Hans Zehetmair:Der Hardliner, der liberal wurde

Lesezeit: 2 min

Hans Zehetmair: Hans Zehetmair (CSU) aus Langengeisling prägte als überzeugter Katholik über Jahrzehnte die Schul- und Wissenschaftspolitik im Freistaat Bayern.

Hans Zehetmair (CSU) aus Langengeisling prägte als überzeugter Katholik über Jahrzehnte die Schul- und Wissenschaftspolitik im Freistaat Bayern.

(Foto: Andreas Gebert/dpa)

Der langjährige bayerische Kultusminister starb im Alter von 86 Jahren. Im Laufe seiner Karriere wandelte sich der einst sehr konservative CSU-Politiker in seiner Einstellung stark.

Von Sebastian Beck, Erding

Er war ein Konservativer vom alten Schlag: Hans Zehetmair, langjähriger Kultusminister Bayerns, pflegte seine Reden gerne mit lateinischen Zitaten zu schmücken. Schließlich hatte der CSU-Politiker aus dem Landkreis Erding das Freisinger Dom-Gymnasium besucht und anschließend Altgriechisch, Latein, Germanistik und Geschichte studiert. "Contra naturam" und nicht nur "contra deum" sei die Homosexualität, sagte er 1987 mal im BR, was ihm den Ruf als Reaktionär einbrachte. Damals war er gerade mal ein Jahr Staatsminister für Unterricht und Kultus und musste sich gefallen lassen, dass ihn eine Wochenzeitung als "Moosbüffel" titulierte.

Bayerns Ministerpräsident Franz Josef Strauß hatte den Erdinger Landrat 1986 in sein Kabinett geholt, als Seiteneinsteiger gewissermaßen, ohne Landtagsmandat. Der frühere Gymnasiallehrer Zehetmair machte bald von sich reden, allerdings nicht unbedingt mit progressiver Schulpolitik, sondern mit Religion, Zucht und Ordnung - Begriffe, die damals noch das Familien- und Gesellschaftsbild der CSU dominierten. Nebenbei fungierte er als Vorsitzender des katholischen Männervereins Tuntenhausen, eine Funktion, in der er gegen moralische Verderbtheiten aller Art ins Feld zog.

Trotzdem oder gerade deswegen hielt sich Zehetmair auch nach dem Tod von Strauß und dem Rücktritt seines Nachfolgers Max Streibl im Amt. Unter Edmund Stoiber stieg Zehetmair sogar zum stellvertretenden Ministerpräsidenten auf, bis ihn Stoiber nach der Landtagswahl 1998 entmachtete: Er teilte das große Ministerium auf: Die junge Strauß-Tochter Monika Hohlmeier übernahm Unterricht und Kultus, für Zehetmair blieben Wissenschaft, Forschung und Kunst übrig. Kurz nur dachte er ans Hinschmeißen, wie er später bekannte.

Dann aber machte Zehetmair das Beste daraus: Der Kontakt zu Künstlern und Intellektuellen hinterließ auch bei Zehetmair Spuren, jedenfalls soll Stoiber in dieser Zeit gesagt haben, dass der Zehetmair Hans auf einmal moderate Anwandlungen erkennen lasse. Das bestätigte Zehetmair 2001 im Gespräch mit der SZ. "Ich bin liberaler geworden, ganz eindeutig", sagte er damals. Und seine Entgleisungen in Bezug auf Homosexualität bereute er sogar: "Das war sicher Schwachsinn."

Im Jahr 2003 schied Zehetmair aus dem Landtag aus und übernahm den Job als Vorsitzender Hanns-Seidel-Stiftung, den er bis 2014 innehatte. Überdies war Zehetmair bis 2016 Vorsitzender des Rates für deutsche Rechtschreibung, deren Reform er zu einem für ihn akzeptablen Ende brachte.

Nun starb Zehetmair im Alter von 86 Jahren. Ministerpräsident Markus Söder würdigte ihn als Mann, dem Bayern zu verdanken habe, dass es zu den weltweit stärksten Wissenschaftsstandorten zähle.

Zur SZ-Startseite

SZ PlusExklusivNotstand in der Pflege
:Hunderte Hilferufe bei neuem Pflege-SOS

Schlechte Betreuung, fehlendes Personal und sogar Gewalt gegen gebrechliche Menschen: Beim Landesamt für Pflege in Bayern sind seit März mehr als 400 Beschwerden eingegangen. Die Gewerkschaft Verdi spricht von der "Spitze des Eisbergs".

Lesen Sie mehr zum Thema