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Nach Kulturstreit:Rehau statt Berlin

Enthüllung des Gedichts 'avenidas' an Hauswand in Rehau

Der Poet und seine Kunst: Eugen Gomringers Gedicht "avenidas" prangt an einer Fassade in Rehau.

(Foto: Nicolas Armer/dpa)

Gomringers Gedicht "Avenidas" wird in seiner Heimat präsentiert

An seinem alten Platz in Berlin ist es nicht mehr erwünscht, dafür aber in Oberfranken: Das ebenso berühmte wie umstrittene "avenidas"-Gedicht aus der Feder des 93 Jahre alten Poeten Eugen Gomringer prangt nun an einem Haus im oberfränkischen Rehau. Bürgermeister Michael Abraham sagte bei der offiziellen Präsentation der Fassade am Samstag: "Für mich ist das kein provokantes Gedicht." Die auf Spanisch verfassten Zeilen, die Gomringer schon 1951 schrieb, standen bislang an der Fassade der Alice Salomon Hochschule in Berlin. Im Januar hatte der Akademische Senat der Hochschule beschlossen, das Gedicht übermalen zu lassen, nachdem Studenten es als sexistisch kritisiert hatten. Daraufhin brach eine erregte Debatte über die Freiheit der Kunst und über Zensur los. Der Stadtrat von Rehau beschloss daraufhin, die berühmten Zeilen mitten in Gomringers Wahlheimatort zu platzieren.

Eugen Gomringer lebt seit mehr als 40 Jahren in Rehau. Der Schweizer, der in Bolivien geboren wurde, gilt als Erfinder der Konkreten Poesie. Er hat im Jahr 2000 in Rehau das Institut für Konstruktive Kunst und Konkrete Poesie begründet. Viele Jahre arbeitete er für den Porzellanhersteller Rosenthal als Kulturbeauftragter. Dass er jetzt mit dem Kulturpreis des Landkreises Hof geehrt und das schlagzeilenträchtige Gedicht mitten im Ort an einer Fassade verewigt wurde, freut ihn: "Ich bin jahrelang mit diesem Gedicht in den Schulen gewesen, und eine Provokation war nie beabsichtigt", sagte er am Samstag.

Auch in Bielefeld soll das Gedicht an eine Fassade gemalt werden - und in Berlin wird nach einem neuen Ort dafür gesucht. Gomringer konnte die Kritik nie nachvollziehen: "Es war schlimm, ständig dieselben Fragen beantworten zu müssen." Angehörige der Hochschule hatten moniert, "avenidas" könne Frauen gegenüber als diskriminierend aufgefasst werden. Dabei geht es insbesondere um den Satz: "Alleen und Blumen und Frauen und ein Bewunderer". Kritiker werten das als patriarchalische Sichtweise und als sexistisch.

Genau das sei nicht der Fall, sagte Thomas Wohlfahrt, Leiter des Berliner Hauses für Poesie, am Samstag in Rehau. "Ein Bewunderer ist kein geiler Grapscher." Das Bewundern sei eine Anerkennung mit Freude und reinem Herzen.