Nationalpark-Suche Die schöne Unbekannte

Wenn in Bayern von Buchenwäldern die Rede ist, geht es meist um den Spessart und den Steigerwald. Doch wegen der massiven Proteste gegen einen Nationalpark, rückt die Rhön immer mehr als Kandidatin in den Fokus. Die Vielfalt ihrer Wälder ist bemerkenswert, seltene Tiere und Pflanzen gibt es zuhauf

Von Christian Sebald

Die Zwiebel-Zahnwurz oder Cardamine bulbifera ist ein unscheinbares, eher seltenes Gewächs, das man in Bayern hauptsächlich in den Buchenwäldern der Hohen Rhön antrifft. Aber das ist es nicht alleine. Die Zwiebel-Zahnwurz ist eine natürliche Klonpflanze. Ihre blassvioletten oder rosafarbenen Blüten auf den bis zu 60 Zentimeter hohen Stängeln sind meistens unfruchtbar. Sie bilden keine Pollen und Samenanlagen aus. Die Zwiebel-Zahnwurz vermehrt sich durch kleine schwärzliche Brutknospen an ihren Stängeln. Sobald sie ausgereift sind, fallen sie zu Boden und wachsen zu neuen Pflanzen heran. In der Rhön steht die Zwiebel-Zahnwurz in diesen Tagen in voller Blüte. An den Südhängen des Kreuzbergs etwa gedeiht sie zuhauf. Die Zwiebel-Zahnwurz-Buchenwälder dort zählen zu den berühmtesten in Deutschland.

Seit Anbeginn der Debatte um einen dritten Nationalpark in Bayern ist immer auch von der Rhön die Rede. Die Zwiebel-Zahnwurz-Buchenwälder sind ein Grund dafür. Aber natürlich nicht der einzige. Es ist vielmehr die immense Vielfalt der Buchenwälder dort, welche die Rhön zum Nationalpark-Kandidaten macht. "Der Spessart und der Steigerwald punkten mit größeren Buchenwäldern an einem Stück, außerdem gibt es dort zum Teil deutlich ältere Waldstücke, als wir sie hier haben", sagt Michael Geier, diplomierter Landschaftspfleger und Chef des bayerischen Teils im Biosphärenreservat Rhön. Kaum einer kennt die Wälder in der Rhön besser als er. "Aber wir haben hier so viele verschiedene Arten Laubwälder wie sonst kaum wo in Bayern", sagt Geier mit Nachdruck. "Das ist unsere Stärke. Das zeichnet die Rhön aus."

Der dritte Nationalpark Bayerns soll ein Buchen-Nationalpark werden. Darin sind sich die Naturschützer einig. Ob das die beim Bund Naturschutz sind, beim Vogelschutzbund LBV oder bei Greenpeace. Auch in den Naturschutzbehörden denken sie so. Und zwar seit wenigstens zehn Jahren. Seit die erste Forderung nach einem Buchen-Nationalpark im fränkischen Steigerwald laut wurde. Denn, so lautet das Argument der Naturschützer, es sind die Buchenwälder, die Mitteleuropa und damit Bayern Jahrhunderte lang geprägt haben. Erst im 18. Jahrhundert entdeckten die Förster die Fichte als den Wirtschaftsbaum schlechthin - für die Schreinerei, die Bauwirtschaft und den Brennstoffhandel - und pflanzten überall Fichtenforste. Die urtümlichen Buchenwälder wurden fast alle kleingemacht.

In Bayern gibt es nur noch zwei weitläufige, in sich geschlossene Buchenwald-Regionen: den Steigerwald und den Spessart. Das Problem in beiden Regionen ist der immense Widerstand der Einheimischen und der Forstleute gegen einen Nationalpark. Im Steigerwald ist er schon lange so wütend, dass Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) die Region kategorisch ausschloss, als er vor bald einem Jahr ankündigte, dass es im Freistaat nach dem Nationalpark Bayerischer Wald und dem in Berchtesgaden einen dritten Nationalpark geben wird. Und im Spessart hat sich der Widerstand binnen weniger Monate mit einer solchen Wucht aufgebaut, dass es dort aller Voraussicht nach ebenfalls keinen Nationalpark geben dürfte.

Dafür macht nun womöglich die Rhön Nationalpark-Karriere. Auch wenn man das Mittelgebirge bisher kaum als Buchenwald-Region kennt. Als "Land der offenen Fernen", als einzigartige, uralte Kulturlandschaft, ist es dafür um so bekannter. Seit 1991 ist die Rhön ein gigantisches Biosphärenreservat, es umfasst praktisch das ganze Mittelgebirge - über Bayern hinaus weit hinein nach Hessen und Thüringen. Bestes Beispiel für die alte Rhöner Kulturlandschaft ist die Lange Rhön, ein etwa 15 Kilometer langes und im Schnitt 800 Meter hoch gelegenes Basaltplateau zwischen den Orten Bischofsheim und Kaltenwestheim. Die Buchenwälder auf ihm wurden schon im Mittelalter gerodet. Seither bestimmen weitläufige Mähwiesen und Weiden das Landschaftsbild. An klaren Tagen hat man dort oben das Gefühl, förmlich über der Umgebung zu schweben.

