Süddeutsche Zeitung

Neonazis und der Fall Mannichl:Die braune Connection des Ehepaars H.

Neuer brauner Terror: Die Tatverdächtigen im Fall Mannichl stammen aus dem Umkreis der Freien Nationalisten München. Sie sind die Nachfolger Martin Wieses.

Viele Waffen, 1,7 Kilo TNT und eine Handgranate: Es sollte ein Anschlag werden, wie ihn Neonazis in Deutschland noch nie begangen haben. Am 9. November 2003, dem 65. Jahrestag der Reichspogromnacht, wollte die Truppe rund um Neonazi Martin Wiese eine Bombe hochgehen lassen - bei der Grundsteinlegung des jüdischen Kulturzentrums auf dem Münchner St.-Jakobs-Platz.

Und nicht nur das: Die Mitglieder der "Kameradschaft Süd" haben noch weitere Anschlagsziele. Eine Synagoge, Asylbewerberheime, Mahnmale und eine griechische Schule stehen auf ihrer Liste. Bayerns damaliger Innenminister Günther Beckstein spricht von einer "Braune-Armee-Fraktion".

Seitdem sitzt Wiese im Gefängnis - eine vorzeitige Entlassung hat das Gericht erst kürzlich ausgeschlossen. Das wiederum hindert den Inhaftierten nicht, sich aus dem Gefängnis zu Wort zu melden: "Durch Euer Durchhalten, durch die Weiterführung des nationalpolitischen Kampfes habt Ihr mir mein kleines Opfer für mein Vaterland erträglicher gemacht", soll man ihn im vergangenen Jahr auf einem Neonazi-Aufmarsch zitiert haben.

Mit "Euer" meint er seine Nachfolger in München. Auch Sabrina H. und ihr Ehemann Manuel halten sich in diesen Kreisen auf. Sie gelten als tatverdächtig im Fall Mannichl: Der Passauer Polizeichef wurde am Samstag von einem bislang unbekannten Täter vor seiner Haustür mit einem Messer niedergestochen und lebensgefährlich verletzt. Seitdem sucht die Polizei bundesweit nach dem Täter - die Spur führt immer wieder in die rechtsextreme Szene.

Sabrina H. und ihr Mann Manuel gehören zu den Freien Nationalisten München. Der Verfassungsschutz ordnet diese einem eher lose strukturierten Zusammenschluss von Neonazis und rechtsextremistischen Skinheads zu.

Ihr Vorsitzender ist Philipp Hasselbach. Auch er soll im Fall Mannichl eine Rolle spielen. Am Dienstag wurde er kurzzeitig festgenommen und verhört, schreibt er auf der Internetseite der Freien Nationalisten München.

Und weiter: Er werde beschuldigt, Sabrina und Manuel H. ein falsches Alibi gegeben zu haben. "Am Mittwochvormittag wurde ich durch die Mordkommission einem Oberstaatsanwalt sowie einem Richter des Amtsgerichts Passau zur Zeugenaussage vorgeführt", so Hasselbach im Netz. "Ich sagte die Wahrheit und entlastete das Ehepaar."

Dennoch erging am Mittwochabend gegen das Münchner Ehepaar ein Haftbefehl wegen des Verdachts der Beihilfe zu einem versuchten Mord. Bereits früher sind Sabrina und Manuel H. mit antisemitischer Haltung aufgefallen. Beobachter berichten, dass das Paar zuletzt selbstbewusst und aggressiv aufgetreten sei.

Bei Demonstrationen trägt Manuel H. einen "Hamas Support"-Button, um seine anti-israelische Haltung zu unterstreichen. Beim Israeltag auf dem Odeonsplatz in München 2007 stürmten die Eheleute mit anderen Neonazis die Bühne und brüllten antisemitische Parolen.

