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Nachruf:Ein leiser Mensch in einer lauten Partei

Peter Schmidhuber, einer der letzten Zeitzeugen der CSU-Gründungsjahre, war in Bayern, im Bund und in Europa aktiv. Jetzt ist er im Alter von 89 Jahren gestorben.

(Foto: Landtag)

Von Roman Deininger

Den Luxus einer eigenen Meinung leisteten sich nicht viele in der Strauß-CSU. Nur ganz wenige gingen das Wagnis ein, diese auch noch vorzubringen. Peter Schmidhuber war so einer. 1976 redete er in Kreuth gegen Strauß' Plan an, die Bonner Fraktionsgemeinschaft mit der CDU zu beenden, sein Mitstreiter Theo Waigel hat damals alles fein säuberlich protokolliert.

Dabei war dem strengen, manchmal auch spröden Juristen Schmidhuber politischer Schlachtenlärm zutiefst zuwider, und das obwohl er der Münchner CSU entstammte, die schon immer zu ungesunder Härte neigte. Als junger Mann gehörte er dem "Dienstagskreis" um den Parteigründer Josef Müller an, dem "Ochsensepp". Im erbitterten internen Flügelstreit setzten sich die Liberalen um Müller gegen die Klerikalen um Alois Hundhammer durch. Lebenslang ist Schmidhuber ein Vertreter einer weltoffenen CSU geblieben.

Im Bundestag machte er sich einen Namen als Wirtschafts- und Finanzexperte, bis ihn Franz Josef Strauß, der offenbar zur Vergebung fähig war, 1978 als Staatsminister für Bundes- und Europaangelegenheiten in sein Münchner Kabinett holte. Schmidhuber fühlte sich als verlässlicher und präziser Arbeiter im Hintergrund wohl, weshalb seine Verdienste um die Mitwirkungsrechte der Länder auf Bundes- und Europaebene heute höchstens in einschlägigen Dissertationen gewürdigt werden.

1987 ging er für acht Jahre als EG-Kommissar nach Brüssel. Strauß gab ihm mit auf den Weg, er möge nicht dem "Brüsseler Bazillus zum Opfer fallen", der "blind macht für die nationalen Belange". Das hinderte Schmidhuber freilich nicht daran, mit seiner Zuständigkeit für den Haushalt eine wichtige Rolle bei der Wirtschafts- und Währungsunion zu spielen. Auch sonst nahm er sich die Freiheit, seiner skeptischen Partei eine positive Vision von Europa zuzumuten.

Als der junge Bundestagsabgeordnete Peter Ramsauer 1992 den "Brüsseler Bürokraten" fälschlicherweise vorwarf, in ihrer "Regelungswut" den bayerischen Jägern und Trachtlern das Tragen von Gamsbärten und Fasanenfedern verbieten zu wollen, stellte Schmidhuber klar: "Nicht jeder Angriff auf die ,Eurokraten' muss ein Blattschuss sein, selbst wenn er von den Jägern kommt."

Wer Schmidhuber spät im Leben begegnete, lernte einen Mann kennen, dem jedes Aufheben um seine Person authentisch unangenehm war - sogar die Tatsache, dass sein alter Freund Theo Waigel ihm in einem Erinnerungsbuch ein ganzes Kapitel gewidmet hatte. Nun ist Peter Schmidhuber, ein leiser Mensch in einer lauten Partei, im Alter von 89 Jahren gestorben.

© SZ vom 28.12.2020
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