Auf der Langen Rhön kann man eine einzigartige Artenvielfalt erleben, allerdings die der Kulturlandschaft. Die stachlige Silberdistel gedeiht auf ihren Wiesen ebenso wie die knallgelbe Trollblume und die Arnika, deren Extrakt seit jeher als schmerzlindernd gilt. Der markanteste Vogel der Langen Rhön ist das Birkhuhn. Die blauschwarzen Birkhähne haben über den Augen rote, federlose Hautflecken, die in der Balzzeit stark anschwellen. "Wer zu uns kommt, will für gewöhnlich durchs Wiesenland wandern und die Moore sehen", sagt Geier. "Unsere Wälder sind weniger bekannt."

SZ Karte

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Dabei stehen in der Rhön ganz besondere Buchenwälder. Wenn man in ihnen die Natur machen lässt, sind sie schnell die "Urwälder von morgen", wie es einprägsam in einer älteren Broschüre der renommierten Landesanstalt für Wald- und Forstwirtschaft heißt. Mit etwas gutem Willen bringt man auch die 10 000 Hektar Wald zusammen, die nach dem bayerischen Naturschutzgesetz die Mindeststandart für einen Nationalpark sind. Der offizielle Suchraum des Umweltministeriums im Süden des 927 Meter hohen Kreuzbergs umfasst 12 000 Hektar Fläche. Auf ihnen trifft man die ganze Vielfalt der Laubwälder in der Hohen Rhön an.

Der Salzforst und der Klauswald mit ihren mageren Buntsandsteinböden zum Beispiel. Dort wächst ein karger Eichen-Buchen-Mischwald, wie man ihn auch im Spessart antreffen kann. Der Unterschied: Die Rhöner Buchenwälder sind nicht so ausladend und auch nicht so alt wie die im Spessart. Wobei es auch hier Bestände mit 140 Jahre alten Buchen und 200 Jahre alten Eichen gibt. Den Sommerberg etwa, der gerade jetzt in der Frühjahrssonne mit seinem vielen frischen hellgrünen Buchenlaub wie eine riesige, lichtdurchflutete Kathedrale wirkt - auch wenn auf dem Boden nur Waldseggen und ab und an ein paar Heidelbeeren gedeihen. "Aber man muss die Bäume hier nur in aller Ruhe weiterwachsen lassen", sagt Geier, "sie haben das Zeug für einen Laubwald-Nationalpark."

Am Kleinen und am Großen Gukas wachsen auch hauptsächlich Buchen. Dennoch sieht der Wald hier ganz anders aus als der Salzforst und der Klauswald. Statt Eichen mischen sich auf einmal Ahorn-Bäume, Eschen, Ulmen, Winterlinden und andere anspruchsvolle Edelhölzer zwischen die Buchen. Am Boden wuchert üppig sattgrün der Bärlauch mit seinen weißen Blüten und verströmt Knoblauchgeruch. Dazwischen steht immer wieder ebenfalls weiß blühender Waldmeister und natürlich die Zwiebel-Zahnwurz. Und überall an den Hängen plätschern Quellen die oft meterhohen Gesteinsabstürze hinab. "Wir stehen hier auf Muschelkalk", sagt Geier, "das ist ein nährstoffreicher Boden, wie ihn die Edelhölzer brauchen." So einen üppigen Buchenmischwald findet man weder im Spessart noch im Steigerwald.

Etwas weiter und vor allem in höheren Lagen ist der Wald plötzlich wieder ganz anders. Da liegen auf dem Boden überall wuchtige Basalt-Brocken herum. Auf den meisten wächst das Moos so dick, dass man kaum erkennt, dass sie eigentlich schwarz-grau sind. "Das sind unsere Verblockungen", sagt der Landschaftspfleger Geier. "Der Basalt stammen aus dem Jungterziär vor 20 Millionen Jahren, als die Rhön eine Vulkanlandschaft war." Die Verblockungen oder Blockfelder sind so unwegsam, dass die Rhönbewohner sie nicht nutzen konnten, weder als Weide noch für den Holzeinschlag. Auf vielen wächst deshalb ein besonders urtümlicher Wald. Am Fransberg stürzen immer wieder mächtige Buchen um, weil sie sich auf dem steilen Blockfeld dort nicht halten können. Und auf dem Lösershag, einem Naturwaldreservat im Nationalpark-Suchgebiet, liegen die Blockfelder sogar völlig frei von jedem Bewuchs mitten im Urwald.

So vielfältig wie der Wald in der Rhön ist die Tierwelt darin. Schwarzstorch, Kleinspecht, Hohltaube und Kernbeißer, Waldkauz - allein die Liste der Vogelarten ließe sich lange fortsetzen. Natürlich lebt auch immens viel Wild in den Wäldern. Wer sich einigermaßen still bewegt, dem kann es auch mitten am Vormittag passieren, dass wenige Meter vor ihm ein junger Feldhase aus dem Unterholz auf den Forstweg hoppelt und neugierige Schritte auf ihn zumacht. Und natürlich gibt es Unmengen sehr seltene Tierarten. Die seltenste dürfte die Rhön-Quellschnecke sein. "Sie kommt praktisch nur bei uns vor", sagt Geier. "Sie ist ein echter Endemit." Und ein extrem winziger. Eine Rhön-Quellschnecke ist gerade mal so groß wie ein Streichholzkopf, und zwar samt ihrem kunstvoll geschwungenen Schneckenhaus. Außerdem lebt sie ihr ganzes Leben lang im Wasser und atmet, wie ein Fisch, durch Kiemen. Keine Frage, dass es reinstes und sauberstes Quellwasser aus einem vielfältigen Buchen-Mischwald sein muss, genau so wie man ihn in der Rhön antrifft.