Naturschutz:Hummel-Ragwurz, Gelbbauchunken und Schwarzkäfer

Anders die ungefähr 5000 Hektar Auwald, die sich als ein bis zu drei Kilometer dickes Band östlich und westlich von Neuburg an der Donau entlangziehen. Zwar hat die Regulierung der Donau auch in ihnen tiefe Spuren hinterlassen. Dennoch kommt die Natur längst wieder zu ihrem Recht. Der eine oder andere Teil bleibt inzwischen sogar wieder sich selbst überlassen, Forstwirtschaft ist dort tabu. Wer sich auf einem Pfad in so ein Gebiet hineintraut, muss immer wieder über umgestürzte Bäume klettern. Die meisten sind von Bibern gefällt worden. Nun vermodern sie am Boden und sind Lebensraum für Abermillionen Insekten, Käfer und anderes Getier. Aus Senken und Gruben, die der Kiesabbau hinterlassen hat, sind verwunschene Teiche und Seen entstanden, mit breiten Schilfgürteln an den Ufern.

Ähnlich ist das mit zahlreichen vormaligen Entwässerungsgräben. Sie sind nun eingewachsene Wasserläufe, die im Frühjahr über die Ufer treten und später im Sommer austrocknen. Und immer wieder stößt man auf Brennen. Das sind Kiesbänke, welche die Donau einst aufgeschüttet hat. Im Lauf der Zeit hat sich auf ihnen eine dünne Humusschicht mit Magerrasen gebildet. Die Brennen heizen sich im Sommer stark auf. Auf ihnen gedeiht eine Vielfalt an Enzianen und Orchideen, wie man sie sonst nur im Gebirge findet. "Das purpurne Brand-Knabenkraut etwa und das extrem seltene Wanzen-Knabenkraut", zählt Siegfried Geißler auf. "Aber auch der Hummel-Ragwurz kommt hier vor."

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Überhaupt der Reichtum der Fauna und Flora. Geißler spricht von allein 250 Vogelarten, die hier heimisch sind oder überwintern, unter ihnen alle möglichen Enten und Schwäne, aber auch der dunkelblau gefiederte, blitzschnelle Eisvogel. Dazu Seeadler, Schwarzmilan, Uhu, Mittelspecht und andere streng geschützte Arten. Eine Besonderheit sind auch die Springfrösche und Gelbbauchunken. "Beide sind Leitarten für unsere Region", sagt Geißler, "von beiden dürften wir hier die weitaus größten Populationen in Bayern haben." Und dann sind da noch der Schwarzkäfer, wissenschaftlich Neatus picipes, und das Bayerische Federgras. Der eine kommt bayernweit nur in den Neuburger Auwäldern vor, das andere ist sogar weltweit nur dort anzutreffen. Botanisch nicht so bewanderte Naturliebhaber erfreuen sich im Frühjahr an dem Meer weiß blühender Märzenbecher auf den Waldböden.

Im Landkreis Neuburg-Schrobenhausen hat man den hohen Wert der Neuburger Auwälder früh erkannt. Der inzwischen gestorbene Alt-Landrat Richard Keßler, der für einen CSU-Politiker ein einzigartiges Faible für die Natur hatte, und der Naturschutz-Mann Geißler tüftelten schon vor 20 Jahren an ersten Konzepten nicht nur für den Erhalt, sondern die Renaturierung der Neuburger Auwälder.

Vor zwölf Jahren ließen sie im Osten von Neuburg einen neuen, satte acht Kilometer langen Donauseitenarm durch den Auwald graben. Der Bach ist nicht nur ein Segen für Äschen, Nasen, Huchen, Forellen und andere Fische, die in dem neuen Seitenarm wieder den Fluss aufwärts und abwärts wandern können. Sondern auch für die Renaturierung des Auwalds. "Nun können wir ihn nämlich großflächig überschwemmen", sagt Geißler "und damit gleichsam die vormalige Dynamik der Donau wieder in Gang setzen."

Hundert Hektar Fläche haben sie seit 2011 mit ihren "ökologischen Überflutungen", wie Geißler die Renaturierung der Aue nennt, in eine schwer zugängliche Sumpflandschaft verwandelt. Schon aus der Ferne erkennt man, dass bereits alle Bäume dort abgestorben sind. Überall ragen ihre Stämme, die kein Laub mehr austreiben, knochig schwarz in den grauen Aprilhimmel. Am Boden wuchert dicht an dicht vom Winter ausgebleichtes Schilf. "Das ist Wildnis", sagt Geißler. "Zwar von Menschenhand gemachte Wildnis, aber so nah an den natürlichen Abläufen in den Auwäldern, wie man das in unserer modernen Zeit nur machen kann."

© SZ vom 22.04.2017/eca
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