Naturschutz Kritik: "Rote Gebiete Nitrat"-Karte ist viel zu lax

Der Ärger begann, als die Kommunen, die Wasserversorger und der Bauernverband von der Karte erfuhren. Den Kommunen und den Wasserversorgern ist sie viel zu lax. Vor allem in Oberfranken und der Oberpfalz gibt es Insidern zufolge eine ganze Reihe Grundwasser-Messstellen, an denen der 50-Milligramm-Grenzwert gerissen wird. In der aktuellen Karte liegen sie alle inmitten der grünen Zone, in der die Bauern mit Erleichterungen rechnen können. "So geht das nicht", sagt ein Insider. "Wenn das Bestand hat, wird der Grundwasserschutz ad absurdum geführt."

Außerdem fordern die Wasserversorger, die Zusatzvorgaben in den roten Gebieten zu verschärfen. Bisher ist vorgesehen, dass die Bauern dort einmal im Jahr ermitteln müssen, wie viele Nährstoffe ihre Ackerböden enthalten. Außerdem müssen sie die Gülle ihrer Tiere auf deren tatsächlichen Nitratgehalt analysieren. Und sie müssen beim Düngen einen etwas breiteren Abstand zwischen ihrem Nutzland und den angrenzenden Bächen und Gewässern einhalten als ihre Kollegen in den grünen Regionen. "Das sind die mildesten Zusatzvorgaben überhaupt, die denkbar sind", sagt ein Experte, der nicht genannt werden will. "Viele Kollegen haben massive Zweifel, dass sie einen Effekt haben."

Der Bauernverband wiederum wirft dem Freistaat vor, den Zustand des Grundwassers schlechter zu reden, als er sei. Denn der Freistaat lege bei seinen Bewertungen sehr viel strengere Maßstäbe an als andere Bundesländer. Auch an den Wasserversorgern übt er harsche Kritik. Die Unternehmen beklagten zwar permanent, dass das Grundwasser vielerorts belastet sei. Zugleich aber weigerten sie sich, ihre Messwerte offenzulegen und die betroffenen Messstellen zu benennen, sagte der Umweltreferent des Bauernverbands, Martin Erhardsberger, kürzlich. Zugleich betonte er, dass die Landwirte "den Schutz des Grund- und Trinkwassers sehr ernst nehmen" und sich im Rahmen vieler freiwilliger Kooperationen um weitere Verbesserungen bemühten.

Die Experten im Agrar- und im Umweltministerium fühlen sich derweil wie in einer Zwickmühle. Sie sollen bis Anfang September eine Kabinettsvorlage über den neuen Grundwasserschutz im Freistaat präsentieren. Derzeit überarbeiten sie die Karte mit den "Roten Gebieten Nitrat". Geplant ist eine zusätzliche, weiße Gebietskategorie. In ihr soll die Düngeverordnung des Bundes gelten - ohne Verschärfungen und ohne Erleichterungen. Wie groß die weißen Gebiete ausfallen werden, ist unklar. Fest steht nur, dass sie weite Teile der bislang grünen Zone umfassen dürften.

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