Bergsteigen Das Tagebuch aus dem Gletscher

Der Nanga Parbat gehört zu den gefährlichsten Bergen der Welt.

(Foto: Olivier Matthys/dpa)

1937 kam Peter Müllritter am Schicksalsberg Nanga Parbat bei einer Lawine ums Leben. Nun hat das Eis seine Notizen freigegeben.

Von Matthias Köpf

Der Tod ist weiß, und er ist dem jungen Mann mit seinen 30 Jahren hier oben schon häufiger begegnet. Doch nun kommt er plötzlich, unerwartet, dafür mit einer gewaltigen Wucht. Die nächtliche Eislawine begräbt das gesamte Lager IV unter sich, alle Zelte, alles Material, alle sieben Bergsteiger, alle neun Träger. Auch den jungen Mann, dem keine Zeit mehr für ein paar Zeilen bleibt. Wochen später werden die Leichen ausgegraben. Doch zwei Tote bleiben am Berg, Peter Müllritter und Adolf Göttner. Ihr Zelt und sie selbst sind unter einem riesigen Eisblock begraben, scheinbar für immer.

Aber auch hier im Himalaja, in 6200 Metern Höhe, ist das Eis nicht mehr ewig. Der Nanga Parbat, Schicksalsberg für so viele, hat etwas wieder hergegeben. Es sind fast 200 paginierte, von vier weißen Fäden zusammengehaltene Seiten Papier, im Format A6, viele zerfleddert, einige fehlen völlig. Ganz hinten ein paar verstreute Notizen, Listen, Namen, auch Kreuze dahinter. Der laufende Text endet nach der Seite 150, als auch die Tage des Peter Müllritter gezählt sind.

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Wenn Herwig Höger an seinem Arbeitstisch in der Geschäftsstelle der DAV-Sektion Trostberg dieses zerfledderte Heft zur Hand nimmt, dann fühlt sich das Tagebuch des Peter Müllritter fast so an, als bestünden die Seiten nicht aus kaltem Papier, sondern aus einem warmen, weichen Stoff. Höger berührt es nur mit dünnen weißen Handschuhen, wenn er es aus dem säurefesten Archivkarton holt. Dabei hat dieses längst einbandlose Büchlein schon so viel Gewaltigeres überstanden.

Zweimal war es am Nanga Parbat, wie Peter Müllritter selbst: Er hielt darin schon die Details der ebenfalls katastrophal gescheiterten deutschen Expedition von 1934 fest. Damals war Müllritter unter denen, die lebend wieder heimkamen, und mit ihm sein Tagebuch. "Wir sind froh, wenn wir von hier endlich fortkommen, zudem fast alle unsere Lebensmittel ausgegangen sind. Wir nähren uns nurmehr von Schaffleisch und Tee. Sonst ist alles längst zu Ende", hat er darin geschrieben. Beim nächsten Versuch 1937 blieben beide unter dem Eis - bis das Buch vor wenigen Jahren am Rakhiot-Gletscher freigeschmolzen ist. Schon der Weg, den es vom Nanga Parbat im heute pakistanischen Teil Kaschmirs zu Herwig Höger ins oberbayerische Trostberg gemacht hat, ist abenteuerlich. Er führt über das fränkische Roth.

Dort lebt Fritz Bechtold junior, der Sohn jenes Bergsteigers Fritz Bechtold, der schon 1932 an der allerersten, im Schneesturm gescheiterten deutsch-amerikanischen Nanga-Parbat-Erkundung teilgenommen und sich in den folgenden Jahren noch mehrere Male vergebens am Nanga Parbat versucht hatte, aber alle diese Versuche immerhin überlebte. Der Sohn, Fritz Bechtold junior, hat in Roth einen Freund, der für den Bau einer Schule im Industal gespendet und daraufhin 2015 Besuch von zwei Pakistanern bekommen hatte. Auch Bechtold kam mit ihnen ins Gespräch, es ergaben sich Verbindungen. 2016 berichtete einer der Pakistaner, jemand habe unterhalb des Rakhiot-Gletschers Zelt- und Kleidungsteile und menschliche Überreste gefunden - und jenes Buch, das Fritz Bechtold junior schließlich an die Alpenvereinssektion Trostberg geschickt hat. Sein Vater und der Tagebuchschreiber Peter Müllritter waren dort Mitglied.

Hier kümmert sich der frühere Vorsitzende Herwig Höger um die Erinnerung an Müllritter, Bechtold und Willy Merkl, der schon 1934 am Nanga Parbat umkam. "Merkl musste auf 2 Eispickeln gestützt gehen. Sie erreichten L. 6 aber nicht, sondern bauten ein Eisloch notdürftig aus. Ohne Schlafsack, nur mit ein paar Kulidecken verbrachten sie dort mehrere Nächte. Ansering versuchte dann den Abstieg nach L. 4. Gili wollte mit, aber Merkl bat ihn, bei ihm zu bleiben. Gilis Treue ist einfach bewundernswert: Treue bis in den Tod." So steht es in Müllritters Buch über Merkl und den Sherpa Gay Lay.

