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König Ludwig II.:So haben Sie Neuschwanstein noch nie gesehen

Schloss Neuschwanstein

Das Arbeitszimmer von König Ludwig im Licht der Taschenlampe.

(Foto: Sebastian Beck)

Das Märchenschloss zieht jedes Jahr 1,4 Millionen Touristen an. Nur nachts, wenn alles menschenleer ist, kann man noch seine ursprüngliche Atmosphäre spüren - ein Rundgang.

Die letzten Gäste sind schon seit Stunden weg, da sperrt der Mann von der Sicherheitsfirma noch einmal das Schloss auf. Durch einen langen Tunnel an der Nordseite geht es erst zum Aufzug und dann hinauf ins Traumreich König Ludwigs. Im Thronsaal lärmt ein Lüfter, der die Ausdünstungen der Besucher aus dem Gebäude saugt, die auch an diesem Dezembertag zu Tausenden durch die Räume drängten. Majestät wäre es wahrscheinlich ein Graus, wenn sie wüsste, was 131 Jahre nach ihrem Tod aus Neuschwanstein geworden ist.

Denn die Schlösser sollten nach seinem Willen dem öffentlichen Blick entzogen sein. Sie dienten nicht als Kulissen königlicher Repräsentation, waren keine Schauplätze von Empfängen und Staatsbesuchen - sie sind "Monumente königlicher Menschenscheu", wie Thomas Mann schrieb. "Nichts hasste der König mehr, als wenn Personen in seiner Abwesenheit, geschweige denn während seines Aufenthalts sein Schloß besichtigen", erzählte Max Maier, der Ludwig II. mehr als 20 Jahre lang als Postillon gedient hatte.

Königsschloss

Nachts in Neuschwanstein

Inzwischen aber ist ausgerechnet Neuschwanstein zum Wahrzeichen Bayerns auf der ganzen Welt geworden. Streng getaktet werden die Besucher durch die Führungslinie geschleust. Die Verwaltung rät von Besuchen zwischen Juli und September ab, zu lange sind die Wartezeiten in der Hochsaison.

Nachts aber, da verwandelt sich Neuschwanstein wieder in die märchenhaft-kitschige Kulisse für die königlichen Träume. Der Nachtwächter dreht den Hauptschalter fürs Licht um, wenig später erstirbt auch der Lüfter. Dann wird es still und finster. Oben im Sängersaal fällt das Mondlicht grau durch die Bogenfenster. Draußen schneit es. Wer hier mit der Kamera den letzten Schimmer einfangen will, muss eineinhalb Minuten belichten, aber vor allem stillhalten und jedes Mal eine kleine Andacht einlegen unter den Wandgemälden.

In der Vorhalle an der Südseite des Schlosses beispielsweise, wo Sigurd durch das Flammenmeer reitet, das Brünhilds Burg umgibt, um die blasse Walküre schließlich aus ihrem ewigen Schlaf zu erwecken. In Neuschwanstein begegnet man der Nibelungensage ebenso wie Tannhäuser, Parsival, Tristan und Isolde sowie Lohengrin - und auch der Orient hätte seinen Platz in Form eines maurischen Saals erhalten, wenn Ludwig II. noch länger gelebt hätte. "Wie Herrenchiemsee ist Neuschwanstein ein unvollendetes Schloss, das aber sehr viel über seinen Bauherrn aussagt", schreibt der Ludwig II.-Kenner Marcus Spangenberg.

Wie Klaus Reichold und Thomas Endl in ihrer Ludwig-Biografie schreiben, ließ sich Ludwig II. bei den Planungen von der Mittelalterbegeisterung des Vaters inspirieren, von der Kathedralenseligkeit seiner Zeit, von den Wagnerschen Opernlibretti, von den Themen der Separatvorstellungen im Theater. Und ganz offensichtlich auch von Reiseberichten, vom damals virulenten Orientalismus sowie von jenen exotischen Sensationen, die der König 1867 auf der Pariser Weltausstellung gesehen hatte, darunter Pavillons aus dem Maghreb und den Nachbau eines chinesischen Sommerpalastes.

Nur 172 Nächte verbrachte Ludwig II. in Neuschwanstein

Nachdem das Königreich Bayern 1870 seine politische Selbständigkeit verloren hatte, konzentrierte sich Ludwig II. lieber auf das Bauen. "Mein Lebensglück hängt davon ab", schrieb er noch wenige Wochen vor dem Tod seinem Vertrauten Karl Hesselschwerdt. Als kaiserlicher Vasall erlebe er nur noch Verdrießlichkeiten, klagte er. "O es ist nothwendig sich solche Paradiese zu schaffen, solche poetischen Zufluchtsorte, wo man auf einige Zeit die schauderhafte Zeit, in der wir leben, vergessen kann." Dieses in einem Brief geäußerte Bekenntnis aus dem Jahr 1869 setzte er durch die Planung und den Bau von Schlössern in die Tat um.

Schloss Neuschwanstein war sein erstes Großprojekt. An seinen Freund Richard Wagner schrieb er: "Ich habe die Absicht, die alte Burgruine bei der Pöllatschlucht neu aufbauen zu lassen im echten Styl der alten deutschen Ritterburgen. Der Punkt ist einer der schönsten, die zu finden sind, heilig und unnahbar." Den Namen Neuschwanstein hat sich König Ludwig II. nicht selbst ausgedacht. Er nannte das Projekt "Neue Burg Hohenschwangau". Neuschwanstein wird in den Bauakten erst vom Jahre 1881 an verwendet.

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Der Bau begann im Februar 1869. Vier Jahre später bezog Ludwig II. seine erste Wohnung in der Toranlage, von dort aus beobachtete er den Fortschritt der Arbeiten an den weiteren vier Gebäudeteilen (Palas, Ritterhaus, Kemenate und Bergfried), die im romanischen Stil errichtet wurden.

Im Hauptbau, dem Palas, ist der höchstgelegene Raum eine Nachempfindung des Festsaals der Wartburg mit Wandbildern nach der Parzival-Sage. Nachts schimmert hier der gebohnerte Parkettboden. Daneben schließt sich der Tribünengang an, von dem sich im Norden der Blick weit übers schneebedeckte Allgäu öffnet. Jedes Zimmer erhielt ein eigenes Bildprogramm, das der König selbst entworfen hatte. Man wandelt in Neuschwanstein durch die idealisierte Welt des Mittelalters.

Zum zentralen Raum entwickelte sich der Thronsaal, der wie eine byzantinische Kirche wirkt. Es ist kalt hier drinnen. Ein kleiner Rundgang zuletzt durch die Privatgemächer, die im Dunkeln noch drückender wirken als tagsüber. Für Ludwig II. war Neuschwanstein wohl mehr als eine begehbare Theaterkulisse. Hoffte er hier auf die Erlösung von seinen "sündhaften" Trieben, von seinem Versagen als König von Gottes Gnaden, dem es weder gelungen war, die Eigenständigkeit des Landes zu wahren noch einen Thronfolger zu zeugen?, fragt sich sein Biograf Reichold. Gerade einmal 172 Nächte verbrachte Ludwig II. in Neuschwanstein.

Kurz vor Mitternacht führt der Security den Besuch wieder nach draußen. Neuschwanstein darf noch ein paar Stunden alleine den Traum des Königs träumen. Um acht Uhr wird wieder aufgesperrt.

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