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Nazis in Bayern:"Es ist so schwer darüber zu reden"

Geholfen haben die Dorfbewohner auch 1945. Überlebende berichteten, dass ohne Lebensmittel der Bevölkerung viel mehr Menschen verhungert wären. Große Hilfe kam durch Pfarrer Johann Bergmann aus Aicha, der von der Kanzel aus zu Spenden aufrief - und am Bahnhof trotz Drohungen der Nazis prüfte, dass das Essen verteilt wurde, Rüben, Brot, Suppe. Eine Anwohnerin, Maria Simperl, verteilte Brotstücke und berichtete, wie sich die Menschen vor Hunger gegenseitig schlugen.

Hunger und Grausamkeit bestimmten die fünf Tage in Nammering. Und die Toten, mehr noch ihr Verbleib. Wie viele der 794 gestorbenen Häftlinge verhungerten, erschlagen, erschossen wurden, lässt sich nicht genau sagen. Merbach ordnete ein Massengrab in einer nahen Schlucht an. Über eine 20 Meter hohe Böschung wurden die Leichen auf die "Totenwiese" geworfen. Eine schnöde Wiese ist das heute.

Geschichte Der Zeitzeuge der Zeitzeugen
Geschichte

Der Zeitzeuge der Zeitzeugen

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Am 23. und 24. April 1945 ging die Fahrt nach Dachau weiter. Nammering wurde befreit. Anfangs hätten sich die Amerikaner gut verhalten, erinnert sich ein Augenzeuge, Alois Schmidt; dies habe sich "schlagartig geändert", als sie vom Massengrab erfuhren. Die Männer im Ort wurden aufgefordert, die Toten auszugraben. "Damit wir die Leichen nicht beschädigen, haben uns die amerikanischen Soldaten Schaufeln und Spaten weggenommen."

"Mit bloßen Händen mussten wir im Schlamm herumwühlen, bis wir wieder auf einen Körper, auf eine Leiche stießen." Das Volk wurde gezwungen, an den Totenreihen vorbeizugehen, die Gräuel zu sehen. Später kamen Bauern mit Ochsen, brachten die Leichen in Gräber in der Region. Schmidt schrieb: "Auf allen Wegen, auf denen Leichentransporte erfolgten, waren Spuren von Leichenwasser zu sehen und zu riechen. Es ist so schwer darüber zu reden."

Längst wird geredet. Zu runden Jahrestagen kamen mehrmals Überlebende. Der polnischstämmige Jerzy Fajer sagte im Jahr 2005 in Nammering: Ein Genickschuss sei "häufig ein Segen" gewesen; "weil das Schlimmste war das langsame Sterben der Verwundeten in dunklen, geschlossenen Waggons, in stinkender Luft, das war noch schlimmer als ein Genickschuss."

Von Fajer wussten Saller und Hübl lange Zeit nichts. Ihnen war nur aufgefallen, dass jedes Jahr eine Rose am Gedenkstein hing, anonym abgelegt. Hübl ist dann mal beim Spazieren auf Fajer getroffen. Es war auch eine weitere Quelle für das, was sie erschaffen haben, neben dem Wandel in den Köpfen und den Gedenkorten - eine Rekonstruktion, mit Fotos, Dokumenten, Zeugenberichten. Erst gedruckt, dann wurde Sallers private Homepage systematisch zum Archiv.

Einige Eisenbahnschwellen sind erhalten.

(Foto: Johann Osel)

Was treibt einen an, die Vergangenheit nicht ruhen zu lassen? In einem Interview für die Ausstellung "Endstation Dachau - Der Todeszug aus Buchenwald" wurde Hübl gefragt, was ihn beim Nachforschen erschüttert habe. "Auf den ersten Blick diese Unmenschlichkeit", sagt er, "zudem dieses Schweigen, dieses Nicht-Reden-Können in der Bevölkerung, diese Starre." Nikolaus Saller zitiert, gefragt nach den Beweggründen, Richard von Weizsäcker: "Wer vor der Vergangenheit die Augen verschließt, wird blind für die Gegenwart."

Es geschehe Schlimmes auf der Welt und man sehe, wozu der Mensch fähig ist - das sei "bei uns aber noch nicht lang her". Er wolle die Erinnerungen wachhalten "und die Augen öffnen für die Probleme unserer Gegenwart". Wohl deshalb ist der Lehrer vielseitig engagiert, gibt etwa Deutschunterricht für Flüchtlinge. Der KZ-Transport, er wirkt dennoch wie eine Lebensaufgabe. "Ich habe die Hoffnung, dass es gut weiterläuft, wenn ich mal nicht mehr bin."

SS-Mann Merbach wurde im Buchenwaldprozess zum Tod durch den Strang verurteilt. In einer eidesstattlichen Erklärung nahm er Stellung zum Todeszug. Darin über Nammering: kein einziges Wort.

Lesen Sie mit SZ Plus ein Interview mit einer Überlebenden des KZ Theresienstadt:
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