Tommie Goerz ist tot. Der Erlanger Schriftsteller ist, wie am Wochenende bekannt wurde, am 14. März im Alter von 71 Jahren gestorben. In aller Stille möchte man ihm nachrufen. Ihm, dem das Laute zuwider war. All das Ich Ich Ich, das lärmende, oberflächliche Geschwätz unserer Zeit. Sprechen, schreiben, das soll man erst, wenn man wirklich etwas zu sagen hat. Sonst besser den Mund halten, beobachten, zuhören. Wie der Fotograf in seinem Roman „Im Schnee“, den der alte Max in die karge Stube bittet, damit der Fremde mit der Kamera seine Dorfwelt festhält. Denn wenn die Menschen starben, schreibt Goerz hier, „waren die Geschichten weg. Und damit alles, was sie wussten und immer verschwiegen hatten“.
Auch ihm, diesem ruhigen, besonnenen Franken, haben die Leute ihre Türen geöffnet. Seine literarischen Reisereportagen über Wirtshäuser und die letzten Tante-Emma-Läden sind eine unsentimentale Liebeserklärung an seine Heimat. Er konnte mit dem Menschenschlag, selbst mit den Mufflerdsten, er kam ihnen nicht dumm. Dieser Dr. Marius Kliesch, wie er wirklich hieß.
Ein promovierter Soziologe war er (24 Semester, Summa cum laude), und dann ohne Job, weil zu alt und überqualifiziert. „Also wählte er den denkbar sinnleersten Job und ging in die Werbung“, hat Goerz ironisch sein früheres Ich beschrieben. Dabei war er ganz offensichtlich ein Verkaufstalent, als Creative Director gewann er den Bronzenen Löwen in Cannes. Er managte auch Politiker-Wahlkämpfe, etwa für Nürnbergs ehemaligen OB Ulrich Maly (SPD), arbeitete als Lehrbeauftragter und Unternehmensberater.
Als ewiger Student war Goerz auch ein Anpacker gewesen, jobbte als Umzugshelfer, Dachdecker, Automatenwart, Küchenkraft, Postsortierer, Schaltschrankbauer, Tankwart, Fenstermonteur, Beerdigungs-, Hochzeits- und Straßenmusiker, Schallplattenvertreter für das Lable Trikont. Er arbeitete als Hüttenwirt, Alm-Knecht, baute seiner Familie ein Holzhaus, braute sein eigenes Bier, auch Schnaps. Einer mit diesem Lebensschatz an Talenten musste Autor werden. Ein Spätstarter mit Mitte 50.
Wer sich selbst das knarzige Pseudonym Goerz erfindet, kommt auch auf einen Namen wie Friedemann „Friedo“ Behütuns, den Kommissar seiner Frankenkrimis, die von 2010 an im Ars Vivendi Verlag erschienen. Doch stehen bleiben wollte er auch literarisch nicht. Er experimentierte, suchte nach seiner Stimme. In den Romanen „Meier“ und „Frenzel“ überraschte er dann sein Publikum mit einer harten, schonungslosen neuen Sprache, gewann Preise. Doch den Tommie-Goerz-Sound – dieses Lable fände er wohl albern – fand er erst mit dem Roman „Im Tal“.
„Ich wollte mal eine Anti-Idylle im Gegensatz zu der idyllischen Welt im Regionalkrimi schreiben. Ich wollte eine Geschichte schreiben, die hängen bleibt“, sagte er damals, 2023, der SZ. Ein abgelegener Hof in der Fränkischen Schweiz, es ist Winter, ein Wanderer findet Anton Rosser, vornüber gesunken an seinem Küchentisch. Unterernährt war er, verwahrlost. Im Totenschein wird der Arzt „Herzstillstand“ vermerken. Und Goerz wird Antons ausweglos hartes Leben erzählen. In einer kargen, ehrlichen Sprache, die nie auf Effekt zielt und gerade deshalb zu großer Erzählkunst wird.
Kälte, Einsamkeit, Tod und Trauer. Darum geht es auch in seinem bislang letzten Buch „Im Schnee“. Der Roman hat Goerz zu einem Spiegel-Bestsellerautor gemacht. Dem alten Max ist sein Lebensmensch, der Schorsch, weggestorben. „Nie wieder würde er bei ihm Äpfel holen, nie wieder würden sie gemeinsam Tee trinken und im Garten, in der Werkstatt oder auf seinem Chaiselongue sitzen und den Vögeln lauschen, dem Knacken des Ofens oder dem Nichts.“
Bei einer Lesung in München vergangenes Jahr verglich Tommie Goerz sein poetisches Buch mit einem „leisen, leicht wehmütigen, aber nicht traurigen Lied“. Wie im Roman das Totenglöckchen, das anzeigt, dass wieder einer gegangen ist. Und er sprach dann, unter Tränen und mit einer Dringlichkeit in der Stimme, von der Totenwache, diesem beinahe schon verschwundenen Ritual: „Mein Appell, wenn Sie einen Sterbefall haben, und es sich mit der Aufbahrung machen lässt, schöner kann man nicht Abschied nehmen.“
Jetzt ist Tommie Goerz nach langer Krankheit gestorben. Bis zuletzt, so teilt sein Verlag mit, hat er an einem neuen Roman gearbeitet. Er wird bei Piper erscheinen und den Abschied, das Ade-Sagen von diesem großen Erzähler leichter machen.


