jeder sogenannte Picker, der die Waren aus den Regalen zusammensammelt, hat einen Scanner, mit dem er die Waren scannt. Dieses Gerät misst aber auch deine Schrittweite, deine Bewegungen, deine Stückzahlen. Und es stellt fest, wenn du stehst. Der sogenannte Leader (Vorgesetzte) bekommt dann eine Meldung auf den Bildschirm: Der Picker steht. Für jeden Picker erstellt der Computer ein Balkendiagramm. Das zeigt, wie er gearbeitet hat. Wenn Leute unter der Linie waren, wurde das angesprochen.

17 Uhr war an jedem Tag der heilige Termin. Wenn bis dahin die Pakete nicht fertig waren, bekam der Leader Fehlpunkte. Diesen Druck muss er nach unten weitergeben, sonst verliert er den Job. Die Picker mussten bis zu 25 Kilometer am Tag gehen. Das alles mit einem Aluwagen und auf Betonboden in unbequemen Sicherheitsschuhen. Die Warenwagen werden per Aufzug in den dritten Stock gebracht, die Leute müssen aber laufen. Das Durchschnittstempo der Picker wurde vom Standort Leipzig vorgegeben. Da wurden ab 2012 alle Standorte verglichen. Ein Dienstplan im Dezember sah vor, dass ich durchgehend 20 Tage Nachtschicht machen sollte - ohne freien Tag. Ich ging zum Chef und sagte, das geht nicht. Ich bekam zu hören: "Wenn Sie nicht wollen, dann können Sie ja gehen. Es sind genügend andere da."

Der Packer: In der Pack-Abteilung herrschte unmenschlicher Zeitdruck: Bei den Singlepacks (Pakete mit einem Produkt) musste jeder pro Stunde 200 Stück verpacken. Ich schaffte im Schnitt etwa 75 bis 100 Prozent. Bei den Multipacks (zwei Artikel oder mehr) muss man 100 Päckchen pro Stunde schaffen. Das ist aber nicht machbar. Meine Bestleistung lag bei 75 Prozent. Die Chefs sehen auf ihrem PC, wie viel Prozent du hast. Das wird dir dann am nächsten Tag bei Schichtbeginn gesagt. Wenn man nicht so viel Druck hätte, würde man viel weniger hudeln und viel weniger Fehler machen. Ich wurde auch einmal ins Krankenhaus gebracht, wegen Kreislaufproblemen. Ich glaube, das Rote Kreuz war drei- bis viermal pro Tag da, um Leute zu behandeln.

amazon

Betriebsseelsorger Erwin Helmer und Gewerkschaftssekretär Thomas Gürlebeck (rechts) stehen in engem Kontakt mit den Mitarbeitern. 

(Foto: Stefan Puchner)

Die Pickerin I: Beim Eignungstest mussten wir gelbe Postkisten mit 15 Kilo hochheben. Außerdem wurden Fragen gestellt wie: Was halten Sie von Amazon? Und: Macht der Internetversandhandel den Einzelhandel kaputt? Am ersten Tag bekam ich eine durchsichtige Plastiktrinkflasche, dafür wurden mir zwei Euro vom Lohn abgezogen. Wir durften nur diese Flasche mit hineinnehmen. Die Schuhe, die wir von Amazon bekamen, waren hart und unbequem. Ich habe Geleinlagen reingetan, aber das hat nicht viel gebracht.

Die Pickerin II: Beim Arbeitsamt hieß es, Nachtschicht sei nur freiwillig. In meinem ersten Dienstplan waren aber 16 Tage Spätschicht am Stück und ein Tag Nachtschicht eingetragen. Ich dachte, das war ein Schreibfehler. Mir wurde dann von meiner Leaderin gesagt: "An diese Zeiten wirst du dich schon gewöhnen." Ich bekam Blasen und dicke Knie, weil man sich hinknien muss, um in die untersten Regale zu kommen. Da muss man manchmal reinkrabbeln und suchen.

Der Cart-Runner: Die Pause dauert offiziell 35 Minuten. Aber ich brauchte von meinem Arbeitsplatz zur Kantine fünf Minuten hin und fünf Minuten zurück. Da ich beim zweiten Gong schon wieder an meinem Arbeitsplatz sein musste, musste ich mich immer sehr beeilen, wenn ich was essen und noch eine rauchen wollte. Effektiv hatte ich eigentlich nur 25 Minuten Pause. In manchen Hallen ist es im Sommer sehr heiß und stickig. Da sind immer wieder Mitarbeiter umgefallen.

Gewerkschafter Gürlebeck: Manche Sachen aus Containern, die aus Übersee kamen, gasen noch aus, da sind schon viele Leute umgefallen. Deshalb gab es eine Anweisung, dass man das Schuhlager nur noch zu zweit betreten darf. Die Kantine ist desolat, weil teuer und schlecht. Meistens gibt es Leberkäs und der ist innen oft noch roh. Immer wieder gibt es spontane Schicht-Verlängerung oder -Verkürzung. Im Startmeeting wird dann gesagt: Und übrigens ist heute eine Stunde länger. Bei der Einstellung heißt es, jeder zweite Samstag sei frei. Aber dann haben die Leute nur zehnmal im Jahr am Samstag frei - wenn sie Glück haben.

Das sagt das Unternehmen: Amazons Ziel ist es, Kundenwünsche zu erfüllen und Kundenerwartungen zu übertreffen. Daran arbeiten alle Mitarbeiter, und gerade unsere Kollegen in den Logistikzentren spielen hier eine wichtige Rolle. Wir arbeiten in unseren Logistikzentren mit hochtechnischen Systemen und Prozessen, mit Hilfe derer wir die Sicherheit und Qualität des Arbeitsumfelds gewährleisten. Ziel solcher Systeme ist die Qualitätssicherung, um unseren Kunden ihre Bestellungen schnell und zuverlässig zu liefern.

Bei saisonalen Absatzschwankungen können Überstunden auch trotz sorgfältigster Planung erforderlich werden. Dabei stellen wir selbstverständlich sicher, dass die gesetzliche Höchstarbeitszeit unserer Mitarbeiter nicht überschritten wird und die erforderlichen Ruhezeiten eingehalten werden. Selbstverständlich erfolgt die Erstellung der Schichtpläne für unsere Mitarbeiter ebenfalls im Einklang mit den gesetzlichen Bestimmungen.

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite