Der steil auftragende Wurzelteller einer umgestürzten alten Fichte, davor etwa fünf Mal fünf Meter offener Boden und im Hintergrund Wald. Dazu eine Fotofalle, die bei der geringsten Bewegung anspringt und sofort ein Filmchen und Bildsequenzen aufnimmt: Der Plot, den sich Jörg Müller, Chef der Abteilung Forschung und Naturschutz im Nationalpark Bayerischer Wald, und seine Mitarbeiter für ihren neuesten Clip ausgedacht haben, ist denkbar simpel. Und mutet außerdem sogar ein wenig langweilig an. Denn die Fotofalle wechselt ja nie die Perspektive.
Die SZ-Redaktion hat diesen Artikel mit einem Inhalt von YouTube angereichert
Um Ihre Daten zu schützen, wurde er nicht ohne Ihre Zustimmung geladen.
Ich bin damit einverstanden, dass mir Inhalte von YouTube angezeigt werden. Damit werden personenbezogene Daten an den Betreiber des Portals zur Nutzungsanalyse übermittelt. Mehr Informationen und eine Widerrufsmöglichkeit finden Sie unter sz.de/datenschutz.
Tatsächlich ist der Clip aber höchst spannend, auf alle Fälle für Naturliebhaber. Denn gleich ob Hirsche, Rehe und Wildschweine, ein Wolf, ein Luchs, ein Baummarder und ein Mäusebussard, dazu Auerhühner, Eichelhäher oder Misteldrosseln – „an dem Wurzelteller schaut praktisch das gesamte Artenspektrum der Großtiere in unserem Nationalpark vorbei“, sagt Müller. „Meine Mitarbeiter und ich waren komplett überrascht und sehr erfreut, was sich alles an Leben im Lauf der Monate an so einem vermeintlich schnöden Wurzelteller tummelt.“
Vor allem ist es überraschend, was die Wildtiere dort so alles treiben. Die Misteldrosseln etwa nutzen den offenen Boden vor dem Wurzelteller regelmäßig für ausgiebige Sonnen- und Sandbäder. Eine Auerhenne weist dort ihre Küken ebenfalls in die Gefiederpflege ein. Man muss freilich schon sehr genau hinsehen, damit man erkennt, wie die Winzlinge im Staub herumwuseln. Ein prächtiger schwarz gefiederter Auerhahn schreitet hingegen gemessenen Schrittes hin und her, Hals und Kopf hoch aufgerichtet, damit er einen guten Überblick hat.

Die Wildschweine zählen zu den häufigsten Besuchern des Wurzeltellers. Und zwar auch nachts und auch bei richtig schlechtem Wetter. In einer Sequenz sucht ein Frischling in einer Mulde am Wurzelteller Schutz vor dem niederprasselnden Regen, aus dem Off hört man eine Sau grunzen. Dann zieht ein Jungtier unverdrossen durch das Bild und verschwindet im Wald. Auch Hirsche und Rehe kommen immer wieder vorbei. Ein Hirschkalb tobt Minuten lang immer wieder um den Wurzelballen herum, es kann schier nicht genug kriegen davon. Und es wälzt sich immer wieder im Erdreich, „zur Fellpflege“, wie Müller erklärt.
Der Höhepunkt freilich sind die Aufnahmen von der herbstlichen Hirschbrunft und den Kämpfen, die sich die Hirsche dabei liefern. Die Filmsequenzen sind Nachtaufnahmen und deshalb in Schwarz-Weiß. Das verstärkt den Eindruck, ein ganz besonderes Ereignis zu beobachten. Und es ist auch etwas Besonderes, ganz aus der Nähe zu sehen, wie sich da zwei Hirsche mit ihren Geweihen ineinander verhaken und schier nicht voneinander lassen können, während es aus dem Off knackt und rauscht und im Hintergrund die Augen der ansonsten nur schemenhaft erkennbaren Hirschkühe hell weiß in die Kamera leuchten.

Andere Höhepunkte sind die – ebenfalls nächtlichen –Aufnahmen von einem Luchs, der den Wurzelteller gleich mal als sein Revier markiert, aber auch die Fotos von einem vorbeiziehenden Wolf. Und natürlich die Bilder von dem Mäusebussard, der in der Sonne im Boden nach Eidechsen herumstochert und nach erfolgreicher Jagd wohlig die Flügel ausbreitet. „Der Clip zeigt eindrucksvoll, wie perfekt es Wildtiere verstehen, kurzfristige Änderungen in der Natur für sich zu nutzen“, sagt Müller. „Was für uns Menschen erst einmal wie ein Schadensfall oder gar eine Katastrophe aussieht, schafft einen neuen Lebensraum für sie.“
Die Fotofalle war ursprünglich im Zuge des Auerhuhn-Monitorings im Nationalpark aufgestellt worden. Die großen schwarz gefiederten Hühnervögel mit den bräunlichen Flügeln sind die Wappentiere des Schutzgebietes, extrem selten und streng geschützt, sie werden auf der Roten Liste als „vom Aussterben bedroht“ geführt. Die Population im Nationalpark ist eine der größten und stabilsten außerhalb der Alpen, sie wird streng überwacht.
Im Zuge dieses Monitorings hatte einer von Müllers Mitarbeitern im Frühjahr vor einem Jahr an dem Wurzelteller Spuren und Federn entdeckt, die darauf hindeuteten, dass dort eine Auerhenne mit ihren frisch geschlüpften Küken unterwegs ist. Um die Vermutung zu überprüfen, stellte der Mitarbeiter die Fotofalle auf – und ließ sie dort mehrere Monate stehen, als sich herausstellte, dass die umgestürzte Fichte nicht nur von Auerhühnern besucht wird.


