Neonazi-Aufmarsch in Wunsiedel:Im Narrenkostüm gegen Rechts

Fasching gegen Faschismus

Das Bündnis "Wunsiedel ist bunt" protestierte unter dem Motto ´Fasching statt Faschismus" mit närrischen Aktionen gegen eine Kundgebung Rechtsextremer.

(Foto: dpa)
  • Eine Neonazi-Partei, der sogenannte "Dritte Weg", hat kurzfristig in Wunsiedel einen Aufmarsch angemeldet - um der Bombardierung Dresdens vor 70 Jahren zu gedenken.
  • Für eine Aktion wie im November, als das Bündnis "Wunsiedel ist bunt" einen unfreiwilligen Spendenlauf organisierte, fehlte diesmal die Zeit.
  • Die Nazi-Gegner machten kurzerhand den Fasching zum Thema ihres Gegenprotests.

Von Olaf Przybilla

Natürlich haben sie in Wunsiedel nicht erwartet, dass mit den Nazi-Kundgebungen in der Stadt jetzt für alle Zeiten Schluss sein würde. Gerade weil die braunen Marschierer im November aus Oberfranken ziemlich blamiert heimgekehrt waren. Ihren Aufmarsch vor drei Monaten hatten die Wunsiedler in einen unfreiwilligen Spendenlauf umgewidmet.

Jeder Meter, den die Ultrarechten in Wunsiedel marschiert waren, wurde in Euro umgerechnet und für ein Nazi-Aussteiger-Programm gespendet. Eine Aktion, über die unter anderem die Washington Post berichtet hatte. Und die Nachahmer fand. Dass sie nun ausgerechnet am Faschingssamstag zurückkehren würden, damit hatten die Wunsiedler allerdings nicht gerechnet.

Der Aufmarsch wurde sehr kurzfristig angemeldet, und das ganz offenkundig, um der Initiative "Wunsiedel ist bunt" nicht allzu viel Zeit zu lassen, die Organisatoren abermals mit den eigenen Mitteln zu schlagen. Angemeldet hat den Marsch der so genannte "Dritte Weg". Die Partei also, in der viele Aktivisten aus dem verbotenen Neonazi-Sammelbecken "Freies Netz Süd" untergekommen sind. Mit dabei auch: Zwei ehemals führende Köpfe des braunen Netzwerks. Der eine tritt in Wunsiedel als stellvertretender Versammlungsleiter auf. Der Marsch war im Netz groß angekündigt worden. Man wolle in Wunsiedel der "Terroropfer von Dresden" gedenken.

Warum man dafür in eine oberfränkische Kleinstadt im Fichtelgebirge ausweicht, wird nicht auf den ersten Blick klar, findet Karl Rost. Der Sprecher der Initiative "Wunsiedel ist bunt" muss sich mit den Aktionen der Nazis in Wunsiedel - wo einst das Grab von Hitler-Stellvertreter Rudolf Heß war - seit mehr als einem Jahrzehnt beschäftigen. Dieser Marsch aber, sagt Rost, das sei nun wirklich so ziemlich das Albernste, was er von Nazis bisher erleben musste.

Ein Gedenkmarsch an einem Tag, an dem in den Ortschaften ringsherum die Narren unterwegs sind? "Man muss nicht alles ernst nehmen, was Nazis machen", sagt Rost. Wobei man gerade die Wunsiedler nicht darüber belehren müsse, dass Nazis grundsätzlich gefährlich sind. Aber braune Narren am Faschingssamstag?

Nein, diesmal habe man sich entschieden, kein Fest der Demokratie oder etwas Ähnliches dagegenzusetzen. Spenden für Nazi-Aussteiger wollte man auch nicht wieder einsammeln, sowas muss gut organisiert sein, und die Idee soll sich nicht abnutzen. Aber mit Faschingströten gegen die braunen Tröten anzugehen - die Idee gefiel diesmal allen.

Etwa 80 Marschierer sind am Samstag nach Wunsiedel gekommen. Sie ziehen am Marktplatz vorbei, wo sie eigentlich vom "Ersten Deutschen Tusch-Orchester" empfangen werden sollen. Jeder der Blas- oder Krachinstrumente mitbringen kann, ist willkommen in Wunsiedel. Man gründet das Orchester dann aber nicht offiziell, denn der Spielmannszug der Freiwilligen Feuerwehr ist gekommen, der sorgt schon für hinreichend Stimmung.

Fasching gegen Faschismus

"Tschüss ihr braunen Pappnasen": Mit selbstgemalten Schildern, bunten Kostümen und viel Krach protestieren die Wunsiedler gegen den Nazi-Aufmarsch.

(Foto: dpa)

Es reden Feierabend-Kabarettisten und andere Launige, der Jokus muss an dem Tag nicht besonders elaboriert daherkommen. Man ist schließlich eine Initiative gegen den braunen Ungeist und kein Ableger des Veitshöchheimer Faschings. Polonaise tanzen, Faschingslieder singen und den Nazis zeigen, wie albern so ein Trauermarsch mitten im Narrentreiben aussehen kann, darum gehe es, sagt Veranstaltungsleiter Wilfried Kukla. Das große Tätätätä wird gelegentlich mit einem gemeinsamen "Wunsiedel ist bunt" ersetzt. Und "Von den blauen Bergen kommen wir" singen sie an diesem Tag in Wunsiedel als "Wir wollen keine keine Nazis hier".

Am Ende wird der Geist der Gäste gemeinsam herausgekehrt, wie bei der alemannischen Fastnacht. Der lustige Nazi-Kehraus von Wunsiedel also. "Der braune Dreck muss halt wieder raus aus der Stadt", sagt Kukla.

Er ist zufrieden. Mindestens 150 Wundsiedler haben mitgefeiert, etwa doppelt so viele Rauskehrer also als braune Marschierer. Und immerhin, sagt Kukla: Diesmal durfte man maskiert gegen Nazis protestieren, das hatten sie in Wunsiedel auch noch nicht. Vermummungsverbot bei Demonstrationen? Musste an diesem Tag auf dem Marktplatz der Stadt nicht eingehalten werden, erklärt ein Sprecher der Polizei. Es war eben Fasching.

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