Naturschutz Forstwirte befürchten Borkenkäfer-Katastrophe in Bayern

Wenn Borkenkäfer Fichten befallen haben, verfärben sich deren Nadeln rot.

(Foto: Ralf Petercord/LWF)
  • Den Nadelwäldern im Freistaat droht eine Borkenkäfer-Plage.
  • Die derzeitige Massenvermehrung der Tiere liegt laut Experten unter anderem an lauen Herbst- und Wintertemperaturen im vergangenen Jahr.
Von Christian Sebald

Michael Lechner ist Waldbauer durch und durch, wann immer es geht, ist der kräftige Miesbacher draußen in seinen Forsten im Oberland unterwegs. Diesen Sommer bereiten die Streifzüge Lechner aber wenig Freude. Im Gegenteil. Er macht sich Sorgen um seinen Wald. "So hart wie heuer war es lange nicht mehr", sagt der Landwirt, der auch Vorsitzender der Waldbesitzervereinigung Holzkirchen ist. "Wenn wir nicht höllisch aufpassen, bekommen wir eine gigantische Borkenkäfer-Katastrophe." Zweimal schon hat Lechner dieses Jahr Fichten aus seinen Wäldern herausgeholt, die der Schädling befallen hat. "Aber das war erst der Anfang", sagt er. "Die Borkenkäfer sind ja schon Anfang April geschwärmt."

So wie Lechner sind die Forstleute überall im Freistaat in Alarmstimmung. "Egal, ob in Niederbayern oder Schwaben, rund um München oder in Mittelfranken, überall wo Fichtenwälder stehen, ist der Borkenkäfer unterwegs", sagt Ralf Petercord. "Wir erleben derzeit eine einzigartige Massenvermehrung." Petercord ist Chef der Abteilung Waldschutz der Landesanstalt für Wald und Forstwirtschaft (LWF) und damit gleichsam Bayerns oberster Borkenkäfer-Experte. Bei ihm laufen alle Informationen über den Schädling zusammen. "Zwei Drittel des Freistaats sind in akuter Gefahr", sagt Petercord. "Das sind praktisch alle Nadelwaldgebiete - mit Ausnahme vielleicht der Hochlagen in den Alpen."

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Die Gefahr kommt nicht von ungefähr. Schon 2016 waren der lange und schöne Spätherbst und der überwiegend milde Winter günstig für den Buchdrucker und den Kupferstecher, wie die beiden Käferarten heißen, die so gefährlich für die Fichten sind. "Dadurch haben wir wie so oft in den letzten Jahren wieder drei Borkenkäfer-Generationen gehabt", sagt Petercord. "Außerdem sind die Schädlinge sehr gut durch den Winter gekommen." Als es dann Ende März, Anfang April erstmals richtig warm wurde, sind die Borkenkäfer zu Zigtausenden ausgeschwärmt und haben sich über die Fichten hergemacht - zwei Wochen früher als normal.

Dieses Jahr ist es der Buchdrucker, der sich besonders gefährlich ausbreitet. Die ausgewachsenen Käfer sind vier bis fünf Millimeter winzig und braun. Die Fichten werden zuerst von einigen wenigen Männchen befallen. Sie bohren sich durch die Rinde in die Stämme und locken dann mit ihren Duftstoffen Weibchen und andere Männchen an. Nach der Paarung legen die Weibchen in sogenannten Muttergängen im Holz bis zu 150 Eier ab. Bis zum Ausfliegen der nächsten Generation Jungkäfer dauert es gerade mal sechs Wochen. Außerdem können Buchdruckerweibchen nach kurzer Regeneration erneut Eier ablegen, die Folge sind sogenannte Geschwisterbruten. Mit ihnen kann ein Buchdrucker-Weibchen aufs Jahr gesehen locker auf mehr als 100 000 Nachkommen kommen.

Ein anderer zentraler Punkt für die gefährliche Massenvermehrung ist die Umgebungstemperatur. "Ab 17 Grad schwärmen die Tiere aus", sagt der LWF-Mann Petercord, "ab 22 oder 23 Grad - also so wie jetzt - fühlen sie sich richtig wohl." Der Klimawandel begünstigt also die Borkenkäfer. "Der Mai war zwei Grad wärmer als im langjährigen Mittel, beim Juni waren es sogar drei Grad", sagt Petercord. "Darum haben sich die Schädlinge so unglaublich schnell entwickeln können." Die Fichten wiederum sind seit Monaten im Wärmestress. Geschwächte Fichten fallen den Borkenkäfern aber besonders leicht zum Opfer. Die Forstleute können dagegen nur eines tun. "Kontrollieren, kontrollieren, kontrollieren", sagt Petercord. Und jede befallene Fichte, die sie feststellen - etwa an dem feinen Bohrmehl, das sich durch das Einbohren der Käfer in den Stamm auf Rindenschuppen, am Stammfuß und um ihn herum ansammelt -, muss "sofort raus aus dem Wald".

Auch im Bayerischen Wald sind die Förster und Waldarbeiter tagein, tagaus im Kampf gegen den Borkenkäfer unterwegs. "Zwei Mal haben wir schon alle unsere 18 500 Hektar Wald auf Borkenkäfer abgesucht", sagt Gisela Lermer, die Chefin des Staatsforstbetriebs Neureichenau. "Jeder Mitarbeiter hat eine 300-Hektar-Parzelle gekriegt." Natürlich hat Lermer jedes Borkenkäfer-Nest, das ihre Leute entdeckt haben, sofort entfernen lassen. Allein vergangene Woche haben sie 4000 Festmeter Käferholz aus den Wäldern des Betriebs geholt. "Das ist noch nicht wirklich viel", sagt sie, "bisher haben wir die Gefahr im Griff." Nächste Woche will Lermer die betriebsweite Borkenkäfer-Suche wiederholen "Wenns dann schlimmer geworden ist", sagt sie, "läuft's für meine Leute wohl auf eine Urlaubsperre raus."

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