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Bayerischer Wald:Die Mystik der Wildnis

Lisa Eder hat einen sehr persönlichen Kinofilm über den Nationalpark Bayerischer Wald gedreht. Zwei Jahre lang hat sie mit ihrem Team gearbeitet, entstanden sind mystische Bilder - und Einblicke in eine andere Welt.

Von Katja Auer

Mit Wildheit kennt sich Lisa Eder aus. Sie hat in Usbekistan gedreht, im Etosha-Nationalpark in Namibia und in der Wüste Gobi. Und sie kommt aus dem Bayerischen Wald. Dort ist ihr neuer Film entstanden. "Der Wilde Wald", ein Kinofilm über den Nationalpark Bayerischer Wald.

Lisa Eder stammt aus der Gemeinde Mauth im Landkreis Freyung-Grafenau, mitten aus dem Wald sozusagen, die tschechische Grenze ist direkt nebenan. Mit 18 Jahren ist sie fortgegangen, aber die starke Verbindung zum Wald hat sie behalten - und einen Zweitwohnsitz in Passau. "Ich sag immer, ich komm aus München", erzählt sie am Telefon, zu lange lebt sie schon in der Landeshauptstadt. Und zu gerne mag sie die Stadt. Dort hat sie studiert, dort hat sie gearbeitet, auch ihre Produktionsfirma hat ihren Sitz in München. Aber doch ist Eder geprägt von der Landschaft, in der sie aufgewachsen ist.

"Wald- und Naturthemen lagen mir immer am Herzen", sagt sie, dafür ist sie viel in der Welt herumgereist. "Wie prägt die Umwelt den Menschen und umgekehrt", diese Frage hat Lisa Eder immer wieder beschäftigt. Gerade in Nationalparken, viele davon hat sie auf der ganzen Welt besucht. Weil sie soviel unterwegs war, konnte sie irgendwann sehen, was den Bayerischen Wald ausmacht. "Das konnte ich nur erkennen, weil ich woanders war", sagt sie.

Das Gefühl von Weite habe sie immer gesucht, und dort gefunden, wo die Menschen so wenig wie möglich zu sehen und zu spüren sind. Ihre Sehnsuchtslandschaft nennt sie das, die Weite und die Wildheit. Die gibt es im Bayerischen Wald. An dem Nationalpark vor ihrer eigenen Haustüre habe sie interessiert, welche enorme Sogwirkung ein so kleiner Nationalpark - "im Vergleich zum Yellowstone-Nationalpark ist er wirklich winzig" - auf die Leute habe.

Das Jubiläum kam dafür gelegen, im Oktober 2020 wurde der Nationalpark Bayerischer Wald 50 Jahre alt. Doch wie so oft im vergangenen Jahr machte die Corona-Pandemie auch Lisa Eder die Pläne zunichte. Der Film sollte auf dem Internationalen Dokumentarfilmfest im Frühjahr in München gezeigt werden und danach in die Kinos gehen. Alles wurde verschoben, nun ist die Premiere für den kommenden Mai auf dem Dokfest geplant. Danach der Kinostart. "Wir hoffen einfach", sagt sie.

Zwei Jahre lang hat sie mit ihrem Team im Nationalpark Bayerischer Wald und im benachbarten Nationalpark Šumava in Tschechien gedreht, einen ganzen Jahreslauf haben sie aufgenommen. Mythisch-mystische Bilder sind entstanden, Einblicke in eine wilde Welt. Die erschließt sich selbst bei einer Wanderung durch den Nationalpark nicht auf Anhieb. Abseits von den bekannten Wegen trifft die Filmemacherin auf Luchs, Wolf und Auerhahn, all die Tiere, die in den Nationalpark zurückgekehrt sind, auch wenn sie Besucher fast nie zu Gesicht bekommen. Eine Philosophin tritt im Film auf, die sich mit dem Verhältnis des Menschen zur Wildnis beschäftigt. Es verändere etwas, zu wissen, dass im Nationalpark wilde Tiere lebten, erklärt sie - selbst wenn sie nicht zu sehen seien.

"Der Mensch muss von der Hybris wegkommen, alles regeln zu wollen"

Eine Wissenschaftlerin kommt zu Wort, ein Förster, ein einheimischer Wanderer, Menschen, die den Wert der Wildnis erkannt haben. Für die Natur, die Tiere, aber vor allem auch für die Menschen. Eders Film ist ein Bekenntnis zur Wildnis, und das soll er auch sein. "Klar will man mit einem solchen Film auch eine Botschaft senden", sagt Lisa Eder. Die Botschaft nämlich, dass es funktionieren kann, das Miteinander von Mensch und Natur. "Wir brauchen mehr Wildheit", sagt sie, aber das sei für viele Leute schwer mit ihren Vorstellungen in Einklang zu bringen, in denen alles gerade und aufgeräumt sein muss. "Der Mensch muss von der Hybris wegkommen, alles regeln zu wollen", sagt Eder. Sie kennt die Reaktionen von Menschen, die einen Wald voller Totholz sehen und erschrocken sind über "diesen Verhau". Dabei brauche der Wald die Menschen nicht, sagt Eder. "Aber wir brauchen den Wald."

Filmemacherin Lisa Eder stammt aus Mauth.

(Foto: Lisa Eder Film GmbH)

Ihr Kinofilm zeigt die wunderbare Entwicklung des Nationalparks Bayerischer Wald zum Lebensraum für viele seltene Tiere und Pflanzen. Und zum Ausflugsziel für Touristen. Er beleuchtet aber auch die Probleme und den Widerstand, der zeitweise massiv war in der Gegend. Vor allem in den 1990er-Jahren als Stürme die Bäume durcheinander warfen wie Mikado-Stäbchen und hernach der Borkenkäfer herfiel über die geschwächten Fichten. Lisa Eder lebte da längst in München, sie bekam beide Sichtweisen mit. Die Begeisterung der Naturschützer und der fernen Großstädter für den Nationalpark. Und die Sorgen der Einheimischen, die den Wald weiter bewirtschaften wollten und hernach die Ödnis vor der Haustür sahen, die Stürme und Käfer hinterlassen hatten. "Ich habe die Menschen verstanden, aber ich habe ihre Meinung nicht geteilt", sagt Eder.

Die Schlachten sind längst geschlagen, und auch wenn nicht alle Einheimischen zu den absoluten Fans des Nationalparks zählen, so ist er inzwischen doch mehr als akzeptiert. Die Touristen kommen zahlreich, an machen Tagen sind es dem einen oder anderen eher zu viele. "Das ist eine prosperierende Region geworden", sagt Lisa Eder und sie schaut interessiert in andere Regionen, in denen nun die Debatten geführt werden. Im Steigerwald zum Beispiel, wo die Idee eines Buchen-Nationalparks die Bevölkerung spaltet. Eders Haltung ist klar: "Wir brauchen mehr unberührte Natur."

Sie ist im Wald aufgewachsen, er hat sie geprägt, aber sie habe immer Respekt gehabt. "Ich gehe ungern allein in den Wald", erzählt sie, heute noch. Dort leben könnte sie nicht mehr. Ein "bisschen untypisch für einen Waldler", sei das, sagt sie und lacht, aber "ich brauche schon die Stadt". Sie weiß ja, wo sie ihre Wildnis findet.

© SZ vom 09.01.2021/van/lfr
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