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Nach Kriegsende:Vergewaltigt, verschwiegen, verdrängt

Eine neue Untersuchung belegt: Nicht nur russische Soldaten, sondern auch Amerikaner und Franzosen schändeten 1945 deutsche Frauen.

Der Krieg war vorbei, die Lage normalisierte sich, als in Bad Reichenhall die Nachricht kursierte, dass eine hiesige Geschäftsfrau im Thumsee ins Wasser gegangen sei. So sagte man damals, wenn jemand den Freitod wählte und sich ertränkte.

Zweiter Weltkrieg, dpa

Am Ende des Zweiten Weltkrieges wurden vermutlich Hunderttausende Frauen vergewaltigt. (Im Bild: Eine Frau geht durch das zerstörte Dresden)

(Foto: Foto: dpa)

Im Sterberegister wurde lediglich vermerkt: "Tod durch Ertrinken in Folge eines Nervenzusammenbruchs". Den Gerüchten zufolge aber verbarg sich etwas anderes hinter dieser Tragödie. Die Frau sei am Kriegsende von Soldaten vergewaltigt worden, erzählte man sich in den Wirtshäusern von Bad Reichenhall, aus Scham über ihre Schändung habe sie sich das Leben genommen.

Die Zahl der Frauen, die am Ende des Zweiten Weltkriegs vergewaltigt wurden, geht vermutlich in die Hunderttausende. Bislang wurden die Schändungen vor allem der Roten Armee zugeordnet, und das hat sich auch tief ins kollektive Bewusstsein der deutschen Nachkriegszeit eingebrannt. "Die Russen waren Vergewaltiger, die Amerikaner Befreier." So urteilte das deutsche Volk nach 1945.

Heute wissen wir, dass dies nicht der Wahrheit entsprach. 65 Jahre nach dem Kriegsende wird immer deutlicher, dass viele Vergewaltigungen auf das Konto von amerikanischen und französischen Soldaten gingen, und nicht zuletzt hatten sich auch deutsche Soldaten und freigelassene Gefangene schuldig gemacht.

In den ersten Besatzungswochen war sexuelle Gewalt nicht nur im Osten, sondern auch im Süden Deutschlands an der Tagesordnung. Allerdings blieben diese Übergriffe in Bayern von Anfang an ein Tabuthema, zumindest auf der Seite der Opfer. Allenfalls von "Einzelfällen" nahm die Öffentlichkeit Notiz, ansonsten wurde das Thema verdrängt und von einer kollektiven Amnesie zugedeckt.

Dass beim Reden über das Kriegsende einiges unter dem Deckel gehalten wurde, das ahnte die Journalistin Maximiliane Saalfrank schon lange. Schließlich hatte sie in ihrer eigenen Familie von Vergewaltigungsversuchen durch alliierte Soldaten gehört. "Darüber wurde aber nicht offen gesprochen.

Es gab da ein Familienschweigen", sagt Frau Saalfrank, die deshalb schon in den neunziger Jahren begann, Zeitzeugen zu befragen. Dabei machte sie die gleiche Erfahrung wie in der eigenen Verwandtschaft: "Niemand wollte über die sexuellen Gewalttaten reden. Die Opfer und ihre Familien schwiegen, um in ihren Dörfern ohne gesellschaftliche Ächtung weiterleben zu können."

Trotzdem ist es Maximiliane Saalfrank und ihrem Kollegen Thies Marsen nach jahrelanger Recherche gelungen, wenigstens einen Teil der verdrängten Ereignisse vom Sommer 1945 in Südbayern ans Licht zu holen. Eine Reihe von Opfern war nach langem Zureden bereit, ihr Schweigen zu brechen.

Natürlich gab es gute Gründe für das Schweigen der Frauen. Im Chaos des Kriegsendes hatte sich sowohl die deutsche Verwaltung als auch die Polizei aufgelöst. Wo hätte man eine Vergewaltigung anzeigen sollen? Die Alliierten kamen nicht in Frage, vor deren Soldaten hatten die meisten Frauen nach der erlebten Gewalt große Angst. Dazu kam die Scham. In einer tief katholisch geprägten Gesellschaft wie im damaligen Bayern war die Sexualität ein Tabuthema. Deshalb hatte in den Familien niemand gelernt, offen mit solchen Themen umzugehen.

