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Naturschutz:Kritiker werfen dem Alpenverein Doppelmoral vor

Ist es moralisch korrekt, wenn ein DAV-Mitglied Pisten nutzt, die künstlich beschneit werden? Es ist ein Spagat für den Alpenverein.

(Foto: Daniel Hug)
  • Der Deutsche Alpenverein (DAV) ist sowohl ein anerkannter Naturschutzverband als auch die Organisation der Skifahrer und Wanderer.
  • Kritik gibt es, weil der Verein zwar Hunderte Bergtouren veranstaltet und Berghütten bewirtschaftet, sich aber gegen große Bauvorhaben wie die Skischaukel am Riedberger Horn oder der Beschneiungsanlage am Sudelfeld stellt.

Wenn man mit dem Balderschwanger Bürgermeister Konrad Kienle über den Proteststurm gegen die Skischaukel-Pläne am Riedberger Horn spricht, dann macht der Kommunalpolitiker klare Unterschiede. Die Wut der Vogel- und Naturschutzverbände habe er erwartet, die halte er aus, sagte Kienle erst unlängst wieder einer Reporterin.

Anders ist das beim Deutschen Alpenverein (DAV), der ebenfalls entschieden gegen die Pläne opponiert. Dem wirft Kienle vor, dass er "auf unsere Kosten sein grünes Deckmäntelchen poliert". Denn der DAV ist für Kienle kein Naturschutzverband. Sondern eine mächtige Lobbyorganisation von 1,2 Millionen Bergsteigern und Wanderern, die sommers wie winters nur eins im Sinn haben: rauf auf die Berge in Bayern und anderswo.

Natürlich kennen sie Kienles Vorwurf beim DAV. Denn es ist ja nicht so, dass der Balderschwanger Rathauschef der erste wäre, der ihn vorbringt. Wann immer der DAV sich kritisch zu einem Tourismus-Projekt äußert, kommt diese Anschuldigung. So auch im Mai 2014, als DAV, Bund Naturschutz und Vogelschutzbund LBV gegen den Bau eines gigantischen Speicherbeckens und einer Beschneiungsanlage auf dem Sudelfeld klagten. Ausgerechnet der DAV, tönte es im Oberland, der DAV, dessen viele tausend Mitglieder doch ein jedes Wochenende und jede Ferien in "unsere Berge" strömen.

Beim DAV nehmen sie den Vorwurf gelassen. Denn natürlich ist der Alpenverein ein Naturschutzverband - sogar ein offiziell anerkannter. Damit zählt der DAV zu den Organisationen, die nach ihrem Urteil gefragt werden müssen, wenn irgendwo in den Bergen eine Bergbahn, ein Speicherbecken, eine Beschneiungsanlage oder eine andere touristische Einrichtung gebaut werden sollen. Er kommt gar nicht darum herum, Position zu beziehen. Aber das ist nur die eine, die formale Seite.

Die andere ist, dass der DAV seit jeher im Spagat zwischen Bergsport und Naturschutz steht. Das zeigen schon die 165 000 ein- und mehrtägigen Bergtouren und Ausflüge, welche die 355 DAV-Sektionen im Jahr anbieten. Auf manchen der 323 DAV-Hütten herrschen Standards wie in einem Berghotel. Außerdem unterhält der DAV 207 Kletterhallen, er leistet sich eine eigene Sicherheitsforschung und anderes mehr.

Kein Bergsport ohne intakte Natur

Puristischen Bergsteigern ist das alles zu viel, sie nennen den DAV spöttisch "ADAC der Bergwelt". DAV-Geschäftsführer Olaf Tabor sagt dazu: "Der Bergsport ist unser Kerngeschäft. Der DAV ist immer schon ein Bergsport- und ein Naturschutzverband - in genau dieser Reihenfolge." Der Grund: Wer die Natur nütze - im Fall des DAV also die Bergwelt, - der müsse dafür sorgen, dass sie möglichst intakt bleibt.

Bei den Mitgliedern kommt diese Reihenfolge gut an. Davon zeugen nicht nur die 800 000 Übernachtungen und zwei Millionen Tagesgäste auf den DAV-Hütten im Jahr. Sondern eben auch die vielen hundert Ehrenamtlichen, die sich um den Naturschutz kümmern. Und natürlich die große Resonanz auf Naturschutzaktionen wie das Bergwaldprojekt, in dessen Rahmen DAV-Leute seit Jahrzehnten ehrenamtlich kaputte Bergwälder aufforsten. Viele wünschen sich sogar, dass der DAV das Engagement für den Naturschutz verstärkt. Bei der letzten Mitgliederbefragung 2013 rangierte der Wunsch sogar an erster Stelle. Erst danach folgten der Ausbau von Hütten und Wegen und mehr Aktivitäten im Breitensport.

Die Diskussion wird hitzig bleiben

Aber natürlich gibt es auch DAV-Leute, die mit einem strikten Naturschutz nicht so viel am Hut haben. Von den Wirtsleuten der DAV-Hütte auf dem Brauneck etwa dürfe man kaum kritische Worte zu der immer flächendeckenderen Beschneiung des Münchner Hausbergs erwarten, heißt in der DAV-Geschäftsstelle - schon allein, weil die Stromversorgung der Hütte an der gleich Stromleitung hängt wie die Schneekanonen. Und natürlich gehen auch viele DAV-Mitglieder auf beschneiten Pisten zum Skifahren.

Für manch einen im DAV ist der Spagat zwischen Bergsport und Naturschutz sogar eine Stärke, "weil er die Diskussion am Laufen hält." Eins freilich ist sicher: Der Balderschwanger Bürgermeister Konrad Kienle wird damit leben müssen, dass der DAV die Skischaukel am Riederberg Horn kategorisch ablehnt, auch wenn Kienle das noch so aufregt.

© SZ vom 31.01.2017/vewo

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