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Nachgemachte Markenprodukte:Den Fälschern auf der Spur

Gefälschte Medikamente, unversteuerte Zigaretten, geschmuggelte Drogen: Bayern ist das Drehkreuz von Produktpiraten. Immer häufiger beauftragen die betroffenen Hersteller deshalb den Zoll, nach Plagiaten zu suchen.

Die Bilder werden gerne gezeigt: Dampfwalze zermalmt Uhren, Müllpresse zerquetscht Computer, Dampframme zersplittert Sonnenbrillen. Solche wiederkehrenden Aktionen sollen auf ein Problem vieler Hersteller aufmerksam machen: die Fälschung von Markenartikeln. Auch Produkte "Made in Germany" sind immer stärker vor der weltweiten Produktpiraterie betroffen. Experten schätzen den volkswirtschaftlichen Schaden allein in Deutschland auf 30 Milliarden Euro jährlich. 2011 konnte der deutsche Zoll gefälschte Waren im Wert von knapp 83 Millionen Euro aus dem Verkehr ziehen. Das gab Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble kürzlich in Berlin bekannt. Einen großen Anteil daran haben neben den Zöllnern auf den Flughäfen die Hauptzollämter Rosenheim und Regensburg - weil in ihren Gebieten die vielbefahrenen Transitrouten verlaufen. Beide Behörden zählen mit Einnahmen von 1,5 Milliarden und 1,1 Milliarden Euro im Jahr 2011 zu den einnahmestärksten Hauptzollämtern Deutschlands.

Zoll entdeckt 7,6 Millionen Schmuggelzigaretten

Etwa 3,2 Millionen Euro nahm der bayerische Zoll im vergangenen Jahr durch die Sicherstellung von unversteuerten Zigaretten ein.

(Foto: dpa)

Rund um die Uhr sind Beamte mobiler Kontrolleinheiten des Rosenheimer Zolls im grenznahen Raum auf den Autobahnen und Bundesstraßen unterwegs, um den Personen- und Warenverkehr zu überwachen. Dazu gehört auch die gezielte Suche nach gefälschten und nachgemachten Produkten aller Art. Hauptzollamtschef Rudolf Forstner sagt: "Besonders gefährlich wird es für die Verbraucher, wenn gefälschte Medikamente auf den Markt kommen." So haben die Zöllner auf der Inntalautobahn im Dezember vergangenen Jahres mehrere hundert gefälschte Potenzpillen entdeckt.

Der Kampf gegen die Produkt- und Markenpiraterie sei für den Zoll gerade in Deutschland von großer Bedeutung, weil hier hochwertige Produkte hergestellt würden. Forstner: "Durch Ideenklau und Abkupfern von Markenartikeln gehen jährlich Zehntausende Arbeitsplätze allein in Deutschland verloren." Im Interesse der Wirtschaft und der Arbeitnehmer sorgt der Zoll "für einen fairen Wettbewerb", heißt es in der Bilanz. Neben nachgemachten Spielkonsolen, Handtaschen, Schuhen oder Bekleidungsstücken namhafter Hersteller wurden im vergangenen Jahr mehr als 1000 gefälschte Aluminiumfelgen aus dem Verkehr gezogen. Die vier Regensburger "Kontrolleinheiten Verkehrswege", wie die Zollfahnder im Amtsdeutsch heißen, konnten im vergangenen Jahr unter anderem mehr als 5000 verbotene oder gefälschte Arzneimittel aus dem Verkehr ziehen. Für rund 3,2 Millionen Euro wurden unversteuerte Zigaretten sichergestellt. In Regensburg liegt, so Leiterin Margit Brandl, das Hauptaugenmerk auf dem Drogenschmuggel: So wurden 175 Kilogramm harte Drogen, davon 150 Kilo Heroin, entdeckt.

Immer mehr Produktpiraten versenden ihre Fälschungen inzwischen auch per Post. Deshalb wird die Bedeutung der Postzollämter immer größer. So stellten Beamte des Hauptzollamts Landshut in der Poststelle Hallbergmoos fast 500 gefälschte Rasierklingen in einem Paket sicher. Die Zöllner vermuteten eine Schutzrechtverletzung und informierten den Rechteinhaber, der die Fälschung bestätigte.

"Wir können natürlich nur nach Plagiaten suchen, wenn der Hersteller des Originals weiß oder vermutet, dass es Fälschungen gibt - und bei uns einen Antrag stellt", sagt Klaus Hoffmeister. Der Beamte im bayerischen Landesamt für Steuern in München hat 1995 die Zentralstelle Gewerblicher Rechtsschutz (ZGR) aufgebaut und ist seither ihr Chef - sozusagen der oberste Produktpiratenjäger des deutschen Zolls. In seiner Abteilung können Markenhersteller Anträge stellen, damit die Zollfahnder gezielt nach Fälschungen suchen können. Hoffmeister: "Erst dann haben wir eine rechtliche Basis, Waren bei Verdacht zu beschlagnahmen." Die Rechteinhaber müssen zudem genaue Informationen über die Originalprodukte und über Transportwege liefern - damit der Zoll möglichst effektiv vorgehen kann. "Wir dürfen durch unsere Kontrollen natürlich nicht den normalen Warenverkehr zwischen den Ländern behindern." Zusätzlich zu genauen Information seien "Erfahrung, Spürnase und Intuition" der Zöllner an Ort und Stelle für Zugriffe entscheidend. "Immer mehr Firmen stellen bei uns Anträge." Die sollte jeder verantwortungsbewusste Markenproduzent tun, meint Hoffmeister: "Denn schon morgen kann sein Produkt gefälscht werden."

Dampfwalze, Müllpresse und Dampframme gehören übrigens nicht zum alltäglichen Handwerkszeug der Zöllner. Sichergestellte Waren wandern auf den Müll, werden entweder verbrannt oder geschreddert. Einiges lagert auch in München beim Piratenjäger Hoffmeister - als Anschauungsmaterial für Fortbildungen, Seminare und Vorträge.

© SZ vom 22.03.2012/rang
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