SZ-Serie: Vogelwuid:Zur Sonne, zur Freiheit

Mit dem Jungfernflug des Bartgeiers Bavaria hat das Auswilderungsprojekt im Nationalpark Berchtesgaden einen ersten großen Erfolg erzielt. Nur mit der Technik bei den Landungen hapert es noch - sie erinnern eher an Abstürze.

Von Christian Sebald

So wackelig Bavarias Jungfernflug gewesen sein mag, aus Sicht von Norbert Schäffer kann man seine Bedeutung gar nicht hoch genug einschätzen. "Als Bavaria am Donnerstagfrüh um 5.19 Uhr in der Auswilderungsnische mit ein paar wuchtigen Flügelschlägen abgehoben hat, ist sie von einer Sekunde auf die andere ein Bartgeier in freier Wildbahn geworden", sagt der Biologe und Vorsitzende des Landesbunds für Vogelschutz (LBV). "Bis zu diesem Moment war sie ein Zuchtvogel in menschlicher Obhut. Nun haben wir keinen Einfluss mehr auf sie. Bavarias Jungfernflug ist ein Riesenschritt für unser Auswilderungsprojekt."

Bavaria geht es gut in der neuen Freiheit. Zwar haben in ihrer ersten Nacht draußen heftige Gewitter mit sintflutartigen Regenfällen über dem Nationalpark Berchtesgaden getobt. Aber die hat sie in stoischer Gelassenheit überstanden - und zwar auf einem kleinen Felsvorsprung auf dem Steilhang nahe der Auswilderungsnische am Knittelhorn, in der das SZ-Bartgeierweibchen Wally derweil im Trockenen saß. Am Freitagfrüh war Bavaria komplett durchnässt. Sie musste erst ihr Gefieder trocknen lassen, bevor sie zu neuen Übungsflügen abheben konnte.

Aus Sicht der LBV-Leute ist es wenig überraschend, dass Bavaria als Erste losgeflogen ist. Zwar ist Wally die deutliche neugierigere und agilere der beiden Greifvögel. "Aber sie hat etwa zehn Zentimeter wenige Spannweite und ist ungefähr ein Pfund leichter als Bavaria", sagt der Leiter des Wiederansiedlungsprojekts, Toni Wegscheider. "Zudem ist sie etwas jünger." Bartgeier heben für gewöhnlich mit etwa 120 Tagen das erste Mal vom Boden ab. Bavaria war am Donnerstag 119 Tage alt und deshalb "eh früh dran", wie Wegscheider sagt. Wally war am Donnerstag 116 Tage alt. "Ich bin um jeden Tag froh, den Wally in der Felsnische bleibt", sagt Wegscheider. "Denn bei jungen Bartgeiern zählt jeder Tag, den sie sich in der Nische Kraft anfressen können, und den sie vor allem zum Trainieren nutzen können." Trainieren heißt, dass die Greifvögel ihre Schwingen ausbreiten und kräftig mit ihnen schlagen - bis sie mehr als 200 Flügelschläge am Tag hinlegen können.

Mit Bavarias Jungfernflug hält sich erstmals seit mehreren Hundert Jahren wieder ein Bartgeier in der freien Wildbahn Bayerns auf. Gypaetus barbatus, wie die Art auf Lateinisch heißt, zählt mit 2,90 Metern Flügelspannweite zu den mächtigsten Greifvögeln der Welt und war ursprünglich im gesamten Alpenraum daheim. Doch die Bartgeier wurden erbarmungslos gejagt, Anfang des 20. Jahrhunderts waren sie ausgerottet. In den Achtzigerjahren begann man mit der Wiederansiedlung der Aasfresser - erst in den Hohen Tauern, später am Ortler und am Mont Blanc. Aktuell leben etwa 300 Bartgeier in den Alpen. Das Auswilderungsprojekt des LBV soll helfen, die Lücke zum Balkan zu schließen.

Nun geht es spannend weiter. Bavaria wird unablässig zu Übungsflügen abheben und bei jedem neuen etwas geschickter. Das gilt vor allem fürs Aufsetzen auf dem Boden. "Das sind jetzt noch mehr oder weniger heftige Bruchlandungen", sagt LBV-Chef Schäffer, der Bavaria den ganzen Donnerstag über beobachtet hat. Einmal ist sie voll in ein Gebüsch hineingesegelt, sodass es alle Äste und Zweige wild hin und her geschüttelt hat. Da ist Schäffer fast ein wenig bang geworden, dass ihr etwas passiert ist. Die Sorge muss man sich nicht machen. Junge Bartgeier halten viel aus. Auch "Purzelbäume bei den ersten Landungen", wie es Wegscheider formuliert. Außerdem gibt es am Knittelhorn weder Drahtseile in der Luft, noch Lifte und auch keine mächtigen Bäume, gegen die Bavaria knallen könnte. "Und ein Gebüsch, selbst ein sehr dichtes, ist wirklich kein Risiko sie", sagt Wegscheider. Am Donnerstag ist Bavaria denn auch bald wieder aus dem Astwerk herausgestapft und von Neuem über Stock und Stein hinaufgeklettert zum nächsten Übungsflug.

Viel spannender ist, wie lange es Wally in der Auswilderungsnische hält. Nicht nur, weil sie immer fitter wird und dieser Tage ebenfalls die 120-Tage-Grenze erreicht, ab der Bartgeier losfliegen. Sondern weil sie sehr genau beobachtet, wie es Bavaria in ihrer neuen Freiheit ergeht. "Junge Bartgeier orientieren sich stark aneinander", sagt Wegscheider, "wenn einer Futter entdeckt, stapft schnell der andere hinterher." So ist das auch bei den Jungfernflügen. "Wenn einer davon ist, hält es den anderen meist nicht mehr lange."

Und doch wird es bei Wally anders laufen aus bei Bavaria, da ist sich Wegscheider ziemlich sicher. "Wally ist methodisch, zielgerichtet", sagt er, "beim Flügel-Training hat sie systemisch jeden Tag einige Schläge mehr gemacht, bis sie irgendwann routiniert die 200er-Grenze geschafft hat." Bavaria dagegen hat an einem Tag um die 80 Schläge, am nächsten über 300 und am dritten fast gar keine gemacht. So spontan wie das Flügeltraining war Bavarias Jungfernflug. "Da hat keiner damit gerechnet, dass sie sich frühmorgens hinstellt, die Schwingen ausbreitet und dann weg ist", sagt Wegscheider. "Wally dagegen wird erst einmal erkunden, wo ein guter Absprungort ist."

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SZ-Serie: Vogelwuid
:Ab in die Lüfte - hoffentlich

Die ausgewilderten Bartgeier-Weibchen Wally und Bavaria im Klausbachtal üben nun jeden Tag fleißig für ihren ersten Flug: Mehrere hundert Mal am Tag schlagen sie mit den Flügeln, um ihre Brustmuskeln zu kräftigen.

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