Naturschutz im Allgäu CSU-Landrat will Wasserkraftwerk ins Naturjuwel bauen

Für das Kraftwerk Älpele soll das Wasser in einer 1,3 Kilometer langen Leitung um die Klamm herumgeführt werden.

(Foto: Alfred Karle-Fendt/BN-Ortsgruppe Sonthofen)
  • Das Hintersteiner Tal im Oberallgäu ist eine der ursprünglichsten Gebirgslandschaften Bayerns.
  • Dem Landrat, der Gemeinde Bad Hindelang, dem örtlichen Elektrizitätswerk und zwei Alpgenossenschaften ist das egal.
  • Sie wollen mittendrin ein Wasserkraftwerk hineinbetonieren.
Von Christian Sebald

Wenn es um die Wasserkraft geht, dann müssen für den Oberallgäuer Landrat Anton Klotz Recht und Gesetz hintanstehen. Der CSU-Politiker hat schon vor Monaten offen bekannt: "Wenn ich nach der Gesetzeslage gehe, dürfte ich das Wasserkraftwerk Älpele eigentlich nicht genehmigen." Nach der Gesetzeslage will Klotz aber nicht gehen. Für ihn steht das "öffentliche Interesse an den erneuerbaren Energien" höher. "Wir haben uns hier im Oberallgäu bestimmte Ziele für die erneuerbaren Energien gesetzt", sagt Klotz. "Um sie zu erreichen, brauchen wir das Kraftwerk Älpele." Deshalb hat er jetzt abermals einen Genehmigungsbescheid für das Projekt ausgestellt. Dass die Experten in allen Behörden und Fachstellen - bis hinauf ins Umweltministerium in München - das Vorhaben ablehnen, ficht den CSU-Landrat Klotz nicht an.

Der Streit um das Kraftwerk Älpele hat das Zeug zu einem neuen Grundsatzstreit um den Naturschutz in Bayern. Nicht nur für die Umweltverbände, sondern auch für unabhängige Experten hat der Konflikt eine ähnlich fundamentale Dimension wie die erbitterte Auseinandersetzung um die Skischaukel, die am nur knapp 20 Kilometer entfernten Riedberger Horn gebaut werden soll. Im Zentrum beider Streits steht die Frage, ob der Freistaat seine eigenen Naturschutzgesetze, aber auch die des Bundes und der EU ernst nimmt. Oder ob er alle diese Vorgaben aufgeben und selbstherrliche Kommunalpolitiker frei schalten und walten lassen will, auch wenn diese mit ihrem Tun wertvollste Naturschutzgebiete beschädigen oder gar zerstören.

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Das Naturjuwel, um das es beim Kraftwerk Älpele geht, ist das Hintersteiner Tal im Südosten von Bad Hindelang. Es wird von der Ostrach durchflossen und ist eine der ursprünglichsten Gebirgslandschaften Bayerns. Besonders spektakulär ist die Eisenbreche, eine bis zu 85 Meter tiefe Klamm, in der sich die Ostrach gurgelnd und tosend durch einen Felsriegel bricht. Aber nicht nur deshalb ist die Eisenbreche berühmt. Sie ist einer der letzten Lebensräume für zahlreiche extrem seltene Arten - für die Wasseramsel genauso wie für den Alpensalamander oder die Haselmaus. Gleich fünffach geschützt ist die Eisenbreche: als Landschaftsschutzgebiet, als nationales und als europäisches Schutzgebiet, als europäisches Vogelschutzgebiet und als Naturdenkmal.

Dem Landrat, der Gemeinde Bad Hindelang, dem örtlichen Elektrizitätswerk und zwei Alpgenossenschaften ist das egal. Sie wollen mitten in das Hintersteiner Tal ein Wasserkraftwerk hineinbetonieren. Dazu soll oberhalb der Eisenbreche ein Wehr errichtet werden, das die Ostrach bis zu fünf Meter auf- und hundert Meter weit zurückstaut. Das meiste Flusswasser soll in einer gut 1,3 Kilometer langen Rohrleitung um die Klamm herum und hundert Höhenmeter hinab zu einem Turbinenhaus stürzen. Erst danach soll es ins natürliche Bett der Ostrach geleitet werden. Neun Millionen Kilowattstunden Strom soll das Kraftwerk im Jahr produzieren, damit könnte der Strombedarf aller 2700 Haushalte in Bad Hindelang gedeckt werden, sagen sie in der Gemeinde. Experten entgegnen, dass Kleinanlagen wie das Kraftwerk Älpele mit seinen 4,3 Megawatt Leistung für die Energiewende verzichtbar sind, für den Gewässerschutz aber meist hohe Rückschläge bedeuten.

Wie auch immer: Die Naturschützer, allen voran der Vogelschutzbund LBV und der Bund Naturschutz, wollen auf keinen Fall das Naturjuwel Eisenbreche preisgeben. Dabei haben sie das deutsche und das europäische Naturschutzrecht, die Verordnungen für das Naturschutzgebiet und das Naturdenkmal an ihrer Seite. Auch das Verwaltungsgericht Augsburg, vor dem die Verbände gegen das Projekt klagen, hat seine Skepsis schon vor Beginn des eigentlichen Verfahrens geäußert. Es bemängelte, dass Landrat Klotz bei seiner ersten Genehmigung auf eine sogenannte Umweltverträglichkeitsprüfung verzichtet hat. Diese Scharte wollte Klotz nun nachträglich ausmerzen und hat dann gleich noch einen neuen Genehmigungsbescheid ausgestellt. Für den LBV-Chef Norbert Schäffer ist das Ganze "ein einziger Skandal".

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