"Neubayern"-Roman:Was wäre, wenn Heimat eine Lüge ist?

Gerade weil er das Bayernland und seine Abgründe so gut kennt, stellt ihn die gängige heimische Literatur nicht zufrieden: "Zu viel Innensicht", sagt er, ihm fehlt ganz einfach die Opulenz, wie man sie in der angelsächsischen Autorenszene pflegt. "Eine Erzählung mit einer großen Geschichte zu verbinden, das ist dort üblich und das war auch meine Intention." Und wo sollte das besser funktionieren als in Bayern, wo die Wurzeln der deutschen Literatur überhaupt liegen. 1200 Jahre alte Texte von Weltrang schmücken hier die Landestradition, sei es das Wessobrunner Gebet oder die kraftvolle Beschreibung des frühen Bayern aus der Feder des Arbeo.

Vor diesem Hintergrund braucht ein Autor eigentlich nur Fragen zu stellen, wie es neulich die Zeitschrift MUH getan hat, um daraus eine fantastische Geschichte zu spinnen: Was wäre, wenn Heimat eine Lüge ist? Was wäre, wenn es die vermeintlich gute alte Zeit noch gäbe? Was wäre, wenn die größtmögliche Strafe hieße, weg nach München zu müssen? Und was wäre gar, wenn sich das wohlvertraute und mächtige Bayern am Ende als gewaltige, ja sogar als endzeitliche Lüge entpuppt?

Die Geschichte von Neubayern habe ihn jahrelang beschäftigt, sagt Scherzer. Die Visionen, die in ihm herumschwirrten, regten ihn deshalb nicht nur schreiberisch an. Auch die kongenialen Illustrationen und das dem Buch beigelegte Heftchen mit weiteren Illus, Karten, Fotos und Zeitdokumenten stammen von ihm - quasi Ehrensache für einen Grafikdesigner, der die erdachte Welt auch bildlich formen kann. In der Literatur gibt es ein prägendes Pendant zu Neubayern, das Scherzer natürlich kennt. Es handelt sich um Alfred Kubins Roman "Die andere Seite" von 1908, in dem der Protagonist in ein von Menschenhand geschaffenes Traumreich im fernen Asien reist. Bis sich die Faszination immer stärker zu einer gnadenlosen Horrorvision steigert, bis hin zum apokalyptischen Niedergang des Traumreichs.

Neubayern

Im düsteren Land Neubayern verharren die Menschen im 19. Jahrhundert.

(Foto: Hirschkäfer Verlag)

Auch der amerikanische Mystery-Thriller "The Village - Das Dorf" aus dem Jahr 2004 habe ihn beeinflusst, sagt der Schriftsteller. Der Film thematisiert das Leben im Dorf Covington, das von einem Wald umgeben ist, in dem bösartige Kreaturen leben. Geheimnisvolle, Angst einflößende Wesen treiben sich auch in Scherzers Neubayern herum. Dort begibt sich der Dorffischer Joseph Kiener auf die Suche nach dem verschwundenen Buben, der den Teufel gesehen hat. Der Autor entwickelt quasi einen 19. Jahrhundert-Roadtrip durch ein eigentlich vertrautes Land, das im Laufe der Geschichte immer fremder wirkt. Er begegnet seltsamen Menschen, merkwürdigen Bräuchen, sonderbaren Sagengestalten, und nicht zuletzt der Angst und der Wahrheit. Erst ab der Hälfte des Buchs merkt der Leser, dass nichts so ist, wie es die Geschichte anfangs vermutet ließ. Das alte und das neue Bayern treiben aufeinander zu, so ähnlich wie im Urwald, wenn indigene Völker plötzlich auf Eindringliche aus der modernen Zivilisation treffen.

"Kolonialgeschichten fand ich immer schon faszinierend", sagt Scherzer. Es ist ein zu wenig beachtetes Phänomen, dass sich auch viele Bayern seit jeher auf den Weg machten und in die Welt hinaus drängten, sei es als Kreuzfahrer oder, wie der Straubinger Ulrich Schmidl, als Conquistador, der in Südamerika vor 500 Jahren mit den Spaniern das Land durchstreifte und dabei die Weltstädte Buenos Aires und Asunción mitgegründet hat.

Scherzers Buch beweist aufs Beste, dass es keine schlechte Idee ist, einen über das Genre schlichter Heimatkrimis hinausreichenden Roman über Bayern zu schreiben, mag die Literaturszene darüber auch in gewohnter Manier die Nase rümpfen. Diese Erfahrung hat auch Scherzer gemacht. Erstaunlicherweise obwaltet in der Literatur und in den Medien wie eh und je der zähe Nord-Süd-Konflikt, der oft mit einem grandiosen Unterschätzen des Potenzials einhergeht. Scherzers Roman zeigt zumindest, dass die bayerische Provinz nicht nur für Rita-Falk-Krimis taugt.

Florian F. Scherzer, Neubayern, Hirschkäfer Verlag, mit Illustrationen des Autors, 18,90 Euro.

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