Wer außerehelichen Geschlechtsverkehr hatte, war als Flitscherl gebrandmarkt, auch wenn der Akt gewaltsam erzwungen worden war. Schon deshalb verzichteten viele Frauen auf eine Anzeige. Lediglich 180 Opfer wandten sich im Mai 1945 an die Amerikaner. Andere vertrauten sich lieber den örtlichen Pfarrern an, deren Berichte heute eine unersetzliche Quelle sind.

Die Pfarrer der Diözese München-Freising mussten nämlich im Sommer 1945 sogenannte Einmarschberichte über das Kriegsende in ihren Pfarreien abliefern. Somit gehören diese Schilderungen zu den wenigen schriftlichen Dokumenten über das leidvolle Kapitel der Vergewaltigungen.

Lesen Sie auf der zweiten Seite, wie Amerikaner und Franzosen mit den Verbrechen umgegangen sind und wie Neonazis versuchen, das Thema mit ihrer Propaganda zu besetzen.

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Beharrliches Schweigen

Die Berichte der Pfarrer schufen die Grundlage für die Recherche von Saalfrank und Marsen. In der Folge stießen sie noch auf manch weiteres Schriftstück aus dem Frühsommer 1945, das Zeugnis ablegte von sexueller Gewalt, von Angst und Terror. Die Kabarettistin Ursula Herking erwähnt beispielsweise in ihrer Autobiographie ihre Vergewaltigung durch Amerikaner nahe Deggendorf.

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Recht bald merkten Saalfrank und Marsen aber auch, dass es bei Gesprächen mit Opfern weitaus schwieriger war, etwas über die schrecklichen Ereignisse zu erfahren. "Da haben wir viel Widerstand erlebt", sagt Frau Saalfrank. Oftmals gelang ein Kontakt überhaupt nur über Vertrauensleute aus dem familiären Umfeld der Betroffenen.

Leben in ständiger Angst

Eines Tages erlebten die Journalisten, wie eine Frau lebhaft über ihre Erlebnisse zu erzählen begann. Bis sie plötzlich zusammenbrach. "Das ist eine typische Reaktion", sagt Frau Saalfrank.

"Zuerst erzählen die Opfer, als wäre es eine fremde Geschichte. Dann kommt der Punkt, da geht es nicht mehr weiter."

Ein andermal erfuhren sie von einer Frau, die als Mädchen eine Massenvergewaltigung durch SS-Soldaten erlebt hatte. Sie bekamen aber keine Gelegenheit, mit ihr ins Gespräch zu kommen. Die Frau schweigt beharrlich, da einer der Täter immer noch im Nachbarort wohnt. Seit dem Kriegsende lebt sie in Angst vor ihm.

Wie viele Opfer und Täter es gab, wird sich wohl nie klären lassen. Nach Schätzungen könnten in der amerikanischen Besatzungszone bis zu 15.000 Frauen vergewaltigt worden sein. Dabei sind die Amerikaner und die Franzosen mit dem Thema sofort offen umgegangen. Die Amerikaner ermittelten laut Saalfrank und Marsen zügig, verhörten die Beteiligten und verhängten sogar Todesurteile. In Flintsbach wurden im Mai 1945 sechs amerikanische Soldaten wegen Vergewaltigung gehängt.

Im Time Magazine wurde schon im Sommer 1945 über sexuelle Gewalttaten amerikanischer Soldaten berichtet. Maximiliane Saalfrank vermutet, dass in US-Militärarchiven noch jede Menge aufschlussreiches Material zu den Vergehen schlummert.

Die Wahrheit hinter den Gerüchten

In Bayern aber wurden die schrecklichen Taten schnell aus dem öffentlichen Bewusstsein verdrängt. In Bad Reichenhall, so fanden Saalfrank und Marsen heraus, kam es im Mai 1945 tagelang zu Plünderungen und vermutlich zu mehr als 200 Vergewaltigungen durch französische Soldaten. Aber es ist nichts dokumentiert. Die Wahrheit ist oft nur hinter Gerüchten zu erahnen: Wie sich etwa in einem Café Mädchen verbarrikadiert haben sollen, die dann von französischen Soldaten regelrecht ausgeräuchert und auf der Straße abgefangen worden seien.

Mittlerweile versuchen Neonazis, das Thema mit ihrer Propaganda zu besetzen. Vor kurzem verteilte die NPD im Berchtesgadener Land Flugblätter, in denen sie die vermeintlichen Kriegsverbrechen der Alliierten beim Einmarsch 1945 anprangert. Dass die Alliierten Vergewaltigungen und andere Straftaten ihrer Soldaten im Gegensatz zu den Deutschen nicht gefördert, sondern juristisch verfolgt haben, erwähnt die NPD nicht.