Damit steht das Paar H. in klarer Tradition zur "Kameradschaft Süd" - jener Gruppe, die das Gericht im Prozess gegen Wiese 2004 als terroristische Vereinigung eingestuft hat. Wiese, der aus Mecklenburg-Vorpommern stammt, kam 2002 nach München, schloss sich rasch der Kameradschaft an, die damals noch von Norman Bordin geleitet wurde - und übernahm die Führung, als Bordin 2003 zu einer 15-monatigen Haftstrafe wegen versuchter schwerer Körperverletzung verurteilt wurde.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, womit Bordin noch immer von sich reden macht - und über eine besondere Begegnung zwischen dem Passauer Polizeichef Mannichl und der rechten Szene.

Die braune Connection des Ehepaars H.

Der bullige Bordin macht nach wie vor von sich reden. Zwischendurch war der 32-Jährige Vorsitzender der bayerischen Jungen Nationalen, im Oktober dieses Jahres wollte er offenbar als Eventmanager ins Immobiliengeschäft der NPD einsteigen. Vor allem mit dem Interesse am Traditionsgasthaus Gruber in Halsbach bei Altötting machte er Schlagzeilen.

Mittlerweile kehren einige der mit Martin Wiese Verurteilten ins normale Leben zurück. Auch in ihr altes Münchner Umfeld.

Und noch einer spielt eine prominente Rolle in diesem Netzwerk aus gewaltbereiten, rechtsextremistischen Aktivisten: Es ist der verstorbene Altnazi Friedhelm Busse. Er gilt als eine Art Ikone unter den Freien Kräften, als Kämpfer für den Umsturz.

Wie die Wut steigt

Als 15-Jähriger hatte sich Busse freiwillig zur Waffen-SS gemeldet. Später war er Vorsitzender der verbotenen Freiheitlichen Deutschen Arbeiterpartei (FAP). Unter anderem wegen Verstoßes gegen das Waffen- und Sprengstoffgesetz saß Busse eine mehrjährige Haftstrafe ab. Im Knast lernte er Norman Bordin kennen: Ihn ernannte er zum Kronprinzen, zu seinem Nachfolger in der "Führung des Nationalen Widerstandes".

In den Jahren vor seinem Tod war Busse hager geworden. Die Wangenknochen eingefallen, die Haare zerzaust. Doch die Augen hatten nach wie vor ein fanatisches Glänzen. In diesem Sommer ist er gestorben - und für ihn kämpft nun die nächste Nazi-Generation, vielleicht auch Leute wie Sabrina und Manuel H.

Am 26. Juli kommen die Rechtsradikalen nach Passau - auch das Ehepaar. Sie treffen sich auf dem Friedhof hinter der Dorfkirche St. Korona, am Grab von Friedhelm Busse. Es kommt so viel Prominenz aus der Neonazi-Szene, dass die beiden kaum auffallen. Unter den Trauergästen sind alte Bekannte wie Norman Bordin, Philipp Hasselbach - und ein ehemaliges Mitglied der Wiese-Gruppe. Neonazi-Aktivist Thomas Wulff legt die verbotene Reichskriegsflagge mit dem Hakenkreuz auf das Grab - für den Rechtsstaat eine Provokation.

Wenig später lässt die Passauer Polizei, geleitet von Alois Mannichl, das Grab öffnen. Die Polizei wollte klären, ob es sich bei der Fahne um die verbotene Version der Reichskriegsflagge handelt.

Der Hass der Kameraden am äußersten rechten Rand steigt. Zu ihrer verqueren Ideologie gehört auch die Verklärung der Vergangenheit, die Ehre der Gefallenen. Die Aktion der Passauer Polizei überhöht die Märtyrerfigur Busse zusätzlich.

Der Streit zwischen den Passauer Beamten und der rechtsextremen Szene hat jedoch schon eine längere Vorgeschichte. Besonders deutlich wurde der Konflikt im Januar 2007: Rechtsextreme luden damals zu einer Reichsgründungsfeier nach Passau - mit Altkader Busse als Redner. Doch als dieser vor dem Lokal aussteigen wollte, hinderte ihn ein Polizist daran. Für die NPD ein Akt "mit brutaler Gewalt", der für hitzige Debatten auf rechtsextremen Internetportalen sorgt. Nutzer fordern: "Rache für Busse."

Der Polizist damals war Alois Mannichl.

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