Es sind fast 200 paginierte, von vier weißen Fäden zusammengehaltene Seiten Papier, im Format A6, viele zerfleddert, einige fehlen völlig.

(Foto: )

Herwig Höger, der in diesem Sommer seinen 96. Geburtstag feiert, war damals noch keine elf Jahre alt. Der Rummel, der in Deutschland um den Nanga Parbat gemacht wurde, ist ihm aber bis heute präsent. Der mit seinen 8125 Metern neunthöchste Berg der Erde gilt Alpinisten als einer der schwierigsten Achttausender. Die Extrembergsteiger waren damals wie heute eine kleine, vernetzte, aber von vielerlei Rivalitäten geprägte Gruppe. Und schon damals waren sie sehr auf professionelle PR bedacht. Das fügte sich gut zur Propaganda der Nationalsozialisten, die - frisch an der Macht - den "Schicksalsberg" vieler deutscher Alpinisten zum Schicksalsberg aller Deutschen stilisierten und seine Bezwingung zur völkisch-nationalen Aufgabe erklärten. Und so wurden in jener Zeit etliche tote Bergsteiger als "deutsche Helden" zu Grabe getragen, mit der Hakenkreuzfahne über dem Sarg.

Die 1936 gegründete Himalaja-Stiftung, deren Vorsitzender Fritz Bechtold war, diente auch als Propagandaorganisation. Es existieren bis heute viele Fotos und umfangreiches Filmmaterial über die verschiedenen Expeditionen. Müllritter, der ein Jahr zuvor geheiratet und in Ruhpolding ein Fotostudio eröffnet hatte, sollte über die Expedition von 1937 einen Film drehen. Bei seinem Büchlein fanden sich auch maschinengeschriebene Fragmente mit Angaben zu Drehorten und Einstellungen. Er hat sie offenkundig von Fritz Berchtold erhalten. Dieser hat von den Listen offenbar unversehrte Durchschläge aufbewahrt, wie Bechtold junior Herwig Höger berichtet hat.

Müllritter war auch keineswegs der einzige, der Tagebuch führte. So nutzt Herwig Höger eine Kopie des Tagebuchs von Martin Pfeffer, um Passagen aus Müllritters Aufzeichnungen zu erhellen. Dass Pfeffer die altdeutsche Schrift benutzt hat, während Müllritter in lateinischen Buchstaben schrieb, behindert Höger bei der Lektüre nicht. "Das lese ich wie gedruckt", sagt er über Pfeffers Tagebuch, das nach der tödlichen Eislawine von 1937 nur einige Wochen am Nanga Parbat lag - und nicht acht Jahrzehnte im Gletscher überdauern musste, wie Müllritters Aufzeichnungen.

Von diesen hat Herwig Höger bisher vor allem einige Passagen aus dem Juli und August 1934 entziffern können. Er suche sich das heraus, was einigermaßen zu lesen sei, sagt Höger und erinnert daran, dass Müllritter wohl meist bei schlechtem Licht im Zelt geschrieben habe, womöglich im Liegen und ziemlich sicher ohne Tisch. Zu lesen sind ohnehin nur die Einträge, die mit Bleistift verfasst sind. Die mit Tinte geschriebenen Passagen sind längst verlaufen. Geht es nach dem, was Herwig Höger bisher herausgefunden hat, so müssen die vielen Bücher über das Thema wohl nicht umgeschrieben werden. Doch das Wenige, was Höger bisher auf drei A4-Seiten übertragen hat, lässt in seiner knappen, von Abkürzungen geprägten Sachlichkeit die großen Entbehrungen erahnen und auch die Angst um das nackte Leben.

"Schneider, Aschenbrenner und ich haben heute zum Lagr V gespurt. Wir mühten teilweise bis zum Bauch im Schneewaten und brauchten 6 Stunden. Von den Zelten sahen wir nur 30 cm aus dem Schnee hervorstehen. 5 m neben einem Zelt lag ... Nurbi erfroren. Ich begrub ihn an Ort und Stelle, während A. und Sch. nach den anderen 2 suchten. Wie jeden Tag am Mittag setzte auch heute wieder ein Schneesturm ein, der uns zwang, rasch zu unterbrechen. So konnten wir die anderen Toten, die bei den Felsen am Rakiot in den Seilen hängen, nicht mehr ausgraben. Vormittags beim Aufstieg sahen wir auf Lager VI ... eine Person herunter schauen? . . . . . . . . winken? Warum geht der Mann nicht herunter? Wir hätten dann eine Trasse und können so leichter nach L.7 gelangen, um den anderen Rettung zu bringen. Gestern winke er mit einem Tuch. Wir sind im ganz großer Sorge und befürchten das Schlimmste, denn die Leute haben ja seit dem 6. VII. nichts zu essen.."

Das Schlimmste trat am Ende ein. Seinen Tod fand Peter Müllritter drei Jahre später selbst am Nanga Parbat. Die Erstbesteigung gelang erst 1953.

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