Süddeutsche Zeitung

Naturschutz:Schwammerl-Sensationen

Im Bayerischen Wald dokumentieren Forscher seit Jahren die Vielfalt der Pilze. Manchmal stoßen sie auf einen Exoten wie den Nördlichen Stachelseitling

Von Sebastian Beck

ZwieselEs ist ein paar Tage her, da saß Lothar Krieglsteiner zusammen mit einer Kollegin auf einer Wiese im Bayerischen Wald und betrachtete die Sensation an einem Ahornstamm: Ein echter Climacodon septentrionalis! Nun beschäftigt er sich schon seit seinem fünften Lebensjahr mit Pilzen, aber ein solches Exemplar hatte der Forscher zuvor erst ein einziges Mal in einem tschechischen Urwald gesehen. "Nördlicher Stachelseitling" heißt der Pilz auf Deutsch. Nur absolute Banausen würden die Frage stellen, ob man ihn essen kann (Nein!).

Für Krieglsteiner ist der Nördliche Stachelseitling ein weiterer Beleg für die enorme Artenvielfalt an Pilzen in der Grenzregion zu Tschechien. Der freiberufliche Mykologe kommt schon seit einigen Jahren immer wieder in den Nationalpark Bayerischer Wald, um auch im Rahmen des internationalen Forschungsprojekts Funga die Artenvielfalt zu erkunden. Im Sommer sind bis zu drei Teams gleichzeitig im Gelände unterwegs, um nach Schwammerl zu suchen. Zudem dürfen sich die Bürger aus der Region am Funga-Projekt beteiligen. Krieglsteiners Kollege Peter Karasch sitzt an diesem Regenwochenende allerdings im Labor, um zweifelhafte Exemplare unterm Mikroskop oder notfalls auch mittels DNA-Analyse zu bestimmen.

Das riesige Forschungsgebiet reicht vom österreichischen Mühlviertel bis hinauf an den Südrand des Fichtelgebirges. Bisher habe man einschließlich der Daten aus Österreich etwa 3500 Pilzarten zusammengetragen. Wenn im Winter die Kollegen aus Tschechien ihre Ergebnisse liefern, dann werden es wohl mehr als 4000 sein. Als vor einigen Wochen die Teilnehmer einer Fachtagung zur Exkursion ausschwärmten, entdeckten sie sogleich zwei weitere rare Exemplare: Antrodiella niemelaei und den Knorperlporling, der nur an alten Tannenstämmen wächst. Trotzdem sagt Karasch: "Insgesamt wissen wir relativ wenig über die Pilzarten." Wozu aber der ganze Aufwand?

Zahl und Vielfalt der Pilze sagen auch viel über den Zustand des Waldes aus. Beispielsweise können sie bei der Beantwortung der Frage helfen, wie viele Festmeter Holz pro Hektar eigentlich für ein stabiles Ökosystem erforderlich sind. Im Nationalpark mit seinen Windwürfen sind es bis zu 400 Festmeter pro Hektar, in sterilen Wirtschaftsforsten nur ein Bruchteil davon. Das ständige Bewirtschaften mit Maschinen und die wiederholte Abholzung sind auch für die Pilze ein Problem. Karasch schätzt, dass sie 20 bis 30 Jahre brauchen, um sich von einer Abholzaktion zu erholen. Maronen und Steinpilze kommen schnell wieder, andere Arten sind nicht so konkurrenzstark: "Manche kommen aus dem Urwaldgebiet nicht raus. Wenn der Wald weg ist, dann sind auch sie verschwunden." Insofern ist der neuerliche Fund eines Nördlichen Stachelseitlings ein gutes Zeichen für den Zustand des Bayerischen Nationalparks, denn es ist laut Karasch bereits der dritte allein in diesem Jahr.

Pilzforscher scheinen aus der Sicht des Laien einen ziemlich coolen Job zu haben. Auch Karasch bestätigt, dass es kaum einen interessanteren Arbeitsplatz gibt als den in der Freilandforschung. Bis in den Nachmittag sind er und seine Kollegen in der Natur unterwegs, danach müssen sie ihre Funde dokumentieren. Irgendwann im Oktober kommen Frost und Schnee, dann ist Schluss. Wenn ihnen ein besonders spektakulärer Fund gelingt, dürfen sie auch stolz sein: Krieglsteiner beispielsweise hat bei seiner letzten Suche eine Art erstmals für den Bayerischen- und Böhmerwald nachgewiesen. Sie heißt Pseudobaeospora celluloderma, ein winziger Lamellenpilz. Krieglsteiner schätzt, dass er mehrere hundert Arten ohne Mikroskop bestimmen könnte, ein Wissen, das er auch in Seminaren an seiner Pilzschule nahe Schwäbisch Gmünd weitergibt.

Es bleibt die alte Frage, wo das beste Revier im Nationalpark Bayerischer Wald ist. Immerhin gibt es in Deutschland 150 verschiedene Speisepilze. Da wird allerdings auch Karasch schweigsam. Denn erstens gilt in einigen Regionen Betretungsverbot, und zweitens darf er solche Geheimnisse ohnehin nicht verraten. Deshalb sagt er ganz allgemein: "Der Bayerische Wald ist ein Schwammerlparadies, da muss man nur in einem schönen Mischwald aussteigen." Wo aber die Brennnesseln und Springkraut wuchern oder Stürme in den Jahren davor Bäume umgerissen haben, da braucht man gar nicht erst zu suchen.

Es soll auch hin und wieder Leute geben, die im Wald nach besonderen Pilzen Ausschau halten, und zwar nach solchen, die das verbotene Rauschmittel Psilocybin enthalten. Ihnen macht Karasch wenig Hoffnung: "Es ist völlig illusorisch, da aufs Geratewohl loszulegen." In 20 Jahren hat Karasch allenfalls vier oder fünf Mal solche Magic Mushrooms gesichtet.

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SZ vom 02.09.